Die Bonner Bundeskunsthalle sucht in „Nie wieder!“ nach einer Zukunft für die von allen Seiten bedrohte deutsche Erinnerungskultur.
BundeskunsthalleStirbt mit den letzten Zeitzeugen die Demokratie?

In der Installation „Hand und Fuß“ von Raffael Rheinsberg sind Schuhe und Handschuhe von Zwangsarbeitern aufgereiht.
Copyright: Oliver Berg/dpa
Als der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnete und für „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ plädierte, kam dem Satirekünstler Philipp Ruch eine hübsche fiese Idee: Er stellte Höcke eine Miniaturausgabe des Berliner Stelenfelds vor die Nase, nämlich auf ein benachbartes Grundstück im lauschigen Bornhagen. Außer Höcke fanden das auch andere Anwohner nicht witzig, wie man in einer bereits historisch gewordenen MDR-Kultursendung sehen kann. Das Mahnmal störte die Ruhe eines Ortsbilds, vor dessen naturwüchsiger Deutschtümelei es einem schon wieder mulmig werden konnte.
Die Fernsehbilder aus der thüringischen Idylle flimmern jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle, als etwas versteckter, aber keinesfalls nebensächlicher Teil der Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS‑Verbrechen“. Sie beleuchten eine „erinnerungspolitische Wende“, die uns vielleicht gerade bevorsteht oder sich vielleicht auch schon vollzieht. Jedenfalls warf Eva Kraus, Intendantin der Bundeskunsthalle, bei der Pressekonferenz sogleich die Frage auf, ob „diese Ausstellung in Sachsen-Anhalt noch möglich wäre“. Allerdings scheint das Gedenken an die NS-Verbrechen derzeit nicht allein durch den geschichtsrevisionistischen Flügel der AfD bedroht. In Bonn geht es auch um „Fake-History“ in den sozialen Medien, halluzinierte Geschichtsbilder aus der KI, die Frage, wie sich die Erinnerung lebendig halten lässt, wenn die letzten Augenzeugen der NS-Jahre verstorben sind, und auch um einen bösen, von Ko-Kurator Jens-Christian Wagner im Ausstellungskatalog formulierten Verdacht: Dient die viel gerühmte deutsche Erinnerungskultur vor allem der eigenen Entlastung?

Porträt-Fotografien von Christian Boltanski hängen als Installation mit dem Titel „Menschlich“ in der Bundeskunsthalle.
Copyright: Oliver Berg/dpa
Allzu oft, so Wagner, beschränke sich die Erinnerung an die NS-Verbrechen darauf, die Opfer zu betrauern, „ohne danach zu fragen, wer die Verfolgten eigentlich zu Opfern gemacht“ habe und wie die mörderische Gesellschaftsordnung der Nazis funktionierte. Statt Themen wie Schuld, Antisemitismus, Rassismus, Ausbeutung und Vernichtung zu behandeln, identifiziere man sich lieber mit den Opfern – die Folge sei eine „Wohlfühl-Erinnerungskultur“, die dem aktuellen Rechtsruck und „der Instrumentalisierung der NS-Verbrechen für partikulare politische Zwecke“ wenig entgegenzusetzen habe.
An diese kritische und auch selbstkritische Haltung des Historikers (Wagner ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) reicht die Ausstellung nur selten heran – als Wohlfühl-Parcours lässt sie sich allerdings auch nicht bezeichnen. In ihr treffen verschiedene Weisen des Erinnerns (künstlerische, wissenschaftliche, private, pädagogische) teilweise schmerzhaft unvermittelt aufeinander (von Zbigniew Liberas Lego-Bausatz „Konzentrationslager“ sind es nur wenige Schritte zu einer Häftlingsjacke aus Auschwitz), und gleich das erste Ausstellungsstück, eine Dokumentation von Hans Haackes Installation „Und ihr habt doch gesiegt“, zeigt, dass die Erinnerungskultur in Deutschland und Österreich schon immer konfliktreich war. In Graz hatte Haacke 1988 ein öffentliches Siegeszeichen der Nazis nach dem „Anschluss“ mit entscheidenden Änderungen wiedererrichtet und die „völkische“ Botschaft als Wiederkehr des Verdrängten in die Stadtmitte gestellt; das Mahnmal wurde erst skandalisiert und schließlich von Rechtsextremen in Brand gesetzt und zerstört.
In der Kunst zur NS-Zeit ist verpönt, wovon das Gedenken ansonsten lebt
Solche „Wiederaufführungen“ der NS-Zeit stehen im scharfen Kontrast zum informellen Abbildungsverbot, das sich in der künstlerischen Darstellung der Shoah etabliert hat. Selbst Peter Eisemanns Berliner Stelenfeld, als Symbol für die Ungreifbarkeit der Erinnerung entworfen, wurde dafür kritisiert, dass es durch die Erfahrung von Enge und Isolation eine konkrete Vorstellung des Leids vermitteln wolle. An Gustav Metzgers „In Memoriam“, einem begehbaren Parcours aus Kartonquadern, wird sich diese Diskussion wohl kaum fortsetzen; dazu wirkt der in Bonn aufgestellte und in Sackgassen endende Steingarten zu sehr wie eine reisefertige Version des Holocaust-Mahnmals.
In der Kunst zur NS-Zeit ist weitgehend verpönt, wovon die Gedenkkultur ansonsten lebt: konkrete Erinnerungen. Gerhard Richter übermalt Fotomotive aus Birkenau bis zur abstrakten Unkenntlichkeit (der Zyklus ist als Reproduktion ausgestellt), Christian Boltanski „versteckt“ die Porträts jüdischer Schüler in seiner monumentalen Bilderwand „Menschlich“ und Gregor Schneider nähert sich einem NS-Täter, Joseph Goebbels, indem er dessen Geburtshaus entkernt wie bei einer Geisteraustreibung. Hoch umstritten sind die Fotomontagen, auf denen Boris Lurie Pinup-Bilder in Leichenberge drapiert, um die „Obszönität“ solcher Beweisbilder anzuklagen. Aber ganz ohne materielle Beweise wie eine in Bonn ausgestellte Zyklon-B-Dose funktioniert die Vermittlung von Geschichte nun einmal nicht.
Die Ausstellung schlägt einen weiten Bogen von der archäologischen Sicherung des Wissens über die Ästhetik von Denkmälern bis hin zur Frage der Zeitzeugenschaft – um mit einer bangen Frage zu enden: „Wie schützen wir die Demokratie?“. Hier binden die Kuratoren das Fortbestehen der Bundesrepublik offenbar an die Rettung der lebendigen Erinnerung an die NS-Verbrechen und untermalen die Bedrohung mit einem gestellten NSU-Heimvideo von Henrike Naumann und einer mit Fragen zu Konzentrationslagern aufgepeppten Quizshow-Parodie von Christof Schlingensief. Als Gegengift tritt die KZ-Überlebende Eva Umlauf als ihr eigenes digitales „Hologramm“ auf, als das sie aus ihrem Leben berichtet und mit den Besuchern „interagiert“. Mit diesem Ausblick in die Zukunft des Erinnerns wird man entlassen. Und mit dem Gefühl, dass solche Zeitzeugen-Avatare die Demokratie nicht retten werden, sollte die Lage tatsächlich so dramatisch sein, wie die Kuratoren suggerieren.
„Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“, Bundeskunsthalle, Museumsmeile, Bonn, Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr, 10. Oktober 2026 bis 2. Mai 2027. Der Katalog kostet 27 Euro.