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Bestseller von Annette Dittert„Die alte Liebe zu den Briten erwacht wieder“

7 min
Annette Dittert

Annette Dittert

Was ist eigentlich seit dem Brexit in Großbritannien passiert? Annette Dittert war fast zwei Jahrzehnte Korrespondentin für die ARD in London. Und gibt den Deutschen mit einem neuen Buch unterhaltsam Nachhilfe in britischer Politik und Kultur.

Frau Dittert, gerade ist Ihr Buch „Dear Britain“ mit persönlichen Reportagen aus Großbritannien erschienen und sofort ganz oben auf den Bestsellerlisten gelandet. Hat Sie das überrascht, dass es so ein Interesse gibt?

Das hat mich total überrascht, ja. Ich hatte natürlich schon gedacht, dass das Buch erfolgreich werden könnte. Vor sieben Jahren hatte ich mit „London Calling“ schon mal eins geschrieben, das auch ganz gut lief. Aber mit einem solchen Interesse - damit habe ich nicht gerechnet. Und ich habe auch nicht gedacht, dass es einen solchen Ansturm auf die Lesungen geben würde.

Das überrascht auch insofern, als die Deutschen nach dem Brexit die Briten ein bisschen aus den Augen verloren hatten.

Ich glaube, dass jetzt - zehn Jahre nach dem Brexit - ein Zeitpunkt erreicht ist, wo man den Briten den Brexit ein bisschen verziehen hat. Weil man ja auch selber hier in Deutschland gerade nicht mehr die stabilsten politischen Verhältnisse hat. Das ist mein Eindruck, auch wenn ich mit Menschen spreche, die meine Lesungen ja geradezu stürmen. Da erwacht die alte Liebe zu den Briten und das alte Interesse an der Insel wieder. Und dadurch, dass Großbritannien ein bisschen aus dem Blick geraten war, gibt es sehr wenige Sachbücher zum Thema. Und ich merke einfach, dass das eine Riesen-Marktlücke ist, weil so viele Leute sich bei mir bedanken, dass sie jetzt endlich mal lesen können, wie es in Großbritannien weitergegangen ist.

Wurde das in Großbritannien selber auch so wahrgenommen worden, dass die Briten aus europäischer Sicht abgemeldet sind?

Die Briten selber – vor allem diejenigen, die damals den Brexit nicht wollten – haben natürlich mit großem Zorn und großer Trauer gesehen, dass sie in der EU keine Rolle mehr spielen. Und es ist sehr schwer, da wieder einen Zugang zu finden - gerade jetzt in diesen turbulenten globalen Zeiten. Keir Starmer hatte ja von Anfang an gesagt, dass er die Briten zunächst über die Themen Verteidigung und Sicherheitspolitik wieder näher an die EU rücken will. Aber dadurch, dass Großbritannien jetzt offiziell ein Drittland ist, gibt es da immer wieder Hürden und Hindernisse.

Wäre eine gemeinsame Verteidigungs- und Sicherheitspolitik denn sinnvoll?

Zwar ist das Verteidigungsbudget relativ gering und die Armee in keinem viel besseren Zustand ist als unsere. Trotzdem könnte Großbritannien mit vielen wichtigen Dingen etwas beisteuern - gerade auch im Bereich der Geheimdienste. Das wäre eine wichtige Ergänzung des EU-Verteidigungskonzepts.

Annette Dittert auf ihrem Hausboot.

Annette Dittert auf ihrem Hausboot.

Strahlen die Sterne der EU vor dem Amerika Donald Trumps für die Briten wieder heller?

Die Brexiteers haben damals ja gesagt: Wir gehen raus aus der EU und rücken näher an die Amerikaner. Der große Preis für den Brexit sollte ein Handelsdeal mit den USA sein – das wurde damals versprochen. Und das ist natürlich nie geschehen. Und jetzt, in Trumps zweiter Amtszeit, passiert das erst recht nicht. Gleichzeitig beleidigt und beschämt Trump den britischen Premier Keir Starmer permanent - so ähnlich wie die anderen Europäer. Die Briten sind jetzt also in einer sehr verletzlichen Position: Nicht mehr unter dem großen Schutzschirm der EU, auf der anderen Seite des Atlantiks haben sie aber auch keinen Freund mehr in Amerika - sondern letztlich einen potenziellen Gegner. Das belebt die Diskussion um einen möglichen Wiedereintritt in die EU natürlich.

