Daniel Donskoy über das Musiktheater „Rebel Rebel“ mit der Musik von David Bowie, das die Ruhrtriennale 2026 eröffnet.
Daniel Donskoy„Wir verlernen gerade das Soziale“

Daniel Donskoy in "Rebel Rebel", der Eröffnung der Ruhrtriennale
Copyright: Jan Versweyveld
Herr Donskoy, David Bowie hat für viele Fans fast schon einen Heiligenstatus. Muss man ein bisschen verrückt sein, um sich an seine Musik zu wagen, wie sie es in Ivo van Hoves Musiktheater „Rebel Rebel“ machen?
Zum Glück spiele ich ja nicht ihn. Ich hätte richtig Angst, eine solche Ikonen zu verkörpern. Aber es ist toll, mit seinem Material zu arbeiten, weil jeder einzelne Song schon ein Theaterstück in sich ist. Vielleicht ist es genau das Richtige in einer Zeit, in der so vieles schiefläuft, die Musik von jemandem zu nutzen, der schon vor 40, 50 Jahren in seinen Songs politisch war und alle Regeln gebrochen hat. Das passt sehr gut. Wir versuchen nicht, etwas zu imitieren. Wir wollen dem Material treu bleiben, aber es ist ja auch dazu da, daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
Welche Beziehung haben Sie selbst zu David Bowie?
Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen. Meine Eltern haben Bowie auch sehr gemocht. Ich habe mich früh mit ihm beschäftigt, als ich angefangen habe, mich zu fragen: Wie wird man Künstler? Was bedeutet das? Leute fragen immer nach Role Models. Die hatte ich nie. Aber ich bin immer wieder auf David Bowie gestoßen, weil er sich jedes Mal neu erfunden hat. Das finde ich bewundernswert. Er hat sich sehr roh gezeigt und sich allem widersetzt, was der Norm entsprach. Das imponiert mir. Er war ein sehr besonderer Mensch, ein Popkünstler. Das hat so wenig mit dem glattgebügelten Pop zu tun, den wir heute haben. Das war wirklich anarchisch.
Sie spielen in „Rebel Rebel“ den Anführer einer Gang, für den Gewalt eine Lösung im Kampf gegen Ungerechtigkeit ist. Wie muss man sich diese Welt vorstellen, in der er lebt?
Das Stück spielt in einer dystopischen Zukunft, in der wirklich alles schiefgelaufen ist, was schieflaufen kann. Liebe ist verboten, Freundschaft ist verboten. Ein bisschen ist es angelehnt an George Orwells „1984“. Wir benutzen die Jahrhunderthalle mit ihrem ganzen industriellen Charme. Daraus entsteht eine Welt, die etwas Karges hat. Wir treffen auf eine Gruppe, die Diamond Dogs, deren Anführer ich bin. Ich bin Teil des Widerstands, aber durch Gewalt.
David Bowie hat sich sehr roh gezeigt und sich allem widersetzt, was der Norm entsprach. Das imponiert mir
Und andere wollen sich anders widersetzen?
Ja, es gibt Menschen, die sich ebenfalls dem System widersetzen, aber sagen: Nein, Gewalt ist nicht die Lösung. Liebe ist das, was uns retten wird. Daran glauben weder ich noch meine Gang. Und so gerät man innerhalb der Gruppe von Menschen, die Veränderung wollen, in einen Kampf, was gar nicht so weit hergeholt ist, wenn man sich überlegt, wo wir gerade politisch stehen. Viele wollen nicht, dass rechte Strukturen an die Macht kommen. Und dennoch kriegt man es nicht hin, auf der anderen Seite an einem Strang zu ziehen.
Ihr Charakter ist sehr getrieben von Wut und Gewalt?
Gewalt ist das Einzige, das er kennt. Er lebt auf der Straße mit seiner Gang. Sie leben ihre Anarcho-Gewalt-Fantasien aus. Und dann kommen plötzlich diese zwei Liebenden, die sich dem widersetzen und sagen: Es kann eine bessere Welt geben. Für ihn ist das unvorstellbar. Er bekämpft sie, weil sie sein ganzes Weltbild untergraben. Mein Charakter verkörpert die Wut einer ganzen Generation. Oder vielleicht auch die Verzweiflung.
Sie sprechen von einer dystopischen Zukunft, in der das Stück spielt. Aber ganz so weit von unserer Gegenwart ist es vielleicht nicht entfernt, oder?
