Die Regisseurin inszeniert in Köln Peter Handkes „Kaspar“. Im Interview spricht sie über Anpassungszwänge, Humor auf der Bühne und die KI.
Claudia Bauer„Kreativität wird nicht das Privileg des Menschen bleiben“

Claudia Bauer inszeniert „Kaspar“ von Peter Handke im Kölner Schauspiel.
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Frau Bauer, welche Eigenschaften braucht es, um in dieser Gesellschaft ein anerkanntes bürgerliches Subjekt zu werden?
Wenn man ein erfolgreiches, karrierebewusstes Wesen werden will, muss man schon ziemlich hartnäckig sein. Die Gesellschaft wird ja immer grausamer, was Aufstiegschancen und finanzielle Absicherung angeht. Es wird immer schwieriger, sagen zu können: Okay, ich hab's geschafft.
Gibt es trotz dieser Zwänge so etwas wie eine reine, freie Identität?
Die gibt es in keiner Gesellschaft. Jeder Mensch, der großgezogen wird und ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft werden soll, ist deformiert. Zivilisation hat immer mit Deformation zu tun, aber die ist bis zu einem gewissen Grad auch notwendig. Wir müssen unsere Triebe unter Kontrolle bringen. Für manche ist das schwerer, für manche leichter, aber das ist der Preis der Zivilisation.
Wie reflektieren Sie das in Ihrer eigenen Biografie?
Meine Eltern waren beide Lehrer, und sie haben es trotzdem nur bedingt geschafft, mich zu einem angepassten Mitglied der Gesellschaft zu machen. Ich war immer ziemlich anarchisch. Vieles musste ich später bitter lernen: was sanktioniert wird und wie man weiterkommt. Wenn man am Theater Karriere machen will, muss man einen hohen Preis zahlen.
Jede Formung junger Menschen ist zu hinterfragen
Inwiefern?
Man muss freundlich sein, auch zu Leuten, die selbst gar nicht freundlich sind. Man darf nicht sagen, was man denkt. Das Theater ist eine Karrieremaschine: Man wird nach oben katapultiert, bleibt unten oder fällt ganz raus. Ich rede dabei nicht von guter oder schlechter Kunst. Am Theater gibt es eben auch Policy und Politik, wie in jedem anderen Betrieb. Ich war ein unangepasster, verspielter, naiver junger Mensch. Deshalb sagt mir „Kaspar“ von Peter Handke auch so viel. Er wird in diese Welt geworfen, hat einen Willen, der ihm vielleicht noch gar nicht bewusst ist, und wird dann gepresst, genormt, deformiert.
Wenn man am Theater Karriere machen will, muss man einen hohen Preis zahlen
Bei Handke wird Erziehung zur Zurichtung. Stimmen Sie dem Befund zu?
Erziehung hat immer zwei Seiten. Man wird fähig, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, verliert aber vielleicht seine Authentizität. Jede Formung junger Menschen ist zu hinterfragen, ohne dass Erziehung deshalb abgeschafft werden sollte. Ich selbst kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, ich habe aus guten Gründen keine Kinder, nur einen Hund. Ich sehe aber einen Grundkonflikt. Wenn man Kindern beibringt, sie seien der Mittelpunkt des Universums, ist das falsch. Genauso falsch ist es, wenn Kinder ständig nur leisten müssen und kaum Zeit haben, etwas auszuprobieren. Darin liegt ein Paradoxon: Man soll sich selbst entfalten und gleichzeitig die Regeln beherrschen, um sich einen guten Platz zu erarbeiten.

Die „Kaspar“-Inszenierung feiert am 31. Oktober in Köln Premiere.
Copyright: Birgit Hupfeld
Wo setzt da die Sprache als zurichtende Institution an?
Sprache ist beides. Man braucht sie, um zu kommunizieren. Gleichzeitig wird man durch sie zugerichtet, bis die innere Wahrnehmung verkümmert, weil man sich nur noch aufs Phrasenhafte konzentriert, um dazuzugehören. Diese Entfremdung erlebt, glaube ich, jeder einmal. Man muss mühsam lernen, was von dem Schrott, der einem beigebracht wurde, zu gebrauchen ist und was man von sich wegstoßen muss. Irgendwann muss man lernen, wie man Dinge bewertet, die einem beigebracht werden. Das Wichtigste ist, kritisch zu sein, sich selbst und anderen gegenüber. Das heißt nicht, alles abzulehnen. Es gibt Dinge, die Realität sind und für die es Beweise gibt, etwa den Holocaust oder die Tatsache, dass Köln von den Römern gegründet wurde. Bei „Kaspar“ hat dieser kritische Blick kaum eine Chance. Ihm wird alles als Absolutheit beigebracht.
Peter Handke als rhythmischer Autor
Auch die KI reproduziert bereits Bestehendes. Lassen wir uns gerade kollektiv die Kreativität austreiben?