Ist das eine echte Option?

Die Politik Trumps hat schon einiges verändert. Aber bislang sind das vor allem Selbstgespräche der Briten untereinander. Ohne zu hinterfragen, ob Brüssel da überhaupt mitspielen würde. Einerseits wäre man in Brüssel natürlich froh happy, wenn die Briten einfach wieder eintreten würden. Gleichzeitig sieht man dort aber auch, dass sie immer noch zerrissen und gespalten sind. Und solange diese rechtspopulistische britische Partei mit hohen Umfragewerten dort im Hintergrund lauert, und Nigel Farage bei jeder Gelegenheit sagt, er wird jede Art von Wiederannäherung wieder rückgängig machen. So lange fragt sich Brüssel natürlich auch: Wollen wir den ganzen Zirkus wirklich nochmal riskieren? Also den einmal angerichteten Schaden des Brexit zu reparieren – das wird wirklich schwer. Und Die Mehrheit der Briten ist zwar mittlerweile der Meinung, dass der Brexit ein Fehler war - auch viele derer, die damals dafür gestimmt haben. Aber ein zweites Referendum will trotzdem so gut wie niemand.

In Brüssel fragt man sich natürlich auch: Wollen wir den ganzen Zirkus wirklich nochmal riskieren?
Annette Dittert über einen möglichen Wiedereintritt Großbritanniens in die EU

Sie haben im vergangenen Jahr verkündet, dass Sie Ihren Job als Korrespondentin bei der ARD aufgeben. Warum?

In London war ich für die ARD 18 Jahre - mit ein, zwei kurzen Unterbrechungen. Und ich habe einfach gedacht: Die Welt ist groß und bunt. Ich muss jetzt noch was anderes machen. Weil ich auch gerne in London bleiben wollte. Normalerweise zieht man als Auslandskorrespondentin ja immer weiter. Das wollte ich aber nicht mehr, weil ich so viel unterwegs war in meinem Leben. Und als ich in London ankam, wusste ich: Das ist mein Land und meine Stadt und hier bleibe ich jetzt.

Jetzt sind Sie nicht nur als Autorin aktiv sondern haben auch in kurzer Zeit viele Follower bei Instagram gewonnen, wo Sie regelmäßig von Ihrem Hausboot in London berichten.

Der Job als Korrespondentin ist natürlich immer sehr ähnlich, weil man sehr kurze Live-Schalten oder Stücke produziert. Man kann da nicht so in die Tiefe gehen. Und dadurch, dass ich so lange in London gelebt habe, habe ich jetzt einfach sehr viel mehr Wissen. Und auch ein Bedürfnis, viel stärker die Zusammenhänge zu erklären und alles, was ich mittlerweile verstanden habe von dem Land. Wie jetzt in meinem Buch. Und die Sozialen Medien sind da eine gute Ergänzung, weil man da so unkompliziert ganz alleine von überall, auch vom Hausboot senden kann. Aber dass mein Kanal so erfolgreich wird - das habe ich überhaupt nicht erwartet und das war auch gar nicht geplant.

Verstehen Sie sich auch als so eine Art Vermittlerin zwischen der deutschen und der britischen Kultur?

Die Briten finden es natürlich schön,  dass in Deutschland plötzlich wieder so ein Interesse an ihrem Land erweckt wurde. Ein bisschen bin ich jetzt sicher auch eine Art Botschafterin,die den Deutschen jetzt zu erklären versucht: Dieses Land ist immer noch spannend und faszinierend - das liegt mir auch persönlich am Herzen. Aber ich sehe mich hauptsächlich als Journalistin. Und mein Buch ist ja auch vor allem ein politisches und vielem gegenüber sehr kritisch. Auch wenn es mit einer persönlichen und auch letztlich warmen Note daherkommt, weil ich dieses Land eben sehr liebe.

