Zum 70. Jubiläum beleuchten zwei TV-Dokus die „Bravo“ – zwischen Pop-Bibel, Aufklärung und inszenierten Skandalen.
Gefälscht und inszeniertStars erheben in Dokus schwere Vorwürfe gegen die Bravo

Die Ausgabe mit Marilyn Monroe ist die erste Ausgabe der Zeitschrift vom 26.08.1956. (Archivbild)
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Die „Bravo“ prägte Generationen. Zwei neue TV-Dokus beleuchten nun die Geschichte des Jugendmagazins – von Sextipps bis zu inszenierten Skandalen.
Die erstmalige Publikation der „Film- und Fernsehzeitschrift“ unter dem Namen „Bravo“ am 26. August 1956 stellte einen bedeutenden Einschnitt dar. Über Generationen hinweg diente sie Jugendlichen als Informationsquelle über ihre Stars und bot unter der bekannten Rubrik „Dr. Sommer“ Aufklärungstipps.
Anlässlich des bevorstehenden 70. Jubiläums widmen sich nun zwei Dokumentarfilme dem Jugendmagazin. Sie untersuchen die eigentliche Rolle dieser Zeitschrift, deren heutige Erscheinungsfrequenz auf einmal monatlich mit stark reduziertem Seitenumfang gesunken ist, was auf den Einfluss von Plattformen wie Tiktok zurückzuführen ist. Früher war sie jedoch mehr als nur ein Magazin unter vielen; sie galt als das Leitmedium für Teenager bundesweit.
Leitfaden für Popkultur, Ratgeber oder gezielte Beeinflussung?
Handelte es sich bei „Bravo“ um einen Leitfaden der Popkultur? Fungierte es als Ratgeber für junge Menschen, die Hemmungen hatten, mit ihren Eltern über Themen wie Petting zu sprechen? Oder war es vielmehr ein manipulatives Boulevard-Magazin, das primär auf inszenierte Geschichten baute, um zwei Ziele zu erreichen: die Bindung der Leserschaft und die Anregung zum Konsum?
Der erste Dokumentarfilm, betitelt „70 Jahre Bravo – Das große Jubiläum“, ist ab Samstag, dem 17. Mai, auf RTL und online bei RTL+ verfügbar. Seine Erzählung konzentriert sich auf die Rolle der Zeitschrift als Pop-Bibel und Service-Heft.
Die Sendung blickt tief in die Vergangenheit und bedient sich nostalgischer Elemente. So kommen Persönlichkeiten wie Uschi Glas zu Wort, die in Erinnerungen schwelgt, oder Thomas Anders, der über seine bekannte Nora-Kette berichtet. Zudem listet Alexander Gernandt, der ehemalige Chefredakteur und Musikjournalist, die Triumphe seines einstigen Magazins auf.
Inszenierter Konflikt zwischen Rappern
Auch Oli P. stellt in der Dokumentation fest: „Ohne die ‚Bravo‘ wäre ich nicht hier.“ Er erläutert jedoch auch die Funktion von Inszenierungen in dem Magazin und führt als Beispiel an, dass ein von „Bravo“ initiierter „Rapper-Krieg“ mit Thomas D. von den Fantastischen Vier in einer ebenso fingierten Versöhnung mündete.
Eloy de Jong, einstiges Mitglied der Band Caught-in-the-Act, erwähnt zudem eine „Schattenseite“ des „‚Bravo‘-Märchens“. Dies geschieht im Kontext der Diskussion um Britney Spears und die möglichen Konsequenzen von Berühmtheit in jungen Jahren.
Kritische ARD-Doku über die Hochphase
Eine kritischere Perspektive bietet die dreiteilige ARD-Produktion „Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz“, die ab dem 23. Mai in der Mediathek abrufbar sein wird. Der Fokus liegt hier auf der Blütezeit des Magazins während der 1990er und frühen 2000er Jahre. In dieser Ära erreichte „Bravo“ eine Druckauflage von 1,5 Millionen Stück und eine noch weitaus größere Leserschaft unter Heranwachsenden, während es heute zu einer von vielen, überwiegend digitalen Marken geworden ist.
Darin wird ebenfalls die sexualisierte Darstellung junger Künstler, Mitglieder von Boybands und weiblicher Teenager thematisiert. Diese sahen sich mit Fragen von Reportern konfrontiert, ob sie bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hätten, und mussten Schlagzeilen wie „Blümchens Knospen blühen“ über sich ergehen lassen.
Kritik von Jasmin Wagner an „widerlichen Formulierungen“
„Es gab wirklich widerliche Formulierungen“, stellt Sängerin Jasmin Wagner fest, die während der 1990er Jahre als Teenie-Phänomen Blümchen („Herz an Herz“) bekannt war. Ihrer Meinung nach wären die Journalisten „alle gefeuert worden, wenn sie das heute geschrieben hätten“. Sie fügt jedoch hinzu: „Die ‚Bravo‘ war damals der direkte Draht zu den Herzen der Fans. Wer dort nicht stattfand, war praktisch unsichtbar.“
„Die ‚Bravo‘ war das analoge Instagram, auf das man sich eine Woche lang gefreut hat“, sagt Oli P. in der ARD-Doku. Der frühere Boyband-Sänger de Jong erinnert sich indes ungern an eine „Bravo“-Geschichte zurück, in der eine beginnende Romanze mit einem weiblichen Fan arrangiert wurde, mutmaßlich um seine Homosexualität zu kaschieren. Denn: „Mein Manager wollte keinen schwulen Jungen sehen in seiner Band“.
Die damalige Erzählung besagte, er hätte die junge Frau während einer Signierstunde bemerkt, sie mithilfe von „Bravo“ ausfindig gemacht und anschließend nach Amsterdam eingeladen. Das Ergebnis war eine Foto-Love-Story, die auch eine romantische Fahrt auf den Grachten beinhaltete. „Das Mädchen war gecastet“, enthüllt der heute 53-Jährige. „Ich fand das peinlich.“
Angelo Kelly über gefälschtes Interview
Angelo Kelly („An Angel“) schildert in beiden Dokumentationen, wie ein mit ihm geführtes Interview verfälscht wurde. Als man ihn fragte, für wen er das Lied „I Can't Help Myself“ verfasst habe, antwortete er: „für ein Mädchen“ – seine heutige Ehefrau. In der Zeitschrift wurde daraus später: „für meinen Vater“. Die Erklärung dafür war: „Das können wir so nicht machen. Die Mädels da draußen denken, der hat 'ne Freundin“, berichtet der 44-Jährige, der inzwischen seine eigene Kelly-Family gegründet hat. „Da war ich sauer.“
„‚Zu haben‘ war das Erste, was ich auf Deutsch gelernt habe“, blickt der Niederländer de Jong zurück. Für „Bravo“ sei es von Bedeutung gewesen, das Verlangen der weiblichen Leserschaft zu schüren, die das Magazin erwarben und weiterhin erwerben sollten. Sein Coming-out in der Öffentlichkeit erfolgte erst, nachdem er sich während einer „Bravo Supershow“ in Stephen Gately (1976-2009), seinen mittlerweile verstorbenen Kollegen von der Band Boyzone, verliebt hatte.
Der frühere Chefredakteur Gernandt fasst zusammen: „Pop ist eine Illusion“. Er fügt hinzu: „Wir haben da – auch im Sinne der Fans – letztendlich geholfen, diese Illusion zu bewahren.“ (dpa/red)
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