Als Künstlerin habe ich schon mit KI gearbeitet. Man merkt: Sie kann zwei Dinge kombinieren, und plötzlich entsteht etwas Neues. Das ist Kreativität. Die KI macht viele Fehler, erzeugt sechs Finger oder drei Beine. Aber gerade in diesen Fehlern liegt ihre Kreativität. Ich glaube, Kreativität wird nicht das Privileg des Menschen bleiben.
Das klingt pessimistisch.
Absolut. Ich glaube, dass die Menschheit dabei ist, sich selbst abzuschaffen. Die KI bräuchte es dafür gar nicht, aber mit ihr geht es vielleicht schneller. Da steckt eine Art Todestrieb drin. Ich finde es aber nicht schlimm. Das Universum ist groß. Wenn wir weg sind, geht es weiter, und selbst auf der Erde könnte eine neue Evolution beginnen. Ich hoffe nur, dass es bis zu meinem Lebensende halbwegs erträglich bleibt.
Ich glaube, dass die Menschheit dabei ist, sich selbst abzuschaffen
Und bis dahin machen Sie einfach weiter Theater. In der Ankündigung zu „Kaspar“ ist von einem musikalischen Machtgefüge die Rede. Welche Rolle spielt Musik in diesem Stück?
Peter Handke ist einer der rhythmischsten Autoren, die ich kenne. Er variiert und wiederholt, variiert und wiederholt. Sprache ist Rhythmus. Der Kaspar muss die Sprache ja auch erst lernen, und das geschieht über Rhythmus, so wie Schulkinder Silben klatschen. Sprache und Musik sind Geschwister. Wenn man etwas singt, wirkt es stärker, das weiß jede gute Propaganda. Die Musik drängt sich bei Handke einfach auf.
Nicht Netflix live, sondern Theater
Was sich bei Handke nicht aufdrängt, ist der Humor. Trotzdem spielt er in Ihrer Inszenierung eine Rolle. Welchen Stellenwert hat Humor für Ihre Arbeit?
Intelligenz und Humor hängen sehr eng zusammen. Wer nicht über sich selbst oder die Welt lachen kann, ist für mich dumm. Meine Mutter hat immer gesagt, das sind meine kölschen Gene. Früher habe ich mich gegen Humor gewehrt, weil die ernsthaften Regisseure, die ich erlebt habe, nichts davon hielten. Deswegen wollte ich auch nicht lustig sein. Mir ist es aber trotzdem passiert. Die Leute haben über Dinge gelacht, die ich ernst gemeint hatte. Heute sage ich: Ich arbeite pointiert. Die Leute lachen, wenn sie etwas wiedererkennen oder überrascht werden. Das sind die zwei wichtigsten Dinge bei einem Theaterabend. Man erkennt sich wieder, oder man denkt: Was passiert da gerade? Dann lachen die Leute und halten es für lustig. Ist es aber eigentlich gar nicht.
Wer nicht über sich selbst oder die Welt lachen kann, ist für mich dumm
Binden Sie das Publikum, das die Gesellschaft repräsentiert, die Kaspar zurichtet, ein?
Ich bin kein Fan von immersivem Theater oder Mitmachtheater und auch kein Freund der vierten Wand. Das Publikum sitzt im selben Raum wie die Schauspielerinnen und Schauspieler und ist dadurch angesprochen. Die Zuschauer sind körperlich, geistig und seelisch anwesend. Ich mache nicht einfach Netflix live, sondern Theater. Gerade in Zeiten des Internets ist diese körperliche Anwesenheit etwas ganz Besonderes. Was Menschen mit Menschen machen, kann die KI nicht ersetzen.
Ist Theater dann Ausweis der Realität oder Gegenwelt zur Wirklichkeit?
Ich mag realistisches Theater gar nicht. Wenn ich Realismus sehen will, gehe ich in den Stadtpark oder setze mich in die U-Bahn. Im Theater will ich, dass Wirklichkeit auf eine andere Ebene gehoben wird, als ob man die Oberfläche der Realität wegreißt. Man muss den Menschen aber Lust machen, sich im Fremden wiederzuerkennen. Sich im Spiegel zu erkennen, ist uninteressant. Spannend ist es, sich in einem Kunstwerk wiederzuerkennen, das zunächst seltsam wirkt. Dafür muss man den Zuschauern eine gewisse detektivische Neugier abverlangen. Ich will die Menschen nicht vor den Kopf stoßen. Aber überraschen muss man sie. Dann denken sie: Oh, das ist strange, aber interessant.
Claudia Bauer wurde in Landshut geboren und studierte direkt nach der Wende an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Ostberlin Regie. Seit der Spielzeit 2024/25 ist sie Hausregisseurin am Residenztheater München. Für ihre Inszenierung „humanistää!“ am Volkstheater Wien wurde Bauer 2022 unter anderem mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. Die Kritiker*innen-Umfrage der „Theater heute“ wählte „humanistää!“ im selben Jahr zur Inszenierung des Jahres. Mit „Kaspar“ stellt sich die Regisseurin erstmals dem Kölner Publikum vor. Premiere ist am 31. Oktober um 19:30 Uhr im Schauspiel. Weitere Termine sind am 8. und am 13. November.