Das Bach-Fest muss aus finanziellen Gründen kürzer treten. Die Stadt etwa hat ihren Zuschuss um die Hälfte gekürzt. Dieses Jahr finden die Konzerte deswegen in Köln-Mülheim statt.
Bach-Fest in Köln„Die neue Oper ist toll, aber vergesst die freie Szene nicht“

Christoph Spering, Dirigent aus Köln
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„Klein – und bescheiden –, aber fein“ – das ist die Devise, die Christoph Spering für sein Bach-Fest ausgibt. Der Kölner Dirigent und Bachforscher veranstaltet es am Ende dieser Woche – vom 30. Oktober bis zum 1. November – im sechsten Jahr. Fand das Ereignis in früheren Jahren etwa im Gürzenich und noch im vergangenen Jahr mit wenigstens einer Veranstaltung in der Trinitatiskirche statt, so beschränkt sich Spering heuer auf seinen jahrzehntelangen Wirkungsort als evangelischer Kirchenmusiker: die Mülheimer Friedenskirche. Sie besitzt mit der 2017 erbauten Woehl-Orgel ein instrumentales Kleinod, um das herum man hervorragend auch Bachs Vokalmusik gruppieren kann.
Nun überquert der linksrheinische Kölner auch als Musikfreund nicht unbedingt begeistert den großen Fluss – was den Konzertort problematisch machen könnte. „Mag sein“, sagt Spering im Gespräch mit dieser Zeitung, „aber für unser Programm ist die Friedenskirche der denkbar beste Ort – nicht zuletzt wegen ihrer tollen Akustik.“ Dabei weiß er auch, dass der Stadtteil dank Struktur und Umfeld vielleicht nicht gerade vor Bach-Enthusiasten überläuft, aber „die Kirchengemeinde hält sich wacker, die Friedenskirche ist eine richtige Kulturkirche“.
Die öffentliche Förderung geht zurück
Im Übrigen: Was hilft es? Die öffentliche Förderung geht zurück, die Stadt etwa hat ihren Zuschuss um die Hälfte gekürzt. Den Gürzenich könnte Spering also nicht mehr bezahlen, während er in Mülheim keine Miete entrichtet. Frei ist hier allerdings auch der Eintritt, um Spenden wird lediglich gebeten – „das muss so sein, die Leute haben kein Geld mehr“. Aber die Solisten und sein Neues Orchester hat Spering nach wie vor zu finanzieren: „Ich habe zum Glück einen Mäzen, ohne dessen Unterstützung ich es nicht machen könnte.“
Gespart werden muss auch jetzt – so oder so: Spering besetzt den Chorpart der aufzuführenden Kantaten solistisch, also nach dem Modell von Joshua Rifkin, des amerikanischen Bach-Dirigenten und -Wissenschaftlers, der sich, was die Bach-Kantaten betrifft, intensiv mit der Aufführungspraxis ihrer Entstehungszeit auseinandergesetzt hat. Spering: „Davon bin ich eigentlich kein Freund, aber es geht halt nicht anders.“ Die solistische Besetzung sei im Übrigen tatsächlich, jedenfalls teilweise, historisch korrekt.
Moderation durch ikonische Leuchttürme der Bach-Szene
Nicht mit Besetzungsfragen herumschlagen muss er sich am Eröffnungsabend, an dem zwei Solokantaten auf der Agenda stehen: „Ich habe genug“ und „Vergnügte Ruh‘, beliebte Seelenlust“ – jene mit der herrlichen Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“, diese mit der titelgebenden Eingangsarie, die sich, wie das berühmte Air aus der dritten Orchestersuite, suggestiv über einem absteigenden Tetrachord entfaltet. Der Altus Benno Schachtner und der Bass Tobias Berndt versehen die Gesangssoli, in der „Vergnügten Ruh“ kommt die konzertierende Orgel ins Spiel.
Hier wie am folgenden Reformationstag wird das Moderatorenduo Michael Maul und Bernhard Schrammek durch das Programm führen – welches Format Spering mit Blick auf die Attraktivität schon „sehr wichtig“ findet. Maul, Intendant des Leipziger Bach-Festes, und Schrammek, Musikwissenschaftler, sind mit ihrem Podcast „Bach-Kanal“ schon seit Langem ikonische Leuchttürme der Bach-Szene.
Kölner Bach-Fest im Verbund mit den Mülheimer Orgeltagen
Der Samstagnachmittag und -abend wird – kirchjahreszeitlich kongenial angepasst – um Bachs berühmte Reformationskantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80 herum gebaut. Spering hat sich mit ihr und ihren verschiedenen Versionen intensiv befasst, diese eingespielt und sie naheliegend auch für seine umfangreiche CD-Produktion mit Bachs Lutherkantaten berücksichtigt. Martin Schmeding, vielfach ausgezeichneter Orgelprofessor an der Leipziger Musikhochschule (Spering bezeichnet ihn als „meinen heimlichen Mülheimer Titularorganisten“), eröffnet mit einem Orgelprogramm rund um den Luther-Choral in Werken von Bach, Mendelssohn, Karg-Elert und Reger, im Anschluss führen Maul und Schrammek in Bachs Kantate ein. Als Ganzes wird diese – in einer wenig bekannten frühen Version – unter Sperings Leitung zum Abschluss des Reformationsgottesdienstes um 19 Uhr erklingen. Es singen Erika Tandiono, Benno Schachtner, Markus Schäfer und Tobias Berndt.
Am Sonntag – im katholischen Köln ist es der Feiertag Allerheiligen – ist „Orgel pur“ angesagt. In zwei Abteilungen um 15 und 17 Uhr spielt Johannes Lang, Organist der Leipziger Thomaskirche, Orgelmusik mit einem dezidierten Leipziger Schwerpunkt. Bach steht im Zentrum, aber es werden auch Kompositionen von Buxtehude, Mozart (die späte Fantasie KV 608), Mendelssohn und Günther Ramin zu hören sein.
Spering ist einigermaßen stolz auf sein Kölner Bach-Fest im Verbund mit den Mülheimer Orgeltagen: „Da haben wir immerhin etwas aufgebaut, das dazu beigetragen hat, dass Köln als Bach-Stadt ein Begriff ist.“ Auch hier wieder der Subtext: Es wäre schade, wenn all das infolge finanzieller Austrocknung den Bach – wohlgemerkt jetzt nicht den Thomaskantor selbigen Namens – hinunterginge. Seine Mahnung: „Die neue Oper ist toll, aber vergesst die freie Szene nicht.“