Hundertprozentig. Es braucht ja kein System, das uns verbietet zu lieben. Es reicht, dass wir alle den ganzen Tag auf den Bildschirm starren. Man muss sich nur ansehen, wie viele Menschen sich einsam fühlen. Dieses Stück ist ein klarer Kommentar zur Gesellschaft. Wir verlernen gerade das Soziale. Wir werden weniger empathisch. Wir sind noch nicht da, dass man sich gemeinschaftlich mit Gewalt dem System widersetzt. Und ob das die richtige Lösung wäre, weiß ich auch nicht. Aber das Stück spiegelt Grundstimmungen wider.
Kann ein solches Stück überhaupt eine Antwort auf diese Fragen liefern?
Ich weiß nicht, ob es eine Antwort bieten kann. Es hinterlässt eher Fragen. Und da kommt wieder David Bowie ins Spiel: Er hat genau diese Fragen gestellt. Wo gehen wir hin? Was bedeutet ein System? Was bedeutet Anarchie? In welcher Zukunft wollen wir leben? Wenn wir nichts verändern, ist das Szenario vielleicht genau das, das uns in 40 Jahren erwartet.
Es sind zwei Liebende, die die Welt verändern wollen. Man kann das naiv finden, man kann aber auch sagen: Vielleicht beginnt Widerstand ja immer im Privaten. Was sagen Sie?
Ich versuche, das auf zwei Aspekte herunterzubrechen. Im Privaten würde ich sagen, dass ich daran glaube, dass Liebe essenziell ist. Das fängt schon im Kindesalter an. Im Idealfall spürt man die Liebe seiner Eltern und den Schutz seines Elternhauses. Damit wächst man auf und lernt als Kind dieses grundempathische Verständnis. So war es bei mir. Aber ich glaube, dass viele Menschen, die das nicht mitbekommen, es viel schwieriger haben, an diese Liebe zu glauben.
Und wenn man es über das Private hinausdenkt?
Wenn Menschen etwa einen Krieg erleben, sind die Grundsätze von Liebe, Empathie und Verständnis relativ schnell hinfällig. Sobald es um Hunger geht, um Angst vor dem Tod, sind wir dann doch Primaten. Dann kommen Urinstinkte des Überlebens durch. Das ist die Gefahr. Im Idealfall wären die philosophischen Grundsätze der Empathie und der Liebe stärker als die Instinkte des Überlebens und die Gier, die man als Mensch hat. Aber wir sind alle manchmal gierig, wir sind alle manchmal wütend, wir wollen Völlerei, wir wollen mehr, und das ist nicht genug. Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Und Konsum hat so wenig mit Empathie zu tun.
Ertappen Sie sich vielleicht manchmal dabei, dass Sie dem Gangleader, den Sie spielen, zustimmen und denken, ohne Gewalt geht es vielleicht nicht?
Im Idealfall sage ich: Nein, das ist nicht die Lösung. Man sollte Menschen nicht totschlagen, die man nicht mag und die einem im Wege stehen. Hundertprozentig nicht. Aber ich war gerade wieder in Israel, wo seit dem 7. Oktober der Krieg und die Gewalt und das Töten von Menschen ein riesengroßes Thema sind. Was ist Verteidigung? Was ist Angriff? Darüber diskutiert die ganze Welt. Wer hat recht? Was ist falsch? Moralisch keiner. Töten ist nicht gut, Punkt. Damit endet die Diskussion, aber das ist eine Diskussion, die auf philosophischer Ebene endet.
Kunst muss erstmal gar nichts. Das ist für mich wichtig, denn sobald Kunst etwas muss, sind wir schon im Bereich des Konsums
Lassen Sie die Erfahrungen in Israel anders auf das Thema schauen?
Ich war im letzten Jahr auch immer wieder da, als die Bomben fielen. Du sitzt mit den Menschen, die du liebst, in deinem Bunker, wenn du das Glück hast, einen zu haben, und willst einfach nur, dass nichts passiert, dass die Bombe aufs Haus fällt. In solchem Moment verengt die unmittelbare Angst den Blick auf die eigene Sicherheit und die Menschen neben dir.
Ich glaube auch, dass man Empathie lernen muss und es sehr hilft, wenn sie einem in der Kindheit vermittelt wird. Aber eine gewisse Grundempathie sollten wir doch als Gesellschaft haben, oder? Wir sollten uns doch zum Beispiel einig sein, dass man Menschen nicht im Mittelmeer ertrinken lässt?
