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Bildband von Jürgen BeckerWie Köln die Welt in Bewegung brachte

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Jürgen Becker (vorne) hat schon früher gerne Gas gegeben. Mit Herbert Knebel (Mitte) und Wilfried Schmickler.

Jürgen Becker (vorne) hat schon früher gerne Gas gegeben. Mit Herbert Knebel (Mitte) und Wilfried Schmickler.

Kabarettist Jürgen Becker veröffentlicht einen Bildband über Köln als Wiege der motorisierten Mobilität.

Herr Becker, wir schreiben Oktober – und Sie kommen uns für 2026 mit noch einem Jubiläumsjahr. Ist Ihnen das von Januar bis September durchgegangen?

Mir nicht, aber den Kölnerinnen und Kölnern. Und noch, finde ich, ist es nicht zu spät, sie an 150 Jahre Otto-Motor zu erinnern, von dem heute 1,4 Milliarden Exemplare auf dieser Welt herumfahren. Ein Welterfolg „made in Köln“, denn erfunden wurde dieser hier in Köln, und hier – genau gesagt, in Deutz – entstand auch die erste Fabrik der Welt, die ausschließlich Verbrennungsmotoren herstellte.

Ein Segen für die Welt – oder doch eher ein Fluch?

Jede Erfindung hat ja eine Startphase, ein Hoch und einen sanften Sinkflug. In dieser Phase ist der Otto-Motor heute. So sehr er uns heute Probleme macht, so deutlich wird man festhalten und rühmen dürfen, wie sehr er zum Wohlstand Kölns und des ganzen Westens beigetragen hat. Von der Mobilisierung der Menschheit gar nicht zu reden.

Von der Mobilität Köln sagt der Psychologe Stephan Grünewald, sie werde durch das Schunkeln am besten beschrieben: alles in immer Bewegung, aber nichts geht vorwärts.

Deswegen habe ich den Bildband „Motorcolonia“ auch „Vom Urknall der Motorisierung zum ruhenden Verkehr“ untertitelt und bewusst in Beziehung zum Karneval gesetzt. 200 Jahre Festkomitee haben wir in Köln groß gefeiert. 150 Jahre Ottomotor und Wirtschaftsstandort Köln mit wegweisenden und bahnbrechenden Erfindungen sind durch den Rost gefallen. Dabei sollten sich die Kölschen wieder vergewissern, was ihre Stadt für eine Potenz hat als Wirtschafts- und Industriestadt. Alle halten Düsseldorf für wirtschaftsstärker. Stimmt nur nicht. Köln ist Düsseldorf überlegen, hat nur irgendwann beschlossen, sich als „Jeföhl“ zu verkaufen.

Bewegen Sie sich gerade in neuen Gefilden – vom Kabarettisten zum Wirtschaftshistoriker und selbst ernannten Kölner Wirtschaftsbotschafter?

Ich bin, was ich bin. Und man muss sich als Kabarettist doch für das interessieren, was sich um einen herum bewegt. So habe ich mich von der Begeisterung neugieriger Kölner wie Horst Nordmann anstecken lassen und gedacht: Was der ausgegraben hat, muss ich einer breiteren Öffentlichkeit offerieren und damit den Blick auf Köln positiv verändern – auf meine Weise.

Also lustig?

An manchen Stellen geht es kaum anders. Ich finde es unglaublich lustig, dass Köln mit dem Otto-Motor die Welt in Bewegung gebracht hat, um dann selbst im Stau steckenzubleiben. Eine gute Pointe ist auch die Tatsache, dass von Köln nicht nur der Siegeszug der Motorisierung ausging, sondern auch die Gegenbewegung.

Was meinen Sie?

Die Riesendemo gegen die KVB-Fahrpreiserhöhung der KVB 1966 zum Beispiel, die auch der Protest gegen die einseitige Förderung des Individualverkehrs war. Und viele Chronisten sagen, es war der Zündfunke der 68er-Revolte, die die Bundesrepublik veränderte. Oder die erfolgreiche Verhinderung eines geplanten zweiten Autobahnrings, der von der Zoobrücke bis zu einer zusätzlichen Autobahnbrücke im Süden führen sollte – durch den gesamten Grüngürtel! Da haben die Kölschen gesagt, „sit er eigentlich beklopp?“, und sind mit Polit-Aktionen wie der „Nippeser Baggerwehr“ gegen diesen Autowahn der Stadtplaner angetreten – erfolgreich! Und dann gab’s ja auch noch Wolf Vostell, der seinen Opel Kapitän einzementiert und damit das ikonische Kunstwerk „Ruhender Verkehr“ geschaffen hat, eine der ersten kritischen Auseinandersetzungen eines Künstlers mit dem Auto hier im Rheinland.

Was hat Sie bei den Recherchen für „Motorcolonia“ am meisten überrascht oder verblüfft?

Dass Köln auch ein Weltzentrum des Fahrradbaus war. Hätten Sie gewusst, dass in Köln mit Adolf Sorge ein Pionier am Werk war mit einer florierenden Fabrik in Lindenthal, dazu andere wie Cito in Klettenberg und Goldrad in Ehrenfeld? Das Zweirad ist ja überhaupt eine geniale Erfindung – und in Zahlen das erfolgreichste Fahrzeug überhaupt. Es gibt viel mehr Fahrräder, Mopeds und Motorräder als Autos. Sein Erfinder, Karl von Drais, wurde hier in Deutschland ausgelacht mit Sätzen wie „Das kippt doch um, du Doof!“ Die Engländer und Franzosen haben das Potenzial viel schneller kapiert. Adolf Sorge war es dann, der das Fahrrad sozusagen aus England zurückgeholt und nach Köln gebracht hat. Für seine Firma wählte er den englischen Namen „Allright“ – das klang schon damals modern. Die Engländer, das wusste man, die können Industrie. Sorge hat dann mit seiner Fahrradfabrik in Köln gezeigt: Wir auch!

Das Gespräch führte Joachim Frank


Wir verlosen 3x2 Tickets für die Buchvorstellung am Samstag, 10. Oktober. Jürgen Becker präsentiert seinen Bildband auf der lit.Cologne.Spezial als „Probefahrt in sechs Gängen“. Wer dabei sein möchte, schickt eine Mail mit vollständigem Namen und dem Betreff „Motorcolonia“ bis Dienstag, 6. Oktober, um 12 Uhr an folgende Adresse: ksta-kultur@kstamedien

Mit dabei sind unter anderem Journalist Martin Stankowski, Restaurator Horst Nordmann, Forscherin Nuria Cafaro, Gewerkschafter Witich Rossmann und Psychologe Stephan Grünewald (Rheingold Institut). Moderation: Joachim Frank. 21 Uhr, WDR-Funkhaus am Appellhofplatz, Klaus-von-Bismarck-Saal. Tickets 29 Euro (ermäßigt 25). Vorverkauf /Abendkasse (33/29 Euro). www.litcologne.de

„MOTORCOLONIA - Vom Urknall der Motorisierung zum ruhenden Verkehr“ Produzent Edmund Labonte, Vertrieb Bielo Verlag, 320 Seiten 29,90 Euro.

„MOTORCOLONIA - Vom Urknall der Motorisierung zum ruhenden Verkehr“ Produzent Edmund Labonte, Vertrieb Bielo Verlag, 320 Seiten 29,90 Euro.