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Drei Bücher über KölnEine Stadt zwischen Jeföhl und Misere

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Das sogenannte „Rolex-Haus“ steht in der Dompropst-Ketzer-Straße am Hauptbahnhof.

Für den ehemaligen WDR-Moderator Walter Filz ist es ein Sinnbild der Methode Köln: das sogenannte „Rolex-Haus“

Navid Kermani, Rainer Kippe und Martin Stankowski sowie Walter Filz haben über Köln geschrieben. Ihre Bücher erklären, warum Köln trotz allem gute Laune hat und was die Stadt zusammenhält.

Der Name Köln löst eine Menge Assoziationen aus: Karneval und Kirche, Fußball und Veedel, Dom und Diversität, Bläck Fööss und BAP, Kölsch und Klüngel, WDR und Westwind. Kölner behaupten gerne, das alles sei „e Jeföhl“. Man muss die schwer fassbare „Domstadt“ mögen oder auch nicht, weshalb sie im Städteranking weit hinter München, aber auch weit vor Berlin landet und im „Dynamikranking“ zwar auf Platz 5, aber immerhin zwei ärgerliche Positionen hinter dem Erzrivalen Düsseldorf. Im ebenso sinnlosen „Glücksranking“ gilt Köln als „Overperformer“, was heißen soll: Das Lebens-Jeföhl übertrifft bei weitem die tatsächlichen Lebensbedingungen.

Drei frische, ganz unterschiedliche Bücher erhellen das. Das Gefühlige bestätigt der Kölner Schriftsteller Navid Kermani schon im Titel, während Rainer Kippe und Martin Stankowski im „Kommunismus op kölsch“ das Soziale aufspüren und Walter Filz mit der „Methode Köln“ herausgefunden haben will, „wie man souverän nichts auf die Reihe kriegt“. Allen Autoren ist anzumerken, dass sie sich als Kölner wohlfühlen, auch wenn sie schwer über die Stadt schimpfen, was mir als Ex-Kölner genauso geht. Wenn ich den Dom sehe, geht mir das Herz über. Aber wenn ich auf der Domplatte stehe, vergeht das rasch. Die in Köln Gebliebenen wundern sich über meine Zuneigung, wo die Stadt doch tatsächlich nichts auf die Reihe kriegt – und das ganz und gar unsouverän. Dazu später.

Kermani läuft zum Stadtbild seines Viertels auch mal die Galle über

Dem eindeutig kölnverliebten Schriftsteller läuft zum Stadtbild seines Viertels auch mal die Galle über. Kermani, der mich vor Jahren noch stolz durch sein Viertel geführt hat, weil es bunt und nicht so weiß sei, testet sich auf verfrühten Alterskonservatismus und findet: Es ist schlimmer geworden. Aber er ist klug genug, die strukturellen Gründe in der sozialen Ungleichheit zu sehen. Davon gleich noch mehr.

Der Rest des Buches, das ältere und jüngere Passagen aus Romanen und Reden umfasst, ist eher eine Huldigung an Kölns Widersprüche, etwa an den Effzeh, der am häufigsten aus der Ersten Bundesliga ab- und wieder aufgestiegen ist und dennoch jedes zweite Wochenende ein Riesenstadion füllt. Meditative Kunstbetrachtungen bieten Vignetten zum christlichen Glauben, dessen Riten bei dem gläubigen Moslem bekanntlich auch Irritation ausgelöst haben. Zu den Fällen, in denen Muslime im Blickpunkt standen, der Ditib-Moschee und der „Kölner Silvesternacht“ 2015, steuert Kermani weiterhin lesenswerte Analysen bei. Sie zeigen, dass den Romancier und Essayisten seine Heimatstadt genauso inspiriert wie fremde Länder den Reporter.

