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Autor und Comedian Tahsim Durgun„Ich plädiere immer für Humor“

5 min
Tahsim Durgun mit seiner Tante Zeynep in Berlin, für die ARD-Dokuserie „Deutschland, ich küss dein Herz“

Tahsim Durgun mit seiner Tante Zeynep in Berlin, für die ARD-Dokuserie "Deutschland, ich küss dein Herz"

Tahsim Durgun, für Ihre neue ARD-Dokuserie „Deutschland, ich küss’ dein Herz“ sind Sie mit Ihrer kurdischen Tante Zeynep durch Deutschland gereist – ist das eine Liebeserklärung an das Land, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind?

Tahsim Durgun: Dafür ist es noch zu früh. Es könnte vielleicht zu einer werden. Vor allem habe in dieser Doku nicht ich die Entscheidungen getroffen, sondern Tante Zeynep. Aber ich kann so viel verraten: Es wird sehr witzig, am Ende auch emotional, und das ein oder andere Herz wird auf jeden Fall geküsst.

Was haben Sie auf dieser Reise über Deutschland gelernt?

Deutschland ist das Land der Hobbys. Ich will irgendein anderes Land sehen, wo Hobby-Horsing, Minigolfen und Pilze sammeln mit so einer Normalität koexistieren wie hier. Beim selbst ernannten Kleingarten-Sheriff, der die Heckenhöhe von Schrebergärten kontrolliert, bin ich allerdings an eine Grenze gestoßen. Das muss nicht noch einmal sein.

Nun ist Deutschland nicht nur Heimat von Kleingartenvereinen, sondern auch der größten kurdischen Diaspora. Was wollten Sie über das kurdische Deutschland erzählen?

Kurden in Deutschland mussten so viele Jahre aushalten, dass ihnen ständig ganz viele Fragen gestellt werden: „Sprichst du Kurdisch oder Türkisch? Ist es nicht eigentlich die gleiche Sprache? Welche Religion hast du?“ Kurden schreiten durch eine Welt mit sehr vielen Wissenslücken über ihre Identität. Aber gerade in den letzten Jahren sehen wir immer mehr kurdische Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit – Agit Kabayel oder Deniz Undav im Sport, Rosemondy im Streaming, Lune in der Musik –, die gerade nach vorn treten, so viele kurdische Künstlerinnen und Künstler, die den Kulturbetrieb befeuern. Und ich will dazu beitragen, dass sie noch weiter nach vorn kommen.

Sie sind noch als Fernsehkind aufgewachsen. Jetzt haben Sie Ihr eigenes Fernsehformat. Hätten Sie sich damals jemanden wie Sie als Vorbild gewünscht?

Auf jeden Fall. Ich war ein Fernsehjunkie-Kind und kannte alles, vor allem die Privatsender. Ich habe auch viel Viva und MTV geguckt. Das war damals unsere Weise, zu schauen, was gerade so in den Charts ist. Ich erinnere mich noch, wie da „Eines Tages“ des Rappers Azad zusammen mit Cassandra Steen lief. Darin gibt es eine Line, wo er ganz nebenbei sagt: „Eines Tages zeige ich allen, dass ein Kurde es geschafft hat.“ Die ganze Familie – Mutter, Vater, Geschwister und ich – war total aus dem Häuschen, dass das Wort „Kurde“ im deutschen Fernsehen gesagt wurde. Das war damals, als ich ein Kind war, eine krasse Rarität. Dass ich das jetzt ein Stück weit reproduzieren und noch offensiver zurückgeben kann, das erfüllt mich sehr.

Ihre Doku lebt auch von Memes und Social-Media-Erzählweisen. Ist das für Sie ein Weg, Fernsehen für eine junge Generation neu zu erzählen?

Ich glaube, dass es weniger um die Aufmachung als vielmehr um Inhalte geht. Ja, wir konsumieren sehr viele Kurzvideos, ich bin leider auch ein Opfer davon. Aber trotzdem bin ich überzeugt, dass in uns noch die Sehnsucht schlummert, gute Geschichten zu sehen – sei es in der Literatur, im Kino oder im Fernsehen. Es müssen halt die richtigen sein. Ich glaube, dass auch mehr Migra-Kids die ARD-Mediathek nutzen würden, wenn da Geschichten zu sehen wären, die ihre Belange und Probleme zeigen. Die Serie „Asbest“ ist da ein gutes Beispiel.

Bekannt geworden sind Sie in den sozialen Medien. Was kann sich das Fernsehen davon abschauen?

Social Media ist viel geübter darin, die Welt nach außen hin zu beobachten, und trifft den Zahn der Zeit immer noch ein bisschen aktueller als das Fernsehen. Und: Ich weiß, dass vor allem das deutsche Fernsehen sehr davon lebt, altbekannte Muster zu reproduzieren. Aber die Amerikaner trauen sich beispielsweise auch mal an diese großen Ideen wie „White Lotus“. Ich fände es cool, wenn die deutsche Medienlandschaft auch mal loslässt von dem, was schon erfolgreich war, und mehr neuen, wilden Ideen eine Chance gibt.

