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Cristian Măcelaru in BukarestNeuer Job für den Chef des WDR Sinfonieorchesters

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Cristian Măcelaru WSO Bukarest

Cristian Macelaru in Bukarest.

Premiere für den Chef des WDR Sinfonieorchesters: Zum ersten Mal steigt unter seiner künstlerischen Leitung das Enescu-Festival in Bukarest. 

Alle zwei Jahre ist Bukarest im Enescu-Fieber. Der rumänische Komponist Georges Enescu ist noch heute kultureller Sinnstifter, was auf dem ihm gewidmeten Festival für klassische Musik wieder zu erleben ist! 42 europäische Orchester sind von August bis September hier. Zum ersten Mal dabei ist auch das WDR Sinfonieorchester.

Dessen Chefdirigent Cristian Măcelaru ist auch Rumäne. Und er ist seit dieser Spielzeit künstlerischer Leiter des Festivals. Wie es das Protokoll vorsieht, steht er beim Eröffnungskonzert im Sala Palatului am Pult des Bukarester George Enescu Philharmonischen Orchester.

Mit postsowjetischem Charme

Alle wollen Măcelaru bei seinem Einstand erleben. 4000 Zuschauer füllen den gigantischen Saal mit postsowjetischen Charme. Das Gebäude war zu kommunistischen Zeiten Sitzungssaal der Partei. Noch immer erinnern die eingebauten Lautsprecher in den Velours-bezogenen Rückenlehnen an die ursprüngliche Bedeutung.

Măcelaru ist in Rumänien populär. Seiner internationalen Erfahrungen wegen. Er studiert in den USA Violine, wird mit 19 jüngster Konzertmeister im Miami Symphony Orchestra, switcht dann in die Dirigentenkarriere. Seit 2019 ist er Chef des WSO, seit 2021 auch des Orchestre National de France.

Eine Exklusivklausel

Seit 2010 dirigiert er regelmäßig in Rumänen, um zu fördern und zu unterstützen, was kurioserweise Auftritte auf dem Enescu Festival verhindert. Denn wer hier dirigiert, darf nirgendwo im Land für Konkurrenz sorgen. Eine Exklusivklausel!

Măcelaru lenkt sieben Jahre dennoch nicht ein. Rumänischen Orchester sind ihm ein persönliches Anliegen. Beim Festival darf er zweimal einspringen, wird 2021 dann mit dem Orchestre National de Paris eingeladen, um unmittelbar nach dem Konzert das Angebot der künstlerischen Leitung zu erhalten.

Anruf des Präsidenten

Der rumänische Präsident Klaus Johannis ruft ihn sogar persönlich an. Er hätte etwas demonstriert, das sei angekommen. Seitdem, so Măcelaru, würde der Präsident immer abheben, wenn er ihn anrufe.

Die rumänischen Orchester hatten schon immer ihren Festival-Platz. Măcelaru will ihnen jetzt verstärkt internationale Dirigenten und Solisten vermitteln. Und er hat weitere Träume. Für den inneren Umbau des viel zu großen Palatuluis gibt es sogar konkrete Pläne.

Sofort müsse wenigstens für eine funktionierende Klimaanlage gesorgt werden, was bei den hier vorherrschenden 36 Grad Celsius keine schlechte Idee ist. Auch der Verkehr-umtoste George-Enescu-Platz könnte mit Grünflächen beruhigt werden. Nur unter Lebensgefahr überwinden Fußgänger Kreuzungen. Zebrastreifen fehlen. Alle Spielstätten sind hier immerhin innerhalb von fünf Minuten zu erreichen.

Eine Prinzessin aus Neuwied

Dazu zählt auch das Ateneul Român. Das ist ein Rundbau, der innen wie ein Zirkuszelt aussieht und dessen Kuppel mit grotesken Verzierungen, Drachenschwänzen und Feuersäulen geschmückt ist. Entlang der Wand ist Rumäniens Geschichte auf romantisierenden Freskenbildern dargestellt. Von den römischen Anfängen über den Osmanen-Einfluss bis hin zur Gründung des Königreichs im 19. Jahrhundert.

Die erste rumänische Königin war übrigens eine Prinzessin zu Wied, keine 100 Kilometer von Köln entfernt in Neuwied am Rhein geboren.

Das Ateneul hat Măcelaru dem WDR Sinfonieorchesters reserviert und nimmt im ersten Konzert mit Frau und seinen beiden Kindern sogar im Publikum Platz.

Dirigent und Komponist Jörg Widmann hat ein Programm mit eigenen Werken zusammen gestellt, deren Stil den Musikern bestens vertraut ist. Drei Spielzeiten lang war Widmann Residenzkünstler beim WDR. Und sein ironisch anspielungsreiches zweites Violinkonzert wurde erst letzte Woche aufgenommen.

Mahlers Wunderhorn

Über weite Strecken wird mit leisen Geräuschen Spannung und Witz erzeugt, was seine Schwester Carolin hier herrlich zelebriert. Als Klarinettist interpretiert Widmann dann ein schön kitschig bearbeitetes Andante aus einer Mendelssohn-Klarinettensonate und lässt sich genüsslich begleiten. Passt perfekt vor Mendelssohns affirmative Reformationssinfonie, für die er wieder am Dirigentenpult steht.

Das zweite Konzert eröffnet dann Măcelaru mit dem lärmig tosenden Stück „Formido“ des Rumänen Dan Dediu. Im Auftrag des WDR ist es entstanden und erlebt seine rumänische Erstaufführung. Eine Reverenz ans Festival, das neue rumänische Musik und Komponisten fördern will, wie es seinerzeit Enescu getan hat.

Für die Auswahl an orchestral aufgearbeiteten Mahler-Wunderhornliedern steht anschließend Matthias Goerne neben dem Dirigenten. Das Signaturstück des Konzerts ist aber Bela Bartoks „Holzgeschnitzter Prinz“ mit seiner schier unglaublichen orchestralen Farbpalette, die hören lässt, was das Orchester kann! Die bereits im letzten Jahr aufgenommene Musik ist sowohl Măcelaru als auch den Musikern ja auch in Fleisch und Blut übergegangen.

Konzerte in Köln

Das Bukarester Publikum ist jedenfalls aus dem Häuschen und jubelt, worauf Măcelaru mit dem vierten „Ungarischen Tanz“ von Brahms herrlich eins drauf setzt.

Nach diesem Konzert ist die Luft raus. Măcelaru lädt sein Orchester in ein Bukarester Lokal ein, wozu er auch eine der besten rumänischen Folklore-Band einbestellt hat. Ein bisschen Feier muss sein, denn es geht sofort zurück nach Köln.

Im Happy Hour Konzert – Donnerstag in der Kölner Philharmonie – ist wieder Widmanns Violinkonzert am Start. Freitag und Samstag wird die WSO-Saison mit Programm „zwei“ eröffnet. Die rumänische Musik fehlt, ist ja bereits 2020 hier uraufgeführt worden. Dafür ist der Mahler-Glanert-Liedzyklus komplett.