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Bestsellerautorin Caroline WahlNeuer Roman „Die Assistentin“ thematisiert Machtmissbrauch

5 min
Die Autorin Caroline Wahl

Die Autorin Caroline Wahl

„Die Assistentin“: Nach „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ erscheint der dritte Roman der jungen Bestsellerautorin Caroline Wahl:

Charlotte Scharf ist 29 und würde am liebsten Musikerin werden. Auf Drängen ihrer Eltern bewirbt sich die Kölnerin um einen Job als Assistentin in einem Verlag. Den bekommt sie tatsächlich – und landet in München. Der Verleger, dem sie direkt zuarbeiten soll, ist sehr speziell, aber sie wird das schon wuppen. Denkt sie.

So beginnt Caroline Wahls neuer Roman „Die Assistentin“, der jetzt bei Rowohlt erscheint. Nach den Bestsellern „22 Bahnen“ (2023) und der Fortsetzung „Windstärke 17“ (2024), in deren Mittelpunkt zwei Schwestern im Aufbruch standen, wendet sich die Autorin in „Die Assistentin“ nun einem ganz anderen thematischen Umfeld zu.

Toxischer neuer Boss

„Das war relativ früh klar, schon nach ‚22 Bahnen’, dass ich diese Geschichte erzählen möchte, die von Amtsmissbrauch und von Machtmissbrauch handelt. Dann musste ich jedoch erst mal ,Windstärke 17’ schreiben“, erklärt sie der Rundschau. „Aber jetzt musste es raus! Weil ich mir einfach denke, dass es ein akutes Thema ist und dass Charlottes Schicksal, von dem ich da erzähle, oder die Geschichte, die ich da erzähle, kein Einzelschicksal ist und dass das viele kennen. Deswegen wäre es mir falsch vorgekommen, sie nicht zu erzählen.“

Hugo Maise, der Verleger, ist Spross einer deutschen Süßwarendynastie, hat in jungen Jahren einen Besteller veröffentlicht und sieht „für sein“ Alter immer noch sehr gut aus. Er gehört zur Münchner Schickeria, ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Wann fangt sexuelle Belästigung an?

Als Chef kann er sehr charmant sein, witzig, großzügig. Aber auch sehr verletzend, ungerecht, bösartig. Sein Zuckerbrot- und Peitschesystem, seine exzentrischen Wünsche („Nudelsuppe nur ohne Nudeln“) und ein Dauerbeschuss mit Mails, Mappen, Listen, Anweisungen und Post-its treiben Charlotte und ihre Kolleginnen ans Ende ihrer Kräfte.

Charlotte, die sich von Maise bevorzugt wähnt, muss sich weit mehr gefallen lassen. Er sagt Sätze wie „Sie sind sehr zart.“ Oder „Scharf wie spicy.“ Fragt, ob sie einen Freund habe oder verliebt sei, beordert sie, dienstlich, in seine Villa und berührt sie immer wieder. Scheinbar zufällig. Und Charlotte fragt sich, „an welchem Punkt sexuelle Belästigung anfängt“.

Neue Form des Erzählens

„Gerade dieser unterschwellige Machtmissbrauch, der ist ja keine klare Grenzüberschreitung“, sagt Wahl, „aber wenn man es liest, dann hört man ganz genau, dass das alles nicht okay ist, was da passiert. Und so etwas zu zeigen, ohne diese nicht genau zu fassende Grenzüberschreitung zu erklären und ohne dass Leserinnen und Leser spüren, dass es nicht okay ist, und solche Strukturen auch in ihrem Umfeld infrage stellen, das wäre das Schlimmste, was passieren könnte“.

Nicht nur das Szenario – Arbeitswelt – ist ein ganz anderes als in den beiden ersten Romanen. Auch die Form variiert stark. „22 Bahnen“ wurde von Tilda erzählt, „Windstärke 17“ von Ida. In „Die Assistentin“ gibt es keine Heldin in Ich-Form. Stattdessen meldet sich immer wieder eine auktoriale Erzählerin zu Wort, die vorgibt, die Autorin zu sein. Mit solchen Sätzen wie „Der Lektor wünscht sich mehr über Charlottes Privatleben“ oder „Eigentlich fehlt hier noch eine Liebesgeschichte.“ Die Charlotte dann auch prompt bekommt.

Spoiler der Stimme auf dem Off

„So zu schreiben hat mir voll Spaß gemacht, aber das war nicht geplant“, sagt Wahl. „Ich mochte schon immer Texte, die in so einem allwissenden Erzählstil geschrieben sind. Damit kann man wunderbar, auf einer anderen zusätzlichen Ebene, spielen. Ich bin gespannt, wie das ankommen wird.“

Mitunter spoilert die „Stimme aus dem Off“ auch. Das werden sicher nicht alle mögen. Wahl dazu: „Dinge vorwegzunehmen, kann zwar einerseits Spannung rauben, aber andererseits ist es doch auch sehr beruhigend und macht die Geschichte ertragbarer, wenn man weiß, wie es ausgeht. Und dass es gut ausgeht. Ich möchte unbedingt, dass es gut ausgeht.“ Ihre Figuren liegen ihr am Herzen. Das spürt man. Hier wieder.

Bevor es für Charlotte gut ausgeht, geht sie beinahe zugrunde. Was sie am Ende rettet, das ist die Musik. Im Roman heißt es: „Sie wollte erst mal ein bisschen ankommen, den eigenen Platz in der Welt finden, einen Ort, eine Sache, die sich richtig anfühlt. Und für sie bedeutet Glück nun mal, allein in ihrer Wohnung zu sitzen und mit Musik Geschichten zu erzählen und Gefühle auszudrücken.“

Ich kann überall, zu jeder Zeit schreiben, auch unterwegs, wenn ich im Zug sitze und unter Menschen bin oder nachts im Hotel.
Caroline Wahl

Ähnlich ist es Wahl mit dem Schreiben gegangen. Wobei sie aber nicht allein in ihrer Wohnung sein muss: „Ich hab’ meine Figuren bei mir und ziehe mit ihnen los. Ich kann überall, zu jeder Zeit schreiben, auch unterwegs, wenn ich im Zug sitze und unter Menschen bin oder nachts im Hotel.“

Auch sie fühlte sich, wie Charlotte, lange ankerlos: „Ich dachte, dass ich nie irgendwo ankommen würde. Jetzt ist Schreiben mein Zuhause, das ich nie hatte.“ Dass die Heldin ihres neuen Romans ausgerechnet aus Köln kommt, hat einen Grund: „Köln ist so eine herzliche Stadt, wo ich sehr gerne bin. Weil man sich da gleich wohlfühlt und die Menschen direkt auf einen zukommen. Als Gegenpart zum ,poshen’ München fand ich das perfekt.“

Rückkehr zu Tilda und Ida möglich

Nach den Bänden über Tilda und Ida fehlt jetzt eigentlich noch einer über deren Mutter Andrea. Was meint Caroline Wahl? „Der Mutter auf die Spur gehen, das ist ein Bedürfnis, das ich vielleicht auch noch stille. Um zu fragen: Was ist da passiert? Sie hatte ja auch mal andere Zeiten, bevor sie dem Alkohol verfallen ist. Ich mach’ die Tür auf jeden Fall nicht zu zu diesem Universum!“

Caroline Wahl: Die Assistentin. Roman, Rowohlt, 368 S., 24 Euro.

Die Lesung in Köln im Rahmen der „lit.COLOGNE spezial“ am 18. September, 21 Uhr, im WDR-Funkhaus ist ausverkauft.