Gespräch mit Berlinale-Chefin Tricia Tuttle: Vielfalt deutscher Filme und Aufmerksamkeit durch Stars prägen das Festival, während Sponsoring-Einnahmen um zwanzig Prozent steigen.
Berlinale-Chefin Tricia TuttleSponsoring steigert Einnahmen trotz Budgetkürzungen

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle.
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Frau Tuttle, was waren die drei lohnendsten Erfahrungen in Ihrem Job im vergangenen Jahr?
Am eindrucksvollsten war, das Publikum der Berlinale live zu erleben. Ich wusste, dass wir viele Besucher haben, aber ihre Begeisterung für die unterschiedlichsten Filme und ihr Wunsch, sich darüber auszutauschen, waren überwältigend. Die Fragerunden nach den Aufführungen hätten oft 45 Minuten oder länger dauern können und wären immer spannend geblieben.
Außerdem war es großartig zu sehen, wie wir den Marlene-Dietrich-Platz wieder zu einem lebendigen Herz des Festivals machen konnten. Schließlich war die Zusammenarbeit mit einem Team, das sein Handwerk perfekt beherrscht, sehr bereichernd.
Können Sie einige Trends nennen, die Ihnen bei der Programmauswahl aufgefallen sind? Was diskutieren Filmemacher, was bewegt sie?
Es ist noch früh, um endgültige Trends zu erkennen, aber schon jetzt fällt die Vielfalt deutscher und deutschsprachiger Filme auf. Es gibt Beiträge von bekannten Filmemacherinnen und Filmemachern ebenso wie von neuen Stimmen. Viele Arbeiten beschäftigen sich mit den Folgen von Vermögensungleichheit und dem späten Kapitalismus und zeigen, wie diese Unterschiede Beziehungen, Familien und Gemeinschaften beeinflussen. Politische Themen tauchen auf, aber eher im allgemeinen gesellschaftlichen Kontext. Die Filmemacher wollen die Realität unserer Zeit einfangen und zum Nachdenken anregen.
Wie wichtig sind VIPs für ein Festival?
Stars und prominente Gäste sind ein fester Bestandteil der Berlinale. Sie ziehen Aufmerksamkeit auf Filme, erzeugen Begeisterung und sorgen dafür, dass Zuschauer Figuren und Geschichten intensiver erleben. Gleichzeitig bringen sie Dynamik ins Programm und schaffen mediale Sichtbarkeit. Letztes Jahr war die Mischung aus bekannten Schauspielern und neuen Talenten ein wichtiger Teil der Festivalatmosphäre.
Budgetkürzungen sind ein Thema in Deutschland. Spüren Sie das beim Festival?
Budgetkürzungen betreffen die gesamte Kulturbranche, auch uns. Gleichzeitig hatten wir im letzten Jahr Glück mit eigenen Einnahmen, besonders im Sponsoring, das um rund 20 Prozent gestiegen ist. Das gibt Hoffnung, dass wir Mittel klug einsetzen und neue Wege finden können, um das Festival finanziell zu stärken.
Die Berlinale ist berühmt für ihre queeren Filme und den Teddy Award. Wäre es nicht Zeit, den Teddy zu einem offiziellen Preis zu machen?
Der Teddy ist zentral für unsere Identität und gleichzeitig eine unabhängige Organisation mit eigenem Profil. Er ist ein wichtiger, Teil der Berlinale, behält aber seine Unabhängigkeit. Deshalb ist er kein offizieller Preis. Dieses Jahr feiern wir den 40. Geburtstag des Teddys mit einem Jubiläumsprogramm, das die Bedeutung des Preises für queeres Kino und das Festival besonders hervorhebt.
Content Creator und Influencer – gewinnen sie für Festivals an Bedeutung oder bleibt Journalismus zentral?
Journalismus bleibt für die Berlinale entscheidend. Wir sorgen dafür, dass unabhängige Journalistinnen und Journalisten die Filme umfassend abdecken können. Influencer spielen bei uns keine führende Rolle, auch wenn ich schätze, dass sie Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit erzeugen, aber Content Creator, die echte Filmfans sind und ihre Leidenschaft über Video teilen, interessieren uns sehr. In diesem Jahr arbeiten wir wieder mit TikTok zusammen, um einige dieser Creator einzuladen, damit sie ihre Eindrücke verbreiten und Aufmerksamkeit auf unabhängiges Kino lenken.
Letztes Jahr gab es Vorfälle mit kontroversen Aussagen. Wie bereiten Sie sich vor, um Respekt und Inklusivität zu gewährleisten?
Wir haben mehr als 500 Publikumsgespräche oder Panelveranstaltungen. Letztes Jahr hatten wir einige wenige Vorfälle, bei denen Aussagen einzelner Teilnehmer im Publikum für Unbehagen sorgten. Wir haben intensiv daran gearbeitet, ein Umfeld zu schaffen, in dem freie Meinungsäußerung möglich, aber respektvoll bleibt. Wenn problematische Äußerungen vorkommen, erklären wir klar, dass es sich um die Meinung der Person handelt und nicht um die Haltung des Festivals. So schützen wir das Publikum und sorgen dafür, dass respektvolle Diskussionen möglich sind.
Sie kommen vom London Film Festival, wo der Überraschungsfilm sich großer Beliebtheit erfreut. Wäre das keine Idee für die Berlinale?
Das ist eine großartige Idee, über die wir schon gesprochen haben. In diesem Jahr wird es nicht umgesetzt, es sei denn, wir überraschen das Publikum und schaffen einen besonderen Moment.
Hat künstliche Intelligenz eine Rolle beim Festival gespielt?
Nicht direkt, aber wir haben dieses Jahr erstmals bei der Programmauswahl gefragt, ob KI bei der Produktion eines Films eingesetzt wurde. Wir machen keine generellen Regeln dazu, aber es ist spannend zu beobachten, dass KI Filmemachern helfen kann, Kosten zu senken, zum Beispiel bei Budgetplanung, Schnitt, Organisation von Material oder beim Rohschnitt. Ohne eine kluge Regulierung besteht zweifellos die Gefahr für bestimmte kreative Berufe, aber es eröffnen sich auch einige neue Chancen für das unabhängige Kino.
Worauf freuen Sie sich am meisten bei der nächsten Berlinale?
Besonders gespannt bin ich darauf, zu sehen, welche Entscheidungen Wim Wenders und seine Jury treffen. Er war noch nie Berlinale-Jurypräsident, und es ist aufregend, ihn in dieser Rolle zu erleben. Seine Neugier und sein breites Interesse am Kino versprechen ein vielseitiges und inspirierendes Urteil der Jury.
Zu guter Letzt: Ihr Lieblingsfilm aller Zeiten?
Das ist eine knifflige Frage. Mir fällt sofort „Der Unbeugsame“ ein. Ich bin ein großer Paul-Newman-Fan, und dieser Film gehört zu meinen absoluten Favoriten.
