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BuchWarum ein Theologe seine Kriegsdienstverweigerung widerruft

4 min
Schulstreik gegen Wehrpflicht im Mai in Dortmund

Schulstreik gegen Wehrpflicht im Mai in Dortmund

Der Theologe und Publizist Stephan Anpalagan erklärt in einem klugen Essay, warum er Deutschland notfalls mit der Waffe verteidigen will.

Wenn Olaf Scholz dem Land ein Erbe hinterlassen hat, dann ist es wohl das Wort von der Zeitenwende. Der Überfall Russlands auf sein europäisches Nachbarland Ukraine markiert tatsächlich eine Zäsur, die die Zeit in ein Davor und ein Danach teilt. Allerdings zeigt sich, dass nach dem ersten Schock des Kriegsbeginns in unserer mittelbaren Nachbarschaft die Dimension dieser Aggression nur langsam ins kollektive Bewusstsein dringt. Zwar war die Mobilisierung von gigantischen Geldmitteln zur Aufstockung der Verteidigungsausgaben noch vergleichsweise zügig über die Bühne gegangen. Doch klar ist auch, dass all das Kriegsgerät auch Menschen braucht, die es bedienen können – und wollen. Und da, das zeigte sich schnell, wird es eng.

Die Bereitschaft, das Land gegen Aggression von außen zu verteidigen, ist 80 Jahre nach dem von ihm entfesselten Weltkrieg kaum noch Teil der kollektiven DNA. Doch Putins Aggression und Trumps irrlichternde Bündnispolitik zwingen Deutschland zu einer Neujustierung seiner Haltung. Das trifft eine Gesellschaft besonders hart, die gewohnt ist, viele ihrer Probleme mit dem Scheckbuch zu lösen. Dabei ist Zeit ein Faktor eigener Art, denn das Thema lässt sich weder ignorieren noch aufschieben.

Sehr persönlicher und kluger Essay

In einem sehr persönlichen, sehr klugen Essay setzt sich der Theologe und Publizist Stephan Anpalagan mit dieser veränderten Lage auseinander. Nicht als Sicherheitsexperte oder Stratege, sondern aus der eigenen Erfahrung. „Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“, so der Titel, beschreibt einen radikal anmutenden privaten Seitenwechsel.

Wie viele junge Männer seiner Generation – Anpalagan wurde 1984 geboren – hat er unter Verweis auf seine pazifistische Überzeugung und seinen christlichen Glauben den Dienst an der Waffe aus ethischen Motiven verweigert. Nun sollte Gewissen etwas sein, das zu den unverhandelbaren Konstanten eines Lebens gehört und nicht dem Wechselspiel kurzfristiger Moden unterworfen ist. Umso schwerer fällt es, grundstürzende Korrekturen daran vorzunehmen.

Bei Stephan Anpalagan spielen noch andere Faktoren eine Rolle: Er hat migrantische Wurzeln – seine tamilischen Eltern sind mit ihm als Säugling vor Krieg und Verfolgung aus Sri Lanka geflohen. Krieg war also für ihn und seine Familie nichts Fernes, sondern eine lebensprägende Erfahrung.  

Danach erleichterten es ihm die schwierigen Jahre in Asylbewerberheimen sowie Diskriminierungen nicht unbedingt, eine positive Antwort auf die Frage zu finden, warum ausgerechnet er ein Land verteidigen soll, das ihm oft genug die Anerkennung als gleichberechtigter Bürger verweigert hat. Bedenkt man, dass bei den aktuellen Jahrgängen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund auf die fünfzig Prozent zugeht, gewinnt die Frage dramatisch an Schärfe.

Stephan Anpalagan

Stephan Anpalagan

Anpalagan weicht ihr in einer radikal persönlichen Selbstbefragung nicht aus, er stellt sie sogar mit ins Zentrum seines Buchs. Das macht sein Buch bei der Lektüre manchmal ausgesprochen unbequem, allerdings völlig zu Recht. Warum das eigene Leben für eine Gemeinschaft riskieren, wenn man gleichzeitig bei der Verteilung von Chancen benachteiligt wird? Warum im Ernstfall die eigene Haut zu Markte tragen, um das Leben von Menschen mit dem eigenen zu schützen, die Remigration fordern? Eine Heimat verteidigen, die man – zumindest in manchen prägenden Situationen – nicht als Heimat empfindet (und empfinden soll), weil man Ablehnung erfährt? Es sind diese Passagen in dem Essay, die offenlegen, wie sehr Migration und Integration mit dem Schicksal und der Sicherheit Deutschlands existenziell verbunden sind.

Das alles trägt der Autor ohne Larmoyanz vor, aber er bleibt nicht dabei stehen. Er zeigt auch die andere, die helle Seite. Berichtet von gelebten Werten, wie sie ein Walter Lübcke etwa verkörpert hat, der als CDU-Politiker von Rechtsextremisten ermordet wurde, weil er für Menschlichkeit eingetreten ist. Oder von den vielen anderen, die die Werte des Grundgesetzes und des Völkerrechts aktiv vertreten. Sie sind es, die für ihn Heimat nicht nur zu einer postalischen Adresse machen.

Unterm Strich führt es Anpalagan zu dem Ergebnis, dass eine solche Gesellschaft notfalls mit der Waffe verteidigt werden muss. Die Zeit hat die Welt verändert, Krieg macht auch um Europa keinen Bogen mehr und wird zu einer konkreten Bedrohung. Kinder, Alte und Zivilisten ließen sich durch Pazifismus nicht schützen und die Werte von Freiheit und Demokratie auch nicht. Dazu bedürfe es Waffen und den Willen, sie auch zu benutzen. Das hat dann, betont der Autor, nichts zu tun mit Bellizismus, sondern ist Ausdruck wehrhafter und wertebasierter Empathie.

Die Stärke des Buchs ist es, dass diese sehr radikale und sehr präzise biografische Selbstbefragung Allgemeingültiges aussagt. Hier hat jemand, so der Eindruck, nicht eine Überzeugung revidiert, sondern sein Verantwortungsbewusstsein weiterentwickelt angesichts einer unerwarteten weltpolitischen Realität. Stephan Anpalagan hat damit jenseits der Schablonen einen wichtigen Beitrag zur aktuell anziehenden Debatte um die Wehrpflicht geleistet. Eine Gesellschaft muss ihre postulierten Werte nicht nur lieben, sie muss sie auch verteidigen. Notfalls mit Panzern, Flugzeugen und Raketen.


Stephan Anpalagan: „Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“, S. Fischer, 192 Seiten, 18 Euro.