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Bad Bunny in DüsseldorfGanz Deutschland spricht plötzlich Spanisch

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20.06.2026, Düsseldorf: Bad Bunny steht beim ersten von zwei Deutschland-Konzerten in der Merkur-Spiel-Arena auf der Bühne.

Reggaeton-Star Bad Bunny steht beim ersten von zwei Deutschland-Konzerten auf der Bühne.

Der derzeit größte Star der Welt tritt an zwei ausverkauften Abenden in der Merkur-Spiel-Arena auf. Und will doch ganz intim sein. Unsere Kritik.

Heimat ist, sang schon Herbert Grönemeyer, ein Gefühl. Sie ist an keinen Ort gebunden, man kann sie in einen Koffer packen und damit um die ganze Welt reisen. Dieser Koffer aber ist ein Lied. Er wolle ein Stück Land zum Leben, an dem Ort, an dem er geboren wurde, klagt ein Sänger des puerto-ricanischen Geschwister-Quartetts Chuwi. Die große Liebe ist nach New York gezogen, die Mutter nach Miami, singt er. Aber er ist ja auch nicht daheimgeblieben, er ist heute Abend in Düsseldorf, wo Chuwi das Vorprogramm von Bad Bunny bestreiten. Die Heimat trägt er im Lied.

Und genauso hält es der – nach der unvermeidlichen Taylor Swift – meistgestreamte Künstler der Welt: Wo Bad Bunny ist, ist Puerto Rico, ist Amerika. Und die Sprache dieses anderen Amerikas ist Spanisch. Genau wie Ansagen des Superstars, die wundersamerweise von der großen Mehrheit der rund 60.000 Konzertbesucher – am Sonntagabend sind es dann noch einmal so viele in der Merkur-Spiel-Arena – verstanden werden. Sie lachen und applaudieren an den richtigen Stellen, meistern selbst wortreiche Rap-Passagen auf Zuruf mühelos.

Es ist ein wahres Pfingstwunder

Kurz, es ist ein wahres Pfingstwunder und Bad Bunny lässt sich als sein Prophet feiern. Zu Anfang der zweieinhalb Stunden langen Show steht er wortlos und allein auf leerer Bühne, lässt sich minutenlang bejubeln. „Benito, Benito“, ruft das Publikum unisono. Scheinwerferstrahlen sind wie göttliches Licht auf Benito Ocasio gerichtet, auch wenn er mit seinem eleganten cremefarbenen Anzug, dem korrekt gestutzten Bart und der nicht anders als pornös zu beschreibenden Sonnenbrille einen etwas zweifelhaften Heiligen abgibt.

Wenn er dann endlich spricht, sind es nicht die Stimmungsaufrufe, wie man sie von Pop-Events kennt, sondern honigsüße, langgewundene Reden. Und wovon spricht er? Davon, dass in diesen Liedern – ein Salsa-Orchester fährt aus der Unterbühne hoch – ein kleines Stück von jedem verborgen sei, der hier stehe, dass sie mehr seien, als nur Musik. Ein Stück Puerto Rico, ein Stück Heimat. „Und ihr habt jetzt ein kleines Stück von euch hineingelegt und daraus ein ganz besonderes Lied gemacht, danke dafür.“

20.06.2026, Düsseldorf: Reggaeton-Star Bad Bunny steht beim ersten von zwei Deutschland-Konzerten auf der Bühne.

Zu Anfang der zweieinhalb Stunden langen Show steht Bad Bunny wortlos auf leerer Bühne, lässt sich minutenlang bejubeln.

Das erste Drittel des Konzerts ist eine reine Salsa-Show, ein Nachtklub-Act, aufgeblasen auf Stadionmaße, ergänzt um lokalspezifische Rhythmen des Inselstaats wie Plena, Jíbaro und Bomba, ohne musikalische Kompromisse. Ocasio schafft Raum für ausgedehnte Soli auf den Bongos und der Cuat­ra, der violinenförmigen puerto-ricanischen Gitarre. Zum Gruß ans Rheinland wird „Für Elise“ angespielt.

