Eine leere Bühne, eine 1,47 m kleine Frau vor dem Vorhang; im schwarzen Kleid, sie trägt nur ein schlichtes Schmuckstück. Édith Piaf beginnt zu singen - und ein Orkan an Gefühlen dringt aus diesem schmalen Körper. Unvergessen, wenn sich am 10. Oktober ihr Todestag zum 50. Mal jährt.
Denn es gibt ihre Platten, mit diesen wahrlich unverwüstlichen Chansons: "Milord", "Mon dieu", "Hymne à l'amour", "Padam...Padam" oder "Non, je ne regrette rien". Allesamt ihre höchsteigenen Lieder, denn auch wenn die eine oder der andere sich an diesen Chansons versucht hat, so wie sie kann sie niemand singen: Sie brüllt, sie schmeichelt, sie schreit, sie gurrt verführerisch. Und diese Stimme? Ist sie "schön"? Nein, ganz und gar nicht, dafür hat sie zuviel Dreck auf den Stimmbändern, zu viel Straße, zu viel Gosse.
Dort soll sie ja der Legende nach geboren sein, am 19. Dezember 1915 auf einer Straße in Paris, wo der Vater, ein Artist, und die Mutter, eine Sängerin, arbeiteten. Die Wahrheit ist, dass die Mutter noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht wurde - aber das Kind danach zuerst bei deren Mutter und später bei der Mutter des Vaters aufwuchs, die ein Bordell führte.
Wieder beim Vater, begann sie zu singen, während er auf der Straße Kunststücke vorführte. Später bekam sie erste Engagements in kleineren Clubs, dann in größeren und im Radio, nahm 1935 eine erste Schallplatte auf. Die Karriere nimmt - über einige Umwege - Fahrt auf, die Erfolge werden groß und größer: Als sie 1963 stirbt, ist sie ein Weltstar. Denn sie hat sogar die USA, vor allem New York erobert, obwohl sie französisch gesungen hat. (Ihre englischsprachigen Aufnahmen zeigen nur einen Schatten ihres Könnens.)
Es ist traurig, das sagen zu können, aber das Drama in ihren Liedern passt hervorragend zu den privaten Tragödien Édith Piafs. Vom Tod der großen Liebe - der Boxer Marcel Cerdan stirbt bei einem Flugzeugabsturz; sie hatte ihn gebeten, zu ihr zu fliegen, damit er schneller bei ihr ist - erholt sie sich nie, heißt es. Dazu kommen Krankheiten: Polyarthritis und deformierendes Rheuma, von den Medikamenten bekommt sie zunächst ein Magengeschwür. Daraus wird Krebs, vom Morphium, das sie nun nimmt, wird sie abhängig.
Selbst keine klassische Schönheit, hat sie dennoch eine wahre Heerschar von gutaussehenden und talentierten jungen Männern in ihrem Gefolge, die gleichzeitig ihre Liebhaber sind und von ihr gefördert werden: Yves Montand oder auch Georges Moustaki, der für sie den Text zu "Milord" geschrieben hat. Sie ist aber auch die Entdeckerin von Gilbert Bécaud oder Charles Aznavour, der eine Zeit lang ihr Sekretär war, bevor er selber zum Superstar wurde. Denn auch das war die Piaf: eine Entdeckerin, eine Förderin. Auch wenn sie ihre Schützlinge getriezt hat bis zum Äußersten. Charles Dumont hat das am eigenen Leibe erfahren.
Im neu erschienenen Band "Édith Piaf" erinnert sich der Komponist an die ersten Begegnungen: Zusammen mit einem Kollegen darf er ihr in ihrer Wohnung, wo sie regelrecht Hof hält, vorspielen. "Dann fiel ihr Urteil wie ein Henkersbeil: ,Ich singe keine Chansons, die an einem Wettbewerb teilgenommen haben.'" Auch der zweite Anlauf mit einem anderen Chanson geht schief: "Dieses Lied passt so sehr auf mich, dass ich es nicht singen werde!" Erst die dritte Audienz ist von Erfolg gekrönt, es ist die Geburtsstunde von "Non, je ne regrette rien".
Dieses Lied, das Piaf-Lied schlechthin, hatte Dumont aus einem Frust heraus komponiert, eine aggressive Hymne mit Textzeilen wie "c'est la guerre, c'est la revolution" (das ist der Krieg, das ist die Revolution). Texter Michel Vaucaire ersann dann die endgültigen Worte über den Neuanfang ohne Reue.
Für Édith Piaf wird es das Lied eines letzten Comebacks, eines letzten Aufbäumens. Sie singt es im Rahmen einer Konzertserie Ende 1960, Anfang 1961, mit der sie hilft, die legendäre Konzertbühne L'Olympia vor dem Ruin zu retten.
Sich selber retten, das schafft sie nicht. Am 10. Oktober 1963 stirbt sie in ihrem Haus in Plascassier an der Riviera. Doch ihr Leichnam wird mit dem Auto nach Paris gefahren, den nur dort darf La Piaf gestorben sein. So gilt lange Zeit der 11. Oktober als ihr offizielles Todesdatum. Legendenbildung über den Tod hinaus, dieser Künstlerin würdig.
