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Berühmtes BildWas uns „Der Schrei“ über Hitzerekorde und brennende Wälder erzählt

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Nein, dieses Wesen schreit nicht: Edvard Munchs oft fehlverstandenes Bild „Der Schrei“

Edvard Munchs „Der Schrei“ wird häufig fehlverstanden. Hier heult die gemarterte Natur. Eine Bildbetrachtung.

Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein! Ein winziger, mit dem Bleistift in eine orangerot glühende Himmelslinie gekritzelter Schriftzug am linken oberen Bildrand von „Der Schrei“. Edvard Munch hat diese Hauptversion seines berühmten Motivs 1893 in Ölfarbe, Tempera und Pastell auf Graupappe gemalt.

„Kan kun være malet af en gal Mand!“ steht dort im norwegischen Original. Die Inschrift wurde 1904 entdeckt, lange Zeit vermutete man darin den abträglichen Kommentar eines Kunstbanausen. Erst vor fünf Jahren fand das norwegische Nationalmuseum in Oslo mithilfe von Infrarotaufnahmen heraus, dass der Ausruf vom Künstler persönlich stammen muss. Eine Selbstbezichtigung: Ich muss wohl verrückt sein!

Das Wesen, das sich im Bildmittelpunkt die Handflächen gegen die Ohren presst, könnte ein Fötus sein oder ein Skelett (manche Forscher vermuten eine peruanische Mumie als Vorbild, die Munch auf einer Ausstellung in Paris gesehen haben könnte). Ein Schreckgespenst, noch gar nicht geboren oder längst gestorben, und vom Schrei der Natur in einen solchen Schockzustand der Selbstentfremdung versetzt, dass es seine menschlichen Züge weitgehend verloren hat – geblieben sind nur zeichenhafte, kreisrunde Augen und ein ebensolcher ovaler Mund, beide in panischem Entsetzen weit aufgerissen.

Man kann die Figur in Museumsshops als aufblasbares PVC-Objekt erstehen

Lag es am in der Verkürzung mehrdeutigen Titel? Oder am als Schallquelle interpretierten offenen Mund? Jedenfalls hielt sich das Missverständnis, hier sei ein Schreiender zu sehen, beharrlich. Die Figur – man kann sie in Museumsshops als aufblasbares PVC-Objekt erstehen – wurde zum Piktogramm existenziellen Leidens. Ihr vermeintliches Geheul erschien allzu verständlich angesichts der Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts. Eine angemessene Reaktion.

Doch die Fehleinschätzung ist nachweisbar: Edvard Munch hatte das Bild zuerst unter dem deutschen Titel „Der Schrei der Natur“ ausgestellt, seinen Tagebucheintrag vom 22. Januar 1892 zitierend, in dem er eine Angstattacke schildert, die ihn auf einer Straße an der Ostküste des Oslofjords überwältigt hatte: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – da ging die Sonne unter – der Himmel färbte sich plötzlich blutrot – ich hielt inne, lehnte mich todmüde an das Geländer – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen – meine Freunde gingen weiter, und ich blieb zurück, zitternd vor Angst – und ich fühlte, wie ein großer, unendlicher Schrei durch die Natur ging.“

Edvard Munch: „Der Schrei“, 1893, Öltamperafarbe und Pastell auf Karton, Nationalmuseum Oslo

Noch im selben Jahr malte Much das Bild „Verzweiflung“, eine Vorstufe zum „Schrei“, bei der das fötusähnliche Wesen ein anonymisierter Mann mit Hut ist, der sein Gesicht vom Betrachter abwendet.

„Blut und Feuerzungen“, so können heute viele Menschen ihren Horizont beschreiben, angesichts der extremen Trockenheit und der Hitzerekorde dieses Sommers, angesichts existenzbedrohender Waldbrände in Europa und anderswo. Die gemarterte Natur brüllt auf, die alten Gewissheiten verglühen im orangeroten Feuersturm – und wir krümmen uns, „zitternd vor Angst“, halten uns die Ohren zu, weil wir die minütlich aktualisierten Neuigkeiten von der unmittelbar um uns herum stattfindenden Klimakatastrophe – gehen Sie dieser Tage mal am Rhein spazieren! – nicht verarbeiten können. Oder tun so, als hätten wir nichts Ungewöhnliches vernommen, und gehen stur weiter das Brückengeländer entlang, so wie Munchs Freunde im Tagebucheintrag, wie die beiden schmalen Gestalten am linken Bildrand.

Sie sind in der Mehrzahl. Derjenige, der die Signale hört, bleibt als Verzweifelter vereinzelt zurück. Ein armer Irrer. Ein Zustand, der 2022 drei Klimaaktivisten zum Versuch motivierte, sich an ebendieser „Der Schrei“-Version im Nationalmuseum in Oslo festzukleben – was das Wachpersonal verhinderte.

Der Himmel, der rot und orange über dem dunklen Fjord pulsiert, wird gewöhnlich als Ausdruck des inneren Zustands der zentralen Figur gelesen. Schließlich gilt Munch als Vorläufer der Expressionisten. Möglicherweise hat Munch hier aber ein globales Klimaphänomen festgehalten: Der blutrote Sonnenuntergang könnte eine Folge des Krakatau-Vulkanausbruchs im August 1883 sein. Dessen Asche wanderte damals in der Erdatmosphäre bis nach Nordeuropa, brach dort das Sonnenlicht und verdunkelte – als Vorahnung kommender Katastrophen – den Himmel.