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Buchtipp„Alle sind so ernst geworden“ liest sich wie ein Ping-Pong-Spiel

4 min
suter BArre

Das Cover des Buches "Alle sind so ernst geworden" von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre. 

Köln – Treffen sich zwei Männer im noblen Ostseebad Heiligendamm. Der eine trägt eine Badehose in Neon-Orange, der andere ein türkisfarbenes Modell über das Flamingos flattern. Viel voreinander zu verbergen haben die beiden also nicht. Die besten Voraussetzungen für eine wunderbare Freundschaft? Martin Suter (72) und Benjamin von Stuckrad-Barre (45) haben diese Chance genutzt. Sind ins Gespräch gekommen und haben nie wieder damit aufgehört.

Und weil das, was Suter „konzeptionsloses Gelaber“ nennt, genau das Gegenteil davon ist, haben sie daraus erst einen Podcast und nun ein Buch gemacht. In „Alle sind so ernst geworden“ erlebt man die Bestseller-Autoren 1:1, in Form eines Dialogs, der so flitzig-dynamisch ist wie Pingpong. Was man aber besser wieder löscht. Kurz vor Schluss des Buches lässt Stuckrad-Barre durchblicken, dass er diesen Tischtennis-Vergleich ziemlich dämlich findet…

suter BArre

Das Cover des Buches "Alle sind so ernst geworden" von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre.

Die beiden Männer auf dem Cover könnten unterschiedlicher kaum sein. Der links sieht aus, als sei er einer der älter gewordenen „Trainspotting“-Darsteller. Der rechts wäre perfekt für eine Gastrolle bei „Downtown Abbey“. Was das Alter angeht, liegen sie über 25 Jahre auseinander, könnten Vater und Sohn sein. Von der Art ihres Umgangs könnten sie es nicht. Martin spricht mit Benjamin, Benjamin spricht mit Martin. Wobei der den Gentleman der Generation plus keineswegs verbirgt. Sein Gegenüber auf Augenhöhe nennt er „mein Lieber“, und er verwendet Begriffe, die heute kaum noch einer kennt: Fauteuil, Lumber oder Paravent.

Suter und Stuckrad-Barre, die einander Lieblingsbücher geschenkt haben, die vom anderen dann nie gelesen wurden, reden über Pubertät („vorübe rgehende Kernschmelze des Verstandes“), über „horstbuchholtzartige“ Kleidung und die „Rosenblütenhölle Hochzeit“, wie sie so gerne in Heiligendamm inszeniert wird.

Der Pop-Literat und der Feingeist

Nur ein Jahr liegt zwischen den Romandebüts von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre. Suter veröffentlichte 1997 „Small World“, Stuckrad-Barres „Soloalbum“ erschien ein Jahr später. Im Mittelpunkt von letzterem steht der coole junge Musikjournalist Ben, der in Berlin lebt. Das Buch bildet seine und die Lebenswelt seiner Freunde Mitte 20 ab und begründete den Ruf des Autors als „Pop-Literat“. „Small World“ dagegen spielt im Umfeld einer Schweizer Industriellenfamilie, vom Genre her changiert der Stoff zwischen Krimi und Familienroman. Schon mit dem ersten Teil seiner „neurologischen Trilogie“ (es folgten „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“) etablierte sich Suter als feinsinniger, ironischer Autor mit viel Gespür für Beziehungen zwischen Menschen und deren verborgenen Triebkräfte. (sus)

Über Humor („Eine durchaus ernste Sache, ein richtiger Beruf“), Ibiza („Das ist zunächst ein Betonungsproblem“) und Fertiggerichte („Wo steht jetzt noch das Wort Hundefutter auf der Verpackung?“)Es treten Gemeinsamkeiten zutage – das fortgesetzte Germanistikstudium hätte ihnen die Lust am Lesen und Schreiben vermiest, Bob Dylan und Neil Young bedeuten ihnen etwas, Stuckrad-Barre hat eine Zeitlang in der Schweiz gelebt – aber auch Unterschiede. Wie der, dass der Jüngere „nicht wohnen kann“ und deshalb die meiste Zeit in Hotels lebt, während der Ältere gleich zwei Wohnorte hat. Man erfährt, dass Suter keine Spiele mag und sein Freund Hunde „massiv ablehnt“, dass Stuckrad-Barre Madonna-Fan ist und sein Gegenüber als junger Mann beim W erbefilmdreh als Taucher Feuer fing. Beinahe.

Zwischen solchen Anekdoten und so herrlichen Hirngespinsten wie dem, eine Imagekampagne für Gott zu entwickeln, kommt auch Existenzielles zur Sprache. Etwa dann, wenn es um Stuckrad-Barres Dogensucht geht. Suter: „Aber man lacht ja auch nicht so viel im Entzug, oder?“ Stuckrad-Barre: „Hm. Irgendwie schon, doch. Es ist aber ein freudloses Lachen, es ist ein verzweifeltes Lachen.“

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Mit all dieser Schwere und Leichtigkeit, seinen Frotzeleien und schlagfertigen Repliken, den Meinungen, Geständnissen und Erörterungen, liest sich das Buch ganz wunderbar und viel zu schnell weg. Und während man sich mitunter fragt, ob es wirklich Suter und Stuckrad-Barre sind, die sich da unterhalten oder zwei Freunde als Kunstfiguren, herrscht über eines Gewissheit: die Zuneigung, die beide füreinander empfinden, ist echt.

Martin Suter/Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes, 272 S., 22 Euro.