Zum 80. Geburtstag tritt der schneller als sein Schatten schießende Cowboy gegen eine Heuschreckenplage religiöser Wahnvorstellungen an.
Comic-JubiläumSo kämpft Lucky Luke gegen die Schwurbler

Panel aus dem neuen Lucky Luke Band "Heiliger Lucky!"
Copyright: Lucky Comics ©2026/Story House Egmont
Selbst ein Cowboy, der den Revolver schneller als sein Schatten zieht, wird mal müde. Und so trabt Lucky Luke diesmal gleich zu Anfang seines neuen Bands „Heiliger Lucky!“ – es ist bereits die Nummer 103 – in den Sonnenuntergang von Kansas. So wie der Revolverheld Shane aus George Stevens Technicolor-Klassiker von 1953. Oder war Lucky Luke auch hier schneller? Die erste Geschichte mit dem bewundernswert gleichmütigen Westmann war bereits Mitte November 1946 erschienen, im belgischen Comic-Magazin „Spirou“. Der neue Band ist also eine Jubiläumsausgabe, unser Lieblingscowboy feiert seinen 80. Geburtstag, er hat sich seinen Sonnenuntergang verdient.
Aber so leicht findet er die ersehnte Ruhe natürlich nicht. Ein alter Zausel naht sich schwankend. Er dürfe auf keinen Fall weiterreiten, wenn ihm sein Leben lieb sei. Warum? Der Latzhosen-Träger zeigt auf die am Horizont untergehende Sonne: „Da hinten ist die Welt zu Ende!!! Ich will nicht mitansehen, wie sie in den Abgrund stürzen!“ Laut seiner Landkarte läge dort Nebraska, antwortet der einsame Reiter. Und handelt sich eine Tirade gegen die Regierung in Washington ein, die den armen Bürgern nur weismachen wolle, dass die Erde rund ist, damit sie mehr Steuern zahlen. Wir schreiben das Jahr 1871, der Bürgerkrieg hat bereits stattgefunden. Doch der Wahnsinn geht im Wilden Westen weit. Gerade hat Lucky Luke seinen ersten Flat Earther getroffen.
Mit René Goscinny als Szenaristen stieg Lucky Luke zu neuen, satirischen Höhen auf
Als Morris – bürgerlich Maurice de Bevere – im „Almanach Spirou 1947“ mit seinem Cowboy reüssierte, sah man dem die Zeichentrick-Herkunft seines Schöpfers noch an. Der später so schmale Scharfschütze setzt sich noch ganz aus runden Linien zusammen, an jeder Hand fehlt ihm ein Finger, wie der Mickey Mouse, mit deren Hilfe Morris einst Englisch gelernt hatte. Seine notorisch gute Laune verdankt Luke den jodelnden Leinwand-Vorbildern Roy Rogers und Gene Autry.
Aber schon bald schärft Luke sein Profil als aufrechter Kämpfer gegen den um sich greifenden Bullshit. Drei Jahre nach Kriegsende war Morris zusammen mit seinen „Spirou“-Kollegen Jijé und André Franquin ins gelobte Land der Befreier gereist, die Zeichner wollen sehen, was vom Wilden Westen übrig ist. Morris blieb sechs Jahre lang, sog die amerikanische Landschaft, ihre Gründungsmythen und auch die Unzulänglichkeiten seines Gastlandes in sich auf. Außerdem stieß der Belgier auf einen Franzosen, der seine Leidenschaft für den Wilden Westen teilte: René Goscinny. Mit dem späteren „Asterix“-Autor als Szenaristen stieg Lucky Luke zu neuen, satirischen Höhen auf.
„Lonesome“, einsam, ist der Cowboy in seiner ausgereiften Form nicht etwa, weil er es unter seinen Mitmenschen nicht aushält, sondern weil er der einzige Zivilisierte im historischen Grenzland ist. Um ihn herum sägen feige Sheriffs, Quacksalber, Flintenweiber, verbrecherische Brüder, Schmierenkomödianten, Goldgräber und selbst ernannte Richter an den Säulen der Gerechtigkeit und des gesunden Menschenverstands.