Natürlich. Ich glaube auch, dass die meisten Menschen das ohne Kontext so unterschreiben würden. Und dann fängt eine politische Debatte an: Aber sollen die dann alle zu uns kommen? Das hat gar nichts mit der Kernfrage zu tun. Wir leben in einer Welt, in der alles so komplex ist, dass wir gar nicht mehr die Möglichkeit haben, ein Weltverständnis zu bekommen. Bei vielen gibt es eine Grundangst, und sobald jemand Angst um sich hat, denkt er nicht mehr so viel an andere. Das ist natürlich ein idealer Nährboden für Populismus. Die Menschen fühlen sich nicht gesehen.
Was kann oder muss Kunst in solchen Zeiten leisten?
Kunst muss erstmal gar nichts. Das ist für mich wichtig, denn sobald Kunst etwas muss, sind wir schon im Bereich des Konsums. Kunst an sich sollte frei sein und versuchen, das auszudrücken, was der Mensch, der sie gemacht hat, damit ausdrücken wollte. Aber natürlich entsteht Kunst nicht im luftleeren Raum. Bezogen auf „Rebel Rebel“: Es muss ein Stück sein, das unterhält. Im Idealfall bringt es dann auch Tiefe mit sich. Am Ende ist es sowieso der Rezipient der Kunst, der entscheidet, was sie mit ihm gemacht hat. Was erhalten bleiben muss, sind Räume, in denen auch unbequeme Kunst stattfinden kann. Kunst, die aneckt, auch mit politischer Botschaft.
Wollen Sie durch Ihre Kunst politische Botschaften vermitteln?
Ich glaube nicht daran, dass alles, was man macht, ein politischer Akt ist. So wichtig nehme ich mich nicht. Als der Krieg in der Ukraine angefangen hat, habe ich einen Song auf Russisch herausgebracht. Das ist ein klares politisches Statement. Das hat dann fast gar nicht mehr so viel mit Kunst zu tun, weil ich diese Botschaft loswerden will. Wenn man es hinkriegt, alles miteinander zu verbinden – zu berühren, zu unterhalten und trotzdem zum Nachdenkenanzuregen –,– ist das für mich der heilige Gral der Kunst. Das gelingt aber nicht so oft.
Sie arbeiten als Schauspieler mehr für Film und Fernsehen. Nun stehen Sie wieder auf der Bühne. Wie fühlt sich das an?
Viel Theater habe ich nicht gespielt in den letzten zehn Jahren. Ich habe ein bisschen mehr Muffensausen, aber es macht großen Spaß. Ich bin ein sehr körperlicher Mensch, und das ist etwas, was mir oft beim Drehen fehlt. Mir wird physisch und mental viel abverlangt in dieser Rolle. Ich gehe an die Grenze dessen, was man an Aggressivität in den Raum ausstrahlen kann. Ich liebe Herausforderungen. Und dieses Stück hat mich wirklich an jede einzelne Grenze gebracht.
Das Stück heißt ja „Rebel Rebel“. Was wäre denn ein guter Rebell für unsere Zeit?
Jemand, der es hinkriegt, in uns wieder Empathie zu wecken. Jemand, der durch diesen ganzen Moloch an Negativität hindurchkommt und den Menschen noch aufzeigt: Vielleicht ist alles gar nicht so beschissen. Vielleicht glauben wir das nur, weil wir uns die ganze Zeit nur mit Negativität auseinandersetzen. Jemand, der es schafft, die Norm wieder zu durchbrechen. David Bowie wäre ein sehr guter Rebell.
Daniel Donskoy (36) wurde in Moskau geboren und wuchs in Berlin auf. Als Jugendlicher zog er mit seiner Mutter nach Tel Aviv. Später studierte er in London, wo er jetzt auch wieder lebt, Schauspiel. Er spielte in zahlreichen TV-, Streaming- und Kinoproduktionen und macht auch Musik. Vergangenes Jahr erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein erster Roman „Brennen“.
Bei der Ruhrtriennale spielt er in Ivo van Hoves Musiktheater „Rebel Rebel“ mit, das das Festival am 20. August in der Jahrhunderthalle in Bochum eröffnet. Bei der Ruhrtriennale sind bis bis 20. September insgesamt 30 Produktionen und Projekte mit mehr als 100 Veranstaltungen in Bochum, Duisburg, Dortmund, Essen und Gladbeck zu sehen. Rund 600 Künstlerinnen und Künstler aus 45 Ländern wirken daran mit.