Wie blicken denn die Briten auf Deutschland?

Die Briten blicken eigentlich immer wenig auf Europa. Die gucken sehr stark Richtung Amerika – immer noch, trotz allem. Die Berichterstattung über Deutschland, aber auch über Europa im Allgemeinen ist extrem begrenzt. Was ich ein bisschen traurig finde. Davon was in Deutschland passiert, haben die meisten Briten keine Ahnung. Diejenigen, die sich für Politik interessieren und für Europa - die sehen natürlich das Chaos hier in der Berliner Regierung. Wie unpopulär sie ist. Und den Aufstieg der AfD. Das ist ja nicht unähnlich zu dem, was wir in London haben. Deutschland galt immer als Leitbild eines geordneten demokratischen Staates, in dem alles funktioniert. Dass das nicht mehr so ist - das wird auch in Großbritannien von vielen mit Sorge betrachtet.

Sie kennen das Land jetzt schon so lange und so gut. Konnte Sie bei Ihren Reisen für das Buch da überhaupt noch irgendwas überraschen?

Vieles! Das Anschwellen des linken und linksliberalen Nationalismus in Wales und in Schottland zum Beispiel. Das war auch der Grund, warum ich auch nochmal nach Wales gereist bin, in den Norden, wo auch noch walisisch gesprochen wird. Ich war dort bei einem großen Kulturfestival, das komplett auf walisisch abgehalten wird. Und das war so eine Reise, wo ich nochmal so richtig verstanden habe, wie Wales eigentlich tickt. Das ist ja ein sehr kleines Land, weswegen wir in der ARD auch unglaublich wenig berichtet haben. Und ich habe immer gedacht: Das ist echt ein Jammer, weil das so ein spannendes Land ist!  Für das Buch konnte ich Themen nachgehen, die mich immer interessiert hatten, bei denen ich aber nie die Zeit hatte, mal so richtig tief einzutauchen. Und einfach auch mal ohne Kamera unterwegs zu sein – das macht einen großen Unterschied.

Warum?

Wenn man mit dem Team vor Ort ist, hat man erstens weniger Zeit – das kostet Geld, man muss dann in drei Tagen fertig sein. Zweitens werden viele Menschen nervös, wenn man da mit so einem riesigen Haufen an Technik anrückt. Und auch während der Interviews ist man sehr damit beschäftigt, ob die Technik stimmt, ob das Licht stimmt, man muss Kontakt mit dem Kameramann halten. Das ist einfach ein ganz anderes Arbeiten, was ich auch immer wirklich gerne gemacht habe. Aber jetzt hatte nur so ein kleines Diktiergerät dabei, um manche Gespräche aufzunehmen. Und das ist ein ganz anderes, viel intensiveres Erleben der Menschen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie zwischen Ihrer Geburtsstadt Köln und London Gemeinsamkeiten sehen.

Obwohl ja immer die Hamburger sagen, sie seien die eigentlichen Briten. Aber ich finde das nicht. Die Kölner sind irgendwie so gar nicht deutsch - die haben dieses Laissez-faire, dieses „jeder Jeck ist anders“. Dass man gerne miteinander spricht und sich gleichzeitig in Ruhe lässt. Und jeder kann rumlaufen, wie er oder sie will. Das ist in London ähnlich und nicht in allen großen deutschen Städten so. Und ich mochte das immer sehr.


Annette Dittert war von 1999 bis Ende 2025 Auslandskorrespondentin der ARD. Einem breiten Publikum bekannt wurde sie als Studioleiterin und Korrespondentin in Warschau, später in New York und ab 2008 in London. Für ihre Filme erhielt sie zwei Grimme-Preise und den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Für die Berichterstattung zum Brexit wurde sie 2019 als Politikjournalistin des Jahres ausgezeichnet. Sie lebt in London auf ihrem Hausboot Emilia.

„Dear Britain - auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“, DuMont, 256 Seiten, 24 Euro.

Cover „Dear Britain“

Cover „Dear Britain“