- Im Interview spricht Frank Überall über die Nachrichten in Zeiten des Terrors.
- Der DJV-Chef lobt die Berichterstattung über die Brüssel-Attentate und erkennt eine Entwicklung.
Köln – Herr Überall, Terroranschläge wie der von Brüssel stellen auch die Medien vor eine große Herausforderung. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung in Deutschland?
In seriösen Medien habe ich mich über die Ereignisse in Brüssel gut informiert gefühlt, während ich am digital verlängerten Stammtisch in den sozialen oder zuweilen auch wirklich asozialen Medien die wildesten Verschwörungstheorien gelesen habe. Da ist es gut, wenn sich Journalismus abhebt. Die Germanwings-Katastrophe ist ja heute genau ein Jahr her. Und aus all den Katastrophen des vergangenen Jahres hat die Branche einiges gelernt.
Was denn?
Es wird nicht mehr den Terroristen in die Hände gespielt, indem es ein Rennen darum gibt, möglichst blutrünstige Bilder zu zeigen. Denn genau das wollen die Terrorristen ja: Angst verbreiten, ein Klima der Unsicherheit schaffen und unseren Lebensstil in Frage stellen. Dass die allermeisten Medien da nicht mitgemacht haben, sehr zurückhaltend und sachlich berichtet haben, zahlt auf das Glaubwürdigkeitskonto von Medien ein, das ja an der einen oder anderen Stelle zurzeit etwas belastet ist.
Kritiker werfen den Medien vor, die Menschen zu bevormunden, wenn sie bestimmte Bilder nicht zeigen oder die Herkunft der Täter nicht nennen.
Wir müssen uns immer die Frage der Relevanz stellen. Es gibt keinen Anspruch darauf, dass alles abgebildet wird, was auf dieser Welt passiert. Wir müssen alles zur Kenntnis nehmen, aber wir müssen filtern. Das ist Aufgabe von Journalisten, die kann uns keiner abnehmen. Und ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung abgeschnittene Gliedmaßen und Blut auf dem Boden wirklich sehen möchte.
Und wie stehen Sie zu der zuletzt intensiv diskutierten Frage, ob man die Herkunft von Straftätern nennen soll?
Wenn es bei Straftätern einen Zusammenhang mit der Straftat gibt, dann wird ja auch darüber berichtet. Bei der italienischen Mafia käme niemand auf die Idee, deren Hintergrund zu verschweigen. Und was wir in der Silvesternacht in Köln erlebt haben, scheint ja auch der Import eines Kriminalitätsphänomens zu sein, also etwas, das in anderen Ländern schon üblich ist und da gehört es natürlich dazu, das in diesen Kontext zu stellen und darüber zu berichten. Das geschieht ja auch.
Wie sollen Medien im digitalen Zeitalter damit umgehen, möglichst schnell berichten zu müssen?
Wir müssen uns vielleicht auch wieder ein Stück daran gewöhnen, dass manches einfach Zeit braucht. Wenn ich etwas Anständiges zu essen haben möchte, dann ärgere ich mich im Restaurant vielleicht auch, dass es etwas länger dauert. Wenn ich dann aber feststelle, dass es frische Ware ist, die gut gekocht ist, dann weiß ich auch, warum es dauert. Man kann ja mal Fast Food essen, aber auf Dauer macht das nicht glücklich. Genauso ist es mit dem Journalismus. Es muss erst mal richtig recherchiert werden. Und ich finde einen Trend richtig gut: Offensiv damit umzugehen, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen und was nicht.
Wie kann man den Lügenpresse-Vorwürfen begegnen?
Es gibt momentan eine digitale Stammtischhoheit derer, die Lügenpresse rufen. Diese werden wir nicht mehr erreichen. Aber die, die mitlaufen aus einem allgemeinen Unwohlsein, die früher vielleicht politikverdrossen waren und jetzt medienverdrossen sind, denen müssen wir uns stellen und mit ihnen diskutieren. Denn gleichzeitig spüre ich auch, dass es eine Sehnsucht nach einordnender, verlässlicher, glaubwürdiger und relevanter Berichterstattung gibt.
Warum glauben viele Menschen den wildesten Verschwörungstheorien im Netz, aber wenn etablierte Medien etwas berichten, wird es reflexhaft als Lüge abgetan?
Es gab ja immer den Traum, dass der einfache Mensch die große Plattform bekommt. Aber das hat man nicht zu Ende gedacht. Die schweigende Mehrheit ist bequem und leicht zu vereinnahmen. Die Fanatiker hingegen sind sehr aktiv. Die haben bloß früher keine so große Bühne bekommen. Und da erleben wir, dass solche Leute diese Mittel sehr intensiv nutzen, gerade auch im rechtsextremen Bereich. Aber das ist nicht die Mehrheit. Die Mehrheit glaubt solche Verschwörungstheorien nicht. Und wir sollten uns da auch nicht zu sehr verunsichern lassen von denen, die genau das wollen. Das ist ein rechter Meinungsterror, der uns aufzwingen will, über diese Theorien, die einfach nicht stimmen, zu berichten. Es macht keinen Sinn, sich in etablierten Medien damit auseinanderzusetzen.