Und auch der Sänger raspelt nur gelegentlich Süßholz, er hat noch so viel anderes zu erzählen. Berichtet etwa im Auftaktstück „La Mudanza“ davon, wie sich seine Eltern kennengelernt haben: Benito, Lastwagenfahrer in dritter Generation, und Lysi, deren eigene Eltern früh gestorben sind, und die sich selbst das Versprechen gegeben hat, ihren Abschluss als Lehrerin zu machen, bevor sie heiratet. Und er singt von seinem Vorsatz, sich nicht der Welt anzupassen, sondern sie in seine Welt einzuladen, in seine Heimat.

20.06.2026, Düsseldorf: Reggaeton-Star Bad Bunny steht beim ersten von zwei Deutschland-Konzerten auf der Bühne.

Zwischendurch nimmt sich Bad Bunny eine gute Viertelstunde Zeit für die Fans in den ersten Reihen.

Das ist, wie man weiß, spektakulär geglückt. Die Streaming-Rekorde, der Grammy für das Album des Jahres, die ebenfalls komplett spanischsprachige Super-Bowl-Show, und jetzt die ausverkaufte „Debí Tirar Más Fotos“-Welttournee, für die Bad Bunny komplett auf US-Konzerte verzichtet hat. In Düsseldorf hat er die Casita seines Super-Bowl-Auftritts wieder aufbauen lassen, auf der Südseite des Stadions, direkt gegenüber der Hauptbühne, für den orchesterlosen, gerappten Teil des Abends.

Zuerst sucht man ihn vergeblich auf der Privatjet-großen LED-Wand, dann erscheint er inmitten der Feiernden auf der Veranda des kleinen Landhauses, trägt eine weiße Adidas-Trainingsjacke mit dem Logo der Sommermärchen-WM 2006, beschwört den Teamgeist und nimmt sich eine gute Viertelstunde Zeit für die Fans in den ersten Reihen (die für den Rest des Konzerts ganz hinten stehen): Herzt Stirn an Stirn ein sichtlich ergriffenes Mädchen, umarmt einen kleinen Jungen, flüstert ihm etwas zu, begrüßt eine weißhaarige Abuela, kuschelt einen jungen Typ mit Strohhut und holt ihn im Sinne seines Songs „Ich werde dich nach Puerto Rico mitnehmen“ auf die Bühne.

Das ist kein Popkonzert mehr, das ist ein Papstbesuch. Und genau so wird Benito vom Publikum behandelt. Er lädt uns alle nach Puerto Rico ein, in seine Casita, obwohl das ein Ding der Unmöglichkeit ist und es viel Technik braucht, um wenigstens die Illusion dieser Heimeligkeit zu schaffen: Laserblitze, Live-Video, Feuerwerk, und die reflektierenden Pappkameras, die an die Zuschauer auf den Tribünen ausgegeben wurden. Singt – nach „Monaco“, dem Track mit dem Charles-Aznavour-Sample, ein exklusives Stück, das nur zu diesem Tour-Termin erklingen wird.

Und während er auf das Dach des Landhauses steigt, öffnet sich langsam auch das Dach des Stadions, lässt Welt herein. Dass die Nachtluft kühl genug ist, um, die Fellmütze mit Ohrklappen zu rechtfertigen, die sich Bad Bunny überzieht, als er schließlich wieder auf die große Bühne wechselt, wagen wir zu bezweifeln, aber so kann man ihn zwischen den weißen Tänzerinnen und Tänzern erkennen. Ein letztes Mal beschwört er im Titeltrack der Tour – „Ich hätte mehr Fotos machen sollen“ – die Flüchtigkeit der Welt, mit mehr Feuerwerk und leidenschaftlichen „Puerto Rico“-Rufen. Noch eine Nacht am Rhein, dann geht die Reise weiter. Doch die Heimat reist in seinen Liedern mit. Und mit ihr die Idee von einem anderen, besseren Amerika.