Mit Markus Schleinzers "Rose" und einer überragenden Sandra Hüller hat die Berlinale ihre Favoriten
BerlinaleSandra Hüller begeistert in Charakterstudie „Rose“

Sandra Hüller, Schauspielerin, und Markus Schleinzer, Regisseur, Drehbuchautor, stehen bei der Weltpremiere des Films «Rose» (Sektion Wettbewerb) auf dem Roten Teppich am Berlinale Palast.
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Auch Festivals, die doch jeden Tag Säcke voller filmischer Neuigkeiten ausschütten, haben ihre Déjà-vus: Wie Cannes 2023 hat die Berlinale eine haushohe Favoritin für den Darstellerinnenpreis, und wieder ist es Sandra Hüller, die in der amerikanischen Branchenpresse die Schlagzeilen bestimmt: „Sandra Hüller ist phänomenal in fesselnder Charakterstudie, angesiedelt im Deutschland des 17. Jahrhunderts“, schreibt „Screen International“.
Tragische Entwicklung
Dieser Film, der derzeit die Kritiker-Umfragen zum Wettbewerb anführt, heißt „Rose“, geschrieben und in expressivem Schwarzweiß inszeniert vom Österreicher Markus Schleinzer. Wer das Glück hat, einen Blick in sein meisterhaftes Drehbuch zu werfen, bewundert selbst in den Regieanweisungen eine Sprache im Geist der Zeit: „In ihrer Zelle steht Rose auf ihrer Schlafstatt, um so näher an das kleine, vergitterte Fenster zu kommen. Es reicht nicht, um hinauszusehen, aber hören kann sie so besser, was da unten munter über sie und ihr Leben berichtet wird.“
Bevor es zu dieser tragischen Entwicklung kommt, hat Rose in einem Dorf in Männerkleidung Akzeptanz gefunden, das Erbe eines gefallenen Soldaten angetreten, und sogar, glücklich verheiratet mit einer jüngeren Bauerntochter, eine Familie gegründet. Als dann doch eine Magd einen Blick auf ihr weibliches Geschlecht erhascht, endet die gestohlene Freiheit jäh. Wie oft wirkt es in historischen Stoffen aufgesetzt, wenn sie mit modernen Geschlechterrollen aufwarten, doch dies ist das Gegenteil eines kalkulierten Ausstattungsfilms wie etwa „Die Päpstin“.
Denkbar stringent erzählt in seinem Minimalismus, gut in die Konventionen historischer Bauerndramen eingebunden, bringt er eine originelle Idee zum Strahlen. Und dafür sorgt ganz besonders Sandra Hüller, die hier gegen das entstellende Maskenbild einer Gesichtsverletzung anspielt. Schon mit seinem Missbrauchsdrama „Michael“ war Schleinzer 2011 als Debütant in den Wettbewerb von Cannes aufgenommen worden. Diesem Kammerspiel um einen jahrelangen Missbrauchsfall in einem Kellerverlies gelang bereits ein sehr effektvoller Minimalismus. Hier aber hat man es mit einem veritablen Festivalgewinner zu tun.
Erst schüchtern, dann souverän
In der Rolle von Roses Ehefrau Suzanna, die von devoter Schüchternheit zu einer souveränen Handlungsträgerin heranreift, könnte die Newcomerin Caro Braun den Grundstein zu einer Weltkarriere gelegt haben. Die größte Gefahr eines solchen historischen Gender-Themas liegt in einem möglichen Anachronismus, doch das Gegenteil ist der Fall. Zunächst fühlt man sich an klassische Hosenrollen in Abenteuergeschichten erinnert, erst allmählich begreift man die Gefahr, die in dieser protestantischen Dorfgemeinschaft lauert – Lars von Trier oder Michael Haneke könnte es nicht besser beschreiben.
Wer nach diesem Triumph mit einem Film in den Ring steigt, ist nicht zu beneiden. Für den Amerikaner Lance Hammer, der 2008 sein Regiedebüt „Ballast“ auf der Berlinale zeigte, ist „Queen at Sea“ erst seine zweite Regiearbeit. Juliette Binoche droht in diesem englischen Sozialdrama als Tochter einer Demenzkranken die eigentlichen Protagonisten an die Wand zu spielen, Tom Courtanay als Leslie und Anna Calder-Marshall. Als die Tochter ihre Mutter mit ihrem Ehemann beim Sex ertappt, ruft sie die Polizei: Ihrer Meinung nach kann die Greisin ihr Einverständnis dazu nicht erklären. Dass sich die alten Leute sichtlich innig lieben, hindert die Londoner Behörden nicht daran, das übliche Programm bei Vergewaltigungsverdacht ablaufen zu lassen, schmerzliche Untersuchungen des vermeintlichen Opfers und ein Umgangsverbot für den verhafteten über 80-jährigen Verdächtigen, als er gegen Kaution freikommt.
Konstruierte Zuspitzung
Nun ist es ja keineswegs so, dass das Thema Demenz im Kino überstrapaziert wäre, und das Darstellerpaar ist wunderbar. Einige Szenen mit ihnen sind herzzerreißend, aber der Filmemacher gibt sich damit nicht zufrieden. Eine überflüssige Nebenhandlung der Teenager-Enkeltochter, die zufällig gerade selbst den Sex entdeckt und konstruierte Zuspitzungen lassen den Film im letzten Akt entgleiten. Glücklich, wer sich in seinem filmischen Werk einen Stil erarbeitet hat, der mit dramatischen Übersteigerungen, ja jedem Zwang zum Hinsehen auf Kriegsfuß steht.
So wie Angela Schanelec, deren neuer Film „Meine Frau weint“, ein Wunder an Leichtigkeit und fein balanciertem Understatement ist. Dabei ist es durchaus ein dramatisches Ereignis, das einen 40-jährigen Kranfahrer ins Krankenhaus beordert. Seine Frau Carla hat, körperlich unbeschadet, einen Autounfall überlebt, bei dem ihr Tanzpartner gestorben ist. In der Folge spricht das Paar über seine Gefühle, doch so sehr beide dabei um Worte ringen, so wenig nähern sie sich an. Weitere Figuren treten in eine Art Kanon über die Suche nach zwischenmenschlichem Gleichklang ein, der sich schließlich im Tänzerischen fortsetzt.
Bedächtiger Musikeinsatz
Deutlich inspiriert von Straub-Huillet lässt die Filmemacherin Laiendarsteller ein grammatikalisch makelloses Deutsch als Fremdsprache sprechen, was einen poetischen Verfremdungseffekt generiert, der jedoch alles andere als befremdlich ist. Im Gegenteil entfaltet sich gerade aus dem Unvermögen, mit Worten ans gewünschte Ziel zu kommen, eine betörende Empathie auf Seite der Betrachtenden. Eine warme analoge Kameraführung, ein impressionistisches Spiel mit Licht und ein bedächtiger Musikeinsatz komplettieren dieses Filmgedicht, an dem Wim Wenders’ Jury kaum vorbeikommen wird.
