Die Berlinale begeistert mit großartigen Beiträgen unter denen drei deutsche Produktionen zum Besten gehören.
Berlinale"Etwas ganz Besonderes" mit Blick auf die ostdeutsche Provinz

Die Regisseurin Eva Trobisch spricht während der Pressekonferenz zum Film „Etwas ganz Besonderes (Home Stories)“.
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Man stelle sich vor, es ist Berlinale-Wettbewerb, und die enttäuschenden Filme sind alle zu Hause geblieben. So sieht es aus, einen Tag vor dem Ende einer außerordentlichen Konkurrenz internationaler Filmpremieren. Wie kann das gehen? Haben wir uns nicht längst daran gewöhnt, auch das Mittelmäßige für unvermeidlich zu halten, in dessen Umgebung das Großartige erst so richtig strahlt?
Unbeantwortete Frage beim Casting
Und noch etwas scheint völlig unerhört: In all dieser Pracht gehören ausgerechnet drei deutsche Produktionen zum Besten. Nach „Gelbe Briefe“, İlker Çataks Familiendrama vor dem Hintergrund politischer Verfolgung in der Türkei, und „Rose“, Markus Schleinzers Historiendrama mit einer umwerfenden Sandra Hüller in tragischer „Hosenrolle“, nun auch noch „Etwas ganz Besonderes“: Das Lob des Filmtitels ersingt sich in Eva Trobischs Familiendrama aus der ostdeutschen Provinz eine Teenagerin bei einer Castingshow.
Auf keine der Interviewfragen, die ihr ein auf gute Laune programmierter Fernsehredakteur in der Vorbereitung stellt, weiß Lea eine Antwort: „Wer bist du und was macht dich aus?“ Und auch in der Kleinstadt in der Nähe von Gera wurde man offensichtlich zu oft das Falsche gefragt. Erst wickelte die Treuhand die Tuchindustrie ab, nun ist Leas Tante aus dem Westen zurückgekommen, um das Kultur- und Industrieerbe in ein modernes Museum zu verwandeln.
Darüber zerstreitet sie sich mit Leas Oma, die noch am Webstuhl stand. Zum Kontrast zu Leas zärtlicher Popballade auf der Show-Bühne singt ein Chor an anderen Stellen im Film „Die schlesischen Weber“, doch sozialistische und kapitalistische Identitäten lassen sich nicht im Kanon einer schicken Museumsausstellung harmonisieren. Und Neonazis verschwinden nicht, auch wenn man sie aus dem Familiengasthof verbannen kann. Mit einem grandiosen Ensemble lässt Trobisch glänzend ausgeführte Figuren aufeinander los und macht plausibel, was diese sich selbst nicht zu sagen vermögen.
Dokumentarische Langsamkeit
Wenn man dem ruhelosen Zweistundenfilm etwas vorwerfen könnte, dann seine so kunstvolle Verdichtung. Ein paar Pausen hätten ihm gutgetan, etwas Zeit für die Landschaft und die Gesichter. Vermutlich ist noch genug Material da, der Film verträgt auch eine weitere halbe Stunde. Es ist das denkbare Gegenteil zum Kino von James Benning, dem Meister der dokumentarischen Langsamkeit. Für „Eight Lakes“, gezeigt im Internationalen Forum, ist er zum Konzept seiner „kalifornischen Trilogie“ zurückgekehrt, doch längst vergessen sind die Zeiten, als er mit elfminütigen, statischen Einstellungen von Seen und Eisenbahnzügen das Publikum polarisierte.
„Die investierte Zeit bekommt man vergoldet zurück“, verteidigten wir hier vor zwei Jahrzehnten seine Methode, die damals nicht wenige Zuschauer als Mutprobe betrachteten. Nun flüchtet niemand mehr aus dem voll besetzten Delphi-Filmpalast, und man könnte während der zehnminütigen Aufnahmen amerikanischer Brücken eine Stecknadel fallen hören. Die berühmteste kommt gleich zu Anfang, San Franciscos Golden Gate Bridge ist selbst ein bewährter Filmstar.
Den Brücken gewidmet
Der 83-jährige gilt als meistgespielter Regisseur des „Forums“, und nirgendwo auf der Welt, so sagt er vorab, werde er so gut verstanden wie in Berlin. Was ihn nach stärker politisch ausgerichteten Filmen zurück zur Natur brachte und den über ihr erwachsenen Monumenten der Infrastruktur, ist gleichwohl politisch. „Es scheint gerade an der Zeit, sich mit Brücken zu beschäftigen“, lautet seine minimalistische Inhaltsangabe im Programmheft mit Verweis auf das politische Klima, nicht nur in den USA.
