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„Alte Leute sind gefährlich“Der Philosoph Bazon Brock wird 90 Jahre alt

4 min
Bazon Brock

Bazon Brock hatte als bundesweit erster Professor einen Lehrstuhl für «Prophetie» inne.

Der Philosoph und „Denk-Artist“ Bazon Brock wird 90. Ans Aufhören denkt der einstige Beuys-Weggefährte aber nicht.

Am 2. Juni vollendet der Philosoph Bazon Brock sein 90. Lebensjahr. Der emeritierte Ästhetik-Professor aus Wuppertal und einstige Weggefährte von Joseph Beuys (1921-1986) ist als wortgewaltiger Denker im Kunstbetrieb bekannt. Er selbst bezeichnet sich als „Denker im Dienst“ sowie „Künstler ohne Werk“ und misst seinem Alter keine Bedeutung bei.

Eine simple Frage nach seinem Befinden führt bei Brock zu einer philosophischen Darlegung. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erläuterte er: „Ich verfolge die apokalyptische optimistische Haltung, wie sie für Europa individuell wie auch kulturell und theologisch vermittelt ist“. Er fügte hinzu: „In meinem Ende liegt mein Anfang.“ Den Gedanken an den Ruhestand empfindet er als Affront: „Jeder, der intelligent ist, hat noch nie an so etwas gedacht, wie sich zur Ruhe zu setzen.“ Bereits zu seinem 85. Geburtstag hatte der Denker mit dem markanten weißen Haar gewarnt: „Alte Leute sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal.“

Einzigartige Professur für „Prophetie“

Brock ist ebenfalls als „Denk-Artist“ bekannt, ein kontroverser Performance-Philosoph, der für seine ausufernden Monologe und seine komplexe Gedankenwelt berüchtigt ist. Er rief eine Vielzahl von Instituten ins Leben, zu denen das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung und das Büro für Evidenzkritik zählen. Eine in der deutschen Hochschullandschaft beispiellose Ernennung erfolgte 2014/2015, als Brock von der Hochschule der Bildenden Künste Saar eine Honorarprofessur für das Fachgebiet „Prophetie“ erhielt.

Seit 2011 leitet Brock in Berlin, das er neben seinem Wuppertaler „Basislager“ als zweite Heimat betrachtet, die „Denkerei“. Diese fungiert als „Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik“ und konzentriert sich auf die „Arbeit an unlösbaren Problemen“. Das Hoftheater in Kreuzberg dient diesem intellektuellen Salon als Domizil.

In Berlin finden auch die Feierlichkeiten zu Brocks 90. Geburtstag statt. Laut Ankündigung planen Schauspieler wie Martin Wuttke, Angela Winkler und Fabian Hinrichs, zu diesem Anlass „einen erhebenden Radau“ zu veranstalten. Brock selbst hat eine dezidierte Ansicht zum Thema Feiern: „Die Geburtstagsfeier gilt nicht dem Geburtstagskind, sondern denjenigen, die dem Geburtstagskind das Leben ermöglichen.“

Prägender Kopf der Kunstvermittlung

Bei dem Vornamen Bazon handelt es sich um ein Pseudonym. Geboren wurde Jürgen Johannes Hermann Brock 1936 in Stolp, Pommern. Den Spitznamen „Schwätzer“, der aus dem Griechischen abgeleitet ist, erhielt er von seinem damaligen Lateinlehrer. Brocks Denken wurde maßgeblich durch seine Erlebnisse als Kriegskind, die Flucht vor der Roten Armee sowie durch Entbehrungen und Bombardierungen geformt.

Sein Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie absolvierte er unter anderem bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. Brock zählte in den 1960er und 1970er Jahren zu den bedeutendsten Vermittlern von Kunst. Die von ihm entwickelte Methode des „Action Teaching“ macht jeden Satz zu einer Bühne. In Kassel leitete er zudem von 1968 bis 1992 die von ihm ins Leben gerufenen Documenta-Besucherschulen, um einem breiten Publikum Kunst zugänglich zu machen.

Professionalisierung des Bürgers

In jüngeren Jahren sorgte Brock für Aufsehen, indem er Vorträge im Kopfstand hielt oder seine Schuhe in den Ätna warf. Der ausgebildete Dramaturg, der auch in Philosophie promoviert hatte, erhielt bereits im Alter von 29 Jahren eine Professur für Ästhetik in Hamburg. Gemeinsam mit Peter Sloterdijk rief er in Karlsruhe „Profi-Bürgerbewegungen“ ins Leben, deren Ziel es war, Bürgerinnen und Bürger in ihren Rollen als Wähler, Patienten oder Konsumenten zu „professionalisieren“.

Von 1981 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 bekleidete Brock den Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität in Wuppertal. Ähnlich wie Beuys, der den Kunstbegriff erweiterte, leistete auch Brock in den 1960er Jahren einen entscheidenden Beitrag zur Öffnung der Begriffe von Kunst und Ästhetik, beispielsweise durch seine Abhandlungen zu Wohnstilen, Soziodesign und Mode. Darüber hinaus organisierten Beuys und Brock gemeinsame Happenings, was einen wichtigen Impuls für die Performance-Kunst darstellte.

Optimismus als Verpflichtung

Auf die Frage nach seiner Selbstbeschreibung antwortet Brock: „Ein Mensch mit beispielhafter Geistesgegenwart“. Sein Anliegen formuliert er so: „Keine ideologische Verblendung, weder links noch rechts, keine märchenhafte Übersteigerung, kein Mystizismus und der ganze Blödsinn. Sondern sagen: Wach sein, das ist alles.“ Brock beteiligt sich nach wie vor an öffentlichen Diskussionen, so auch zur Documenta 15, die 2022 von einem indonesischen Kollektiv kuratiert wurde und aufgrund antisemitischer Abbildungen heftige Kritik erfuhr. Brocks Kommentar dazu lautete: „Wir entsprechen mit dieser Documenta genau der Weltlage“.

Für den profilierten Denker besteht die Aufgabe von Kultur darin, „Die Leute zu befähigen, sich zu entfalten, als wären sie unsterblich. Aber nicht im Sinne der Allmachtswahnsinnigen, der Psychopathen, sondern als wären sie bis zur letzten Stunde ihres Todes im Vollbesitz ihrer Aktionskraft.“ Brock sieht eine Pflicht zum Optimismus, selbst wenn dies angesichts der gegenwärtigen globalen Situation eine Herausforderung darstellt. „Jeder weiß, dass er einen Tag sterben wird“, erklärt er. „Er kann aber nicht durch die Gewissheit des Todes überzeugt werden, überhaupt nicht mehr zu leben. Die Gewissheit des Todes ist die Aufforderung anzufangen.“ (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.