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Kommentar

Dieter Nuhr über Femizide
Wo ist die Cancel Culture, wenn man sie braucht?

3 min
Der Kabarettist Dieter Nuhr, aufgenommen vor der Verleihung des Leo-Baeck-Preises in den Wilhelm-Studios in Reinickendorf

Der Kabarettist Dieter Nuhr, aufgenommen vor der Verleihung des Leo-Baeck-Preises in den Wilhelm-Studios in Reinickendorf

Dieter Nuhr rät Frauen in seiner ARD-Sendung, zum Schutz vor Gewalt einen Partner vor dem Sex „einfach erst mal kennenzulernen“. Das ist nicht nur unlustig, sondern auch eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. 

Kennen Sie Derya? Die 24-Jährige und ihr kleiner Sohn Kian wurden 2021 vom Vater des Jungen in Köln-Niehl ermordet. Oder Claudia? Die Mutter von vier Kindern wurde von ihrem Ex-Mann erschossen, weil er die Trennung nicht akzeptieren wollte. Die 58 Jahre alte Tina wurde in Nürnberg von ihrem Mann getötet. Anschließend stellte er sich der Polizei.

Und jetzt stellen Sie sich vor, Freundinnen oder Familienmitglieder dieser Ermordeten – und Tausender weiterer in Deutschland getöteter Frauen – haben vielleicht durch Zufall kürzlich den Fernseher eingeschaltet und die Sendung „Nuhr im Ersten“ gesehen. Dann mussten sie anhören, wie Dieter Nuhr Folgendes sagte: „Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr und bitte, natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage.“ Ach Dieter, hättest du doch danach einfach den Mund gehalten.

Seine Argumentation ist sachlich falsch

Doch dann kommt eines dieser Aber, von denen man weiß, dass darauf nichts Gutes folgt: „Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null.“ Ist das nicht toll? Mit einer einfachen Rechnung hat Nuhr dem gesunden Menschenverstand, wie er es wohl nennen würde, zu seinem Recht verholfen. Alles halb so schlimm mit der Gewalt gegen Frauen. Stellt euch mal nicht so an, ihr blöden Weiber. Würde er eigentlich auch den Angehörigen, den Trauernden, den Verwaisten ins Gesicht sagen, dass die Gefahr „praktisch null“ ist?

Allein diese Aussage, getätigt in einer von Rundfunkbeiträgen finanzierten ARD-Sendung, ist schon schlimm genug. Aber Nuhr schafft es im Anschluss, noch perfider zu argumentieren: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“ Das ist nicht nur eine klassische Täter-Opfer-Umkehr – Selbst schuld, wenn du mit Wildfremden in die Kiste steigst –, sondern auch schlicht falsch, wie die eingangs erwähnten Beispiele belegen.

Unerträgliche Reaktion des Publikums

Etwa vier von fünf Morden an Frauen in Deutschland wurden nach Zahlen des BKA für das Jahr 2023 von einem aktuellen oder ehemaligen Partner begangen. Ich weiß ja nicht, wie Dieter Nuhr seine Beziehung führt, aber diese Frauen haben ihre Männer vermutlich wohl doch sehr gut gekannt. Das hat sie aber nicht geschützt.

Fast ebenso unerträglich wie Nuhrs Witze ist übrigens die Reaktion des Publikums, das lachend applaudierte, als hätte man ihm eine Last von den Schultern genommen: Endlich müssen wir diese anstrengenden Debatten nicht mehr führen. Auch die ARD bekleckert sich nicht mit Ruhm. Der zuständige rbb verteidigte den Kabarettisten und argumentierte mit der Kunstfreiheit.

Nuhr selbst schrieb am Freitag bei Facebook, er habe keine Witze über Femizide gemacht, er habe sich vielmehr gegen eine „völlig überzogene pauschale Verunglimpfung“ von Männern in den Medien ausgesprochen. Warum sollte man auch für das Leben von Frauen streiten, wenn man das Ego von Männern schützen kann? Wo ist eigentlich die berüchtigte Cancel Culture, die Männer wie Dieter Nuhr immer beklagen, wenn man sie mal braucht?