Zum Beispiel einer Deutschlandreise mit Tante Zeynep, die Sie vorher gar nicht kannten. Was haben Sie am Ende von ihr gelernt?

Sehr viel! Tante Zeynep hat eine Sache mit meiner Mutter gemeinsam, die sicher auch mit Lebenserfahrung zu tun hat, aber ihnen sind die Dinge einfach egaler. Ich bin leider jemand, der Dinge zerdenkt, der, bevor er in einen Raum geht, erst einmal für sich selbst viele Schritte zurückgeht: Was könnte passieren, was sage ich gleich, was antwortet die Person mir gegenüber? Das alles beiseite zu schieben, einfach zu machen und die Dinge zu genießen, das habe ich von Tante Zeynep gelernt.

Ihre Tante und Ihre Mutter teilen auch eine ähnliche Lebensgeschichte. Was sollte Deutschland über diese migrantische Frauengeneration wissen?

Ich glaube, jeder kennt eine Frau wie meine Mutter oder Tante Zeynep. Aber sie sind eben so viel mehr, als die Frau, die dir morgens beim Einkauf begegnet, oder die, die schräg gegenüber von dir in der S‑Bahn sitzt. Was oft nicht gesehen wird: Diese Frauen sind ernstzunehmende Beteiligte dieser Gesellschaft. Sie sind schon sehr lange hier und haben auch durch ihre Arbeit dazu beigetragen, dass wir alle besser hier leben können. Und: Diese Frauen haben unglaublich viel Witz. Ich freue mich, dass das jetzt auch von Tante Zeynep gezeigt wird.

Sie selbst nutzen viel Satire, um beispielsweise auf Rassismus aufmerksam zu machen. Wie wirksam ist Humor als politischer Hebel?

Das Schöne an Humor ist, dass er durchaus auch schwierige Themen  verdaulicher machen kann. Das ist ein Mechanismus, den ich versuche, zu bedienen. Ich kann vielleicht keine flächendeckenden Veränderungen anstoßen. Aber ich weiß, dass Leute mir zuschauen und unsere von Algorithmen verrotteten Gehirne nun mal auf catchy, kurzweilige Videos reagieren. Und wenn ich diese Videos so strukturieren kann, dass Witz enthalten ist, sie schnell sind, aber hier und da ein Moment gesetzt wird, der zeigt, was passiert, wenn man bestimmte Parteien wählt – wenn dadurch in den Leuten etwas ausgelöst wird und sie darüber nachdenken, dann bin ich happy.

Über das rechtsextreme Potsdamer Treffen haben Sie noch ein satirisches Video gepostet. Jetzt hat die AfD in Sachsen-Anhalt die meisten Stimmen geholt. Wann hilft Humor nicht mehr weiter?

Ich plädiere immer für Humor. Aber irgendwann ist auch das künstlerische Potenzial ausgeschöpft. Wenn ich jetzt sehe, in Sachsen-Anhalt wählen sie zu 40 Prozent die AfD, was soll ich dazu noch Lustiges sagen? Das will ich auch gar nicht, denn das ist ein alarmierendes Signal, bei dem ich denke, da müssen jetzt andere etwas unternehmen. Aber ich würde trotzdem niemals aufhören, mein Sprachrohr in dieser Hinsicht zu nutzen.

Herbert Grönemeyer, den Sie für die Doku in Berlin getroffen haben, sagt, Deutschland sei noch nicht gespalten.

Ich würde ihm niemals widersprechen, er ist schließlich the one and only Herbert Grönemeyer. Und ich verstehe, was er meint. Ich glaube, er ist einfach sehr hoffnungsvoll. Es ist extrem wichtig, sich diese Hoffnung beizubehalten.

Am Ende der Serie erzählen Menschen der ersten Einwanderungsgeneration von ihren Hoffnungen, die sie in Deutschland nie richtig verwirklichen konnten. Haben Sie das Gefühl, auch die Träume Ihrer Eltern mitzuverwirklichen?

Das ist das große Ziel. Es ist immer mit im Hinterkopf.


Tahsim Durgun 

Während der Corona-Pandemie startete Durgun mit der Veröffentlichung von Videos auf der Social-Media-Plattform TikTok. Sein erstes Video zeigte ihn beim Schreiben einer Hausarbeit über Kommasetzung, was großen Anklang fand.

2024 wurde der Oldenburger für seine Arbeit mit dem Grimme-Publikumspreis ausgezeichnet. Sein Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ war 11 Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

„Deutschland, ich küss‘ dein Herz“ wurde im Auftrag des WDR von der bildundtonfabrik für die ARD produziert. Die Doppelfolgen werden ab dem 25. September freitags nach dem „Kölner Treff“ im WDR Fernsehen und um 21:00 Uhr bei ONE gezeigt, und sind schon jetzt in der ARD‑Mediathek zu sehen.