Caroline Wahls neuer Roman ist eine Provokation im besten Sinne. An diesem Donnerstag kommt die Bestseller-Autorin damit nach Köln.
Caroline Wahls neuer Roman „1999 Meter über dem Meer“Selbstfindung durch Selbsterfindung

Caroline Wahl bei der Frankfurter Buchmesse 2026
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Man könnte das neue Buch von Caroline Wahl böswillig als Trotzreaktion bezeichnen. Oder aber man sieht darin die konsequente Weiterentwicklung einer jungen, erfolgreichen Autorin, die der Kritik an ihrer Literatur und Person mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein und vor allem Humor begegnet.
Als hätte sie beim Schreiben des Romans, der in diesem Spätsommer erschienen ist, vorausgeahnt, welch prominenten Platz sie jetzt etwa in Maxim Billers Wutrede auf den Zustand der Literaturkritik einnehmen wird, den der Schriftsteller gerade in der „taz“ veröffentlicht hat. Darin zieht er Wahl als Prototyp banaler Unterhaltungsliteratur heran, die von den törichten Kritikern des Feuilletons unrechtmäßig aufgeblasen und gefeiert wird, während sie die „echten Künstler, Magier und großen Erzähler“ zu kurz kommen ließen.
Die Antwort ist eine Hochstaplerinnen-Geschichte
Biller ist mit seiner Wahl-Aversion freilich nicht allein, schon viele (vornehmlich männliche) Rezensenten vor ihm haben sich an ihrer Art, zu schreiben – und zu sein –, gestört. Man warf ihr vor, sie schreibe über Armut, ohne sie zu kennen. Und auch ihre offen zur Schau getragene Vorliebe für teure Sportwagen – gerade läuft eine Kooperation mit Mercedes-Benz auf ihrem Instagram-Account –, dass sie öffentlich ihre Enttäuschung darüber zeigte, den deutschen Buchpreis nicht gewonnen zu haben, hat ihr nicht nur unter Literaturkritikern mächtig Gegenwind beschert.
Caroline Wahls Antwort darauf ist „1999 Meter über dem Meer“: eine schillernde Hochstaplerinnen-Geschichte – und eine buchgewordene Hommage an das Autofahren. Hauptort der Handlung: St. Moritz, der Schweizer Ort der Reichen und Schönen. Das Buch ist wieder nach bestem Wahl-Erfolgsrezept geschrieben, das die einen so lieben und die anderen so stört: eine starke weibliche Protagonistin, die in irgendeiner Form ausbrechen will, eine Liebesgeschichte und natürlich, so viel sei vorweggenommen, ein Happy End. Es macht der Autorin offenbar gewissen Spaß, ihre Kritiker und Hater spielerisch zu provozieren und dabei ganz nebenbei eine Art selbstreferenzielles Universum zu schaffen. Und das wiederum macht großen Spaß zu lesen.
Von Bali nach St. Moritz
Diesmal heißt die junge Frau Samara, auch wenn sie sich im Laufe des Romans selbst noch viele andere Namen geben wird. Vor dem Berufsstart in Berlin – Influencer-Agentur, 2.700 Euro brutto – will sie noch einmal durchatmen, auf einer vierwöchigen Bali-Reise. Ein Fehler, wie sie schnell feststellen wird, um sich dann selbst dafür zu hassen. Den Acai-Bowl essenden „Entrepreneurs“ und Hipstern, die Bali fest im Griff haben, stellt sie sich jedes Mal mit anderem Namen vor, sitzt die Tage am Strand ab, versucht vergeblich, mit dem Scooter vor der Einsamkeit und inneren Dunkelheit wegzufahren, um den Rückflug schließlich vorzuverlegen.
Doch auch in Berlin – fleischfreie WG, nach Reformhaus riechend – wird sie nicht glücklich. Die Influencer, die sie wie Kinder betreuen soll, findet sie schrecklich, genau wie ihre Kollegin. Immerhin: Auf der Dachterrasse des exklusiven Soho-Hauses lernt sie bei einem fragwürdigen Influencer-Event nach ein paar Espresso-Martini zu viel diesen „großen Fisch“ der Filmbranche kennen, in dessen eisblaue Augen sie sich selbstredend sofort verliebt und der ihr, wie soll es anders sein, mal eben seine Wohnung in St. Moritz anbietet, weil sie noch nie in den Bergen war.
Das Gefühl einer ganzen Generation
Wenig später ist Samara mit dem alten Mercedes, den sie von ihrem Vater zum Berufsstart bekommen hat, einer zweiwöchigen Krankschreibung, einer ungesunden Menge Müllermilch und Mamas Tupperdosen im Gepäck auf dem Weg genau dahin: in die Berge. Erst landet sie in einem Gästezimmer im spießigen Allgäu, wo sie sich als Marathon laufende Medizinstudentin ausgibt, dann schließlich mit neuer, knallorangener Frisur in der Wohnung des Filmemachers in St. Moritz, wo ihr Identitätenschwindel ein neues Level erreicht: Jetzt tritt sie als Teil eines geheimnisvollen Kunstkollektivs auf, trinkt Iced Cacao in teuren Hotels und mischt sich unter die Rich Kids (Beruf: "Trading, Immobilien, bisserl Kunsthandel, dies, das"), die sie zwar einerseits verachtet, aber zu denen sie dann doch irgendwie auch selbst gehören will.
Viel erfahren wir über Samara nicht. Auch nicht, warum sie sich immerzu verstellen muss, um klarzukommen. Nur, dass sie von einer „Dunkelheit“ geplagt wird und sehr viel Angst. Bis sie auf der Autobahn – „Tacho 180 km/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad und dunkle Gewitterwolken am Himmel“ – beschließt, keine Angst mehr zu haben. Was natürlich nicht so recht funktioniert. Das Einzige, was ihr gutzutun scheint, ist der fehlende Internetempfang (zu teuer, Schweiz!).
„1999 Meter über dem Meer“ fängt grandios das Gefühl einer Generation ein, die, wie Samara, unbedingt jemand sein will, aber überhaupt nicht weiß, wer, immer in Bewegung ist, völlig rastlos auf der Suche nach sich selbst. Caroline Wahl schreibt in ihrem ganz eigenen Stil mit ausgesprochenem Sinn für Humor und ist vor allem eine präzise Beobachterin. Allein wie sie die Instagram-Bubble scheinbar nebenbei aufs Korn nimmt, die Doppelmoral der Bali-Hipster oder die absurde Lebensrealität der Privatjet-Reichen ist Grund genug, dieses Buch zu lesen. Das ist, um auf Biller zurückzukommen, gewiss Literatur, die unterhält. Wer das allerdings mit schlechter Literatur gleichsetzt, weil es viele anspricht und man die Botschaft nicht erst mühsam zwischen den Zeilen herauslesen muss, hängt hingegen einem längst überholten, elitären Kulturbegriff nach.
„1999 Meter über dem Meer“ ist bei Rowohlt erschienen. 369 Seiten kosten 24 Euro. Caroline Wahl liest daraus an diesem Donnerstag, den 22. Oktober, um 20 Uhr im Tanzbrunnen in Köln-Deutz. Es gibt noch Restkarten.