Mit der Geigerin Corina Belcea an der ersten Violine pflegt das Belcea Quartet das klassisch-romantische Repertoire bis zur Moderne und wagte sich beim Auftritt in Köln auch an Neue Musik.
Belcea Quartet in der Kölner PhilharmonieBrillant, aber zu glatt

Belcea Quartett
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Selbst ist die Frau: Noch während des Studiums am Royal College of Music in London gründete die rumänische Geigerin Corina Belcea 1994 das Belcea Quartet. Mit ihr an der ersten Violine pflegt die Formation seit nunmehr über dreißig Jahren das klassisch-romantische Repertoire bis zur Moderne. Auch an einige Traditionalisten der neuen Musik wagt man sich, etwa Penderecki, Larcher, Turnage und Brett Dean.
Ungewöhnlich neutönend klang bereits 1785 Mozarts Streichquartett KV 465, das wegen seiner langsamen Einleitung den Beinamen „Dissonanzen-Quartett“ erhielt. Dieses letzte Quartett der sechsteiligen Sammlung, die Mozart seinem Vorbild und Freund Joseph Hayden widmete, beginnt mit dissonierenden Vorhalten, die stets anders aufgelöst werden und zu immer neuen Tonarten und Trugschlüssen modulieren. Das Kernmotiv des spielerischen Allegro besteht dann ebenfalls aus einem Vorhalt, wie auch das gesangliche Adagio.
Das tändelnde Menuett scheint zunächst frei von dieser Idée Fixe. Doch im ungestümen Trio-Mittelteil sind die Vorhalten dafür wieder umso präsenter, auch im Allegro-Finale mit wahlweise galanter oder zu Moll verdüsterter Polyphonie und markanten Tutti-Gesten. Mozart verklammert den gesamten Sonatenzyklus durch alle Tempo- und Charakterwechsel hindurch mit demselben Motivkern. Die vier Streicher spielten brillant, perfekt intoniert und gestisch sprechend mit pointierter Frage-Antwort-Interaktion.
Brett Deans fünfsätziges „A Little Book of Prayers“ setzt tonal erweitert die große Gattungstradition fort. Motivik, Gestik, Kontraste von Solo–Tutti und Polyphonie–Homophonie wirken geradezu klassisch. Im ersten Satz „Petition“ zaubert das Violoncello einen strahlenden Gesang über unruhig flirrenden Läufen. Als gälte es das verkehrte Rollenverhältnis zu korrigieren, schwingt sich dann die erste Geige in leuchtende Höhen hinauf. Der zweite Satz „Speaking in Tongues“ ist ein heiteres Geplapper mit diversen Spieltechniken und Floskeln, als lallten die vier Stimmen wie beim Pfingstwunder in Zungen durcheinander. Die deutsche Erstaufführung dieses 2024 geschriebenen vierten Quartetts des 1961 geborenen australischen Komponisten vermochte den kleinteiligen Kontrasten zwischen Groteske und Religioso jedoch keinen größeren Spannungsbogen zu geben.
Den Schlusspunkt setzte Beethovens letztes Streichquartett op. 135. Das Belcea Quartet interpretierte das drei Monate vor Beethovens Tod vollendete Spätwerk durchweg weich, duftend, brillant, jedoch zu glatt, energie- und zahnlos. Die abrupten Tempo-, Dynamik- und Charakterwechsel wurden durch zu viel Agogik und dynamische Zurücknahmen eher klassizistisch moderiert als romantisch zerfurcht in ihrer Unvermittelheit und Schärfe herausgestellt. Beethoven baut freilich auf Haydn und Mozart auf, muss aber deswegen nicht wie diese gespielt werden. Das Publikum der Philharmonie dankte lebhaft.
