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Der Weisheit-Freischauflerlit.Cologne feiert 90. Geburtstag von Alexander Kluge

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Belesen und beredt: Alexander Kluge zu Gast im Depot des Schauspiels.

Köln – Wenn Alexander Kluge leise, aber mit beinahe feierlichem Tonfall sagt, dass ihn die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria in der Antike noch heute „bewegt“, glaubt man ihm aufs Wort. Schließlich gingen dabei allein zwei Tragödien des Sophokles für immer verloren – und somit alle Erkenntnisse, die daraus zu gewinnen wären.Bibliotheken, Archive und Überlieferungen aller Art sind die Grundlage seiner Arbeiten, ob es sich um eine Zeichnung von Sigmund Freud, ein Lamento Monteverdis, die Fernsehbilder von der Erstürmung des Capitols, einen Forschungsbericht über Quallen oder persönliche Erinnerungen handelt: Für Kluge ist potenziell alles Rohmaterial, das bei genauer Interpretation Fingerzeige für die Orientierung des Menschen in der Welt liefert.

Habermas über Alexander Kluge: „schmerzhaft gedankengetrieben“

Man muss halt alles sammeln, darin graben, maulwurfähnlich in die Tiefe gehen, wie Kluge dies in seinen aktuellen Bänden „Das Buch der Kommentare: Unruhige Gärten der Seele“ oder „Zirkus/Kommentar“ tut. Insofern dürfte „Ich bin eine Leseratte“, der Titel des lit.Cologne-Abends im Depot 1, noch stark untertrieben sein. Kluge, der seinen dritten Auftritt beim Kölner Literaturfestival anlässlich seines 90. Geburtstags frei gestaltete, ist als Schriftsteller, Filmemacher, Fernsehproduzent und Philosoph der vielseitigste unter den deutschen Großintellektuellen.

Als einen „unruhigen, fast schmerzhaft gedankengetriebenen Menschen“ hatte ihn sein Freund Jürgen Habermas einst bezeichnet, und der Ernst und Eifer, mit dem Kluge immer wieder neue Aspekte anspricht und den Abend im Depot vorantreibt, zeigen, dass ihm die Sache der Aufklärung auch mit 90 noch ein großes Anliegen ist.

Zur Person

Geboren wurde Alexander Kluge am 14. Februar 1932 in Halberstedt, einen Luftangriff auf seinen Geburtsort 1945 überlebte er nur knapp.

Nach einem Jurastudium arbeitete er eine Zeit als Anwalt, wandte sich aber bald Literatur und Film zu. So gehörte er zum einen zur Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“.

Zum anderen war er einer der Mitinitiatoren des „Oberhausener Manifestes“ (1962) und somit Mitbegründer des Neuen Deutschen Films, sein „Abschied von gestern“ (1966) gilt als Klassikers des Genres. (EB)

In diese Tradition stellt er sich, doch geht Kluge davon aus, dass die Weisheit, die „das vernünftige Tier“ im Laufe der langen Menschheitsgeschichte angehäuft hat, nicht ohne weiteres zur Verfügung steht, sondern freigeschaufelt werden muss. Literatur, das Lesen überhaupt, so erklärt er es Moderatorin Svenja Flasspöhler, Herausgeberin des „Philosophie“-Magazins, sei ein Weg, aus dem Blendwerk der so genannten Realität „seitlich wegzurutschen“ in einen Möglichkeitsraum, in dem alternative Welten denkbar werden.

Literatur alleine reicht nicht, um neue Perspektiven zu eröffnen

Aber Literatur allein reiche eben nicht aus, Musik, Bilder müssten hinzukommen, häufig eröffne erst die Reibung zwischen Bildern und Tönen, Tönen und Sprache, auch zwischen Poesie und Philosophie neue Perspektiven und Möglichkeiten: „Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man singen“, zitiert Kluge Mozart und nennt die Oper einen „Tempel der Ernsthaftigkeit.“

Solche Reibungen kann das Publikum miterleben, wenn zu einzelnen Themen Kurzfilme Kluges eingespielt werden, in denen unterschiedliche Bilder zu Triptychen angeordnet sind. Oder wenn das Lesen aus seinen Texten zu kurzen Performances gerät: Kluge, Flasspöhler und Nikolaus Benda, Ensemblemitglied des Schauspiels Köln, tragen sogar einzelne Passagen im Chor vor.

In seinem assoziativen, sprunghaften Verlauf ähnelt das Gespräch der Struktur von Kluges Büchern, doch die vom Autor so hoch geschätzte „Bodenhaftung“ bleibt erhalten. Das erweist sich gerade bei einem brandaktuellen Thema, zu dem Kluge mit Fundstücken von Thukydides, Clausewitz oder Kafka Erhellendes beitragen kann. Etwa, dass der Krieg ein Dämon ist, den auch der Aggressor nicht beherrschen kann und Allmachtsphantasien regelmäßig an der Realität scheitern. Dass Kriege nie „von unten“ angezettelt werden, sondern von der höchsten politischen Ebene, dass der Wille eines Gegners eher zu ändern als zu brechen ist. Und: Je schlimmer ein Gegner ist, desto wichtiger ist es, ihn zu verstehen, in seiner Eigenlogik.

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Gegen Ende des zweistündigen Abends fasst Alexander Kluge sein Verfahren zusammen: „Ob ich recht habe, kann ich nicht sagen, aber ich kann Beispiele vorlegen, die das Denken anregen.“ Das hat im Depot ganz vorzüglich funktioniert.