„Kommunismus op Kölsch“ nimmt die Perspektive der Benachteiligten ein

Einen verstorbenen Schriftstellerkollegen, den in Köln fast legendären Rolf Dieter Brinkmann, würdigt Kermani in einer Reihe von Porträts weltberühmter und auch draußen weniger bekannter Kölner – von Konrad Adenauer über Rupert Neudeck und Jaki Liebezeit bis zum Buchhändler Ömer Özerturgut, dem Schreinermeister Hahn und der Verkäuferin Sibylle Severin. Wer zu Kermanis Köln-Anthologie mit Texten aus den Jahren 2004 bis 2025 greift, wird mit überraschenden Querverbindungen belohnt – und einem Mosaik, das auch Auswärtigen das Köln-Gefühl plausibel macht.

Ganz anders gestrickt ist das Buch „Kommunismus op Kölsch“, das die Froschperspektive der „anderen Hälfte“, der Wohnungslosen, Beeinträchtigten und erklärten Loser einnimmt und die Kraft des Kollektivs demonstriert. Der ideensprühende Journalist Martin Stankowski ist als Stadterklärer und Vermittler in Köln weltberühmt. Gemeinsam mit dem Alt-68er Rainer Kippe ist er am Beispiel der 1969 gegründeten „Sozialpolitischen Sondermaßnahmen Köln“ alias „Sozialistische Selbsthilfe Köln“ (SSK) und heute „Sozialistische Selbsthilfe Mülheim“ (SSM) der Frage nachgegangen, „wie man am Rhein den Kampf um die Menschenrechte selbst in die Hand nimmt“.

Pragmatismus statt Theorie und Randale

Linke Studierende und Bürger wollten – apropos soziale Ungleichheit – über die Verbesserung der Welt nicht nur von oben herab reden, sondern sie von „ganz unten“ praktisch verwirklichen, mit Besetzungen leer stehender Grundstücke und der Einrichtung von Werkstätten, Entrümpelungsunternehmen, mit Anwaltskanzlei und Bautrupp. Die zwischen Reform und Revolution schwankenden Namenswechsel deuten die Konflikte mit Polizei und Stadtverwaltung an, die sich in Köln unterm Strich erstaunlich kooperativ zeigten und die Eigenart der Kölner APO begrüßten, weniger auf Theorie und Randale zu setzen als auf praktische Sozialprojekte.

Während sich der Rest der 68er in K-Gruppen und RAF-Sympathien verzettelte oder akademische Karrieren und bürgerlichen Aufstieg startete, blieb sich der SSM fünf Jahrzehnte treu. Wie Stankowski empfiehlt, fängt man das Buch am besten hinten mit seinem Resümee an, damit man die bunte Vielzahl der handelnden Personen schätzen lernt. Die diversen Schauplätze lohnen übrigens eine längere Stadtwanderung.

Das Rolex-Haus als Symbol der Methode Köln

Walter Filz ist anders als die beiden anderen Autoren kein „Imi“, sondern originärer Kölner, lange beim WDR beschäftigt und jetzt beim SWR in Baden-Baden. Er misstraut der Strahlkraft des kölschen Axioms, dass es noch immer gutgegangen ist. „Ist es tatsächlich so, dass man in Köln Probleme gelassener nimmt als in anderen Städten und sie einfach wegtrinkt? Leerstand, Müll, Baustellen, ungepflegte Typen – ‚ejaal!‘? In Köln wird aber doch ständig auf und über die Stadt geschimpft! In jüngerer Zeit mehr denn je.“ Andererseits aber: „Was, wenn es tatsächlich so ist, dass diese uralte, äußerlich mitunter etwas zweifelhaft erscheinende Stadt über ein ganz besonderes Wissen und ganz spezielle Praktiken verfügt? Dass es so etwas gibt wie eine Methode Köln, von der andere lernen könnten?“

Diese Methode, die mangels Systematik eher Anti-Methode heißen müsste, versucht Filz „vorurteilsfrei, neugierig, interessiert und positiv gestimmt“ zu ergründen. Er durchwandert die Stadt und kehrt immer wieder zu einem mysteriösen Fixpunkt zurück, der wohl die Methode Köln symbolisieren soll, einem „schwarz verkleideten und schwarz verglasten kubischen Kasten mit