Ein Albtraum-Rodeo aus dem neuen Lucky-Luke- Band "Heiliger Lucky!"
Copyright: Lucky Comics ©2026/Story House E
Was bleibt unserem Helden am Ende anderes übrig, als die von Gier, Korruption und Einfältigkeit zerfressenen Pionierstädte zu meiden und in Richtung Prärie zu ziehen? Verlassen kann er sich in diesem unberechenbaren Land nur auf die sarkastischen Kommentare Jolly Jumpers und die unbestechliche Idiotie des heillos verwirrten Gefängnishundes Rantanplan.
Der fehlt im neuen Band. Doch ansonsten knüpfen Zeichner Achdé (Hervé Darmenton) – von Morris testamentarisch als Nachfolger eingesetzt – und Texter Jul (Julien Lucien Berjeaut) an die aufklärerische Tradition der alten Abenteuer an. Nach seiner Begegnung mit dem Flacherdler stolpert Luke von einer gutgläubigen Gemeinde in die Nächste. In der ersten hat ein Ex-Knacki eine neue Religion gegründet, die dem „der Bibel und dem Gewehr geweihten Land“ entspricht. Die Bleiglasfenster zeigen komische Heilige: „Sankt Buffalo Bill“, „Sankt Calamity Jane“ und sogar einen „Sank Averell“, der lulatschigste und dämlichste der Dalton-Brüder ist der Schutzpatron aller geistig Armen.
Weil Luke das Geld, das sich der selbst ernannte Reverend von den Mitgliedern seiner Kirche zusammengescheffelt hat vor dem Zugriff zweier Ganoven klassischer Ausprägung bewahrt hat, wird er im Dorf als Wundertäter verehrt. Der schlaue Reverend erkennt die Gunst der Stunde und predigt fortan den neuen „Lukismus“.
Dem ist, da geht es dem Cowboy wie einst Monty Pythons Brian, schwer zu entkommen. „Er kann mit Tieren sprechen! Wie Sankt Franziskus“, begeistern sich die Damen, nachdem sie Zeuginnen einer Unterhaltung zwischen Luke und Jolly Jumper wurden. Aber er schieße doch schneller als sein Schatten, argumentiert der Hoteldiener. „Das ist nur so eine Redensart“, wiegelt der unfreiwillige Heilige ab. Er flüchtet ins Nachbardorf, verhindert dort mit Hilfe von Sprengstoff, einer großen Flitsche und seinem schlauen Schimmel eine Heuschreckenplage – und fällt auch hier der geistlosen Anbetung anheim. Schon verkauft der verschlagene Apotheker Fläschchen seines gebrauchten Badewassers als Wundermittel.
Einmal in Fahrt lassen sich Achdé und Jul kaum eine Anspielung auf den Wahn der Massen und diejenigen, die ihn ausnutzen, entgehen. Ein böswillig herbeigeführter Pockenausbruch, mit dem der Apotheker die Pawnee von ihrem Land vertreiben will, sorgt für Corona-artige Ausgangssperren und „Halstuchpflicht“. Der Pawnee-Medizinmann namens Kleiner Schwurbel hat sich zur Fortbildung mit heilenden Pilzen verdünnisiert. Selbst vor dem eigenen Kult mit signierten Alben und Lucky-Luke-Kostümen machen die beiden Comic-Künstler nicht Halt. Bei all dem Wahn vermisst man mitunter den Morris-Goscinny-Charme. Heute muss sich Lucky Luke den Ritt in den Sonnenuntergang mühsam erarbeiten. Um es mit einem Comic-Kollegen zu sagen: Der spinnt, der alte Westen!

„Lucky Luke 103: Heiliger Lucky!“ von Achdé und Jul, übersetzt von Klaus Jöken, ist in der Egmont Comic Collection erschienen, 48 Seiten, 15 Euro
Copyright: Lucky Comics ©2026/Story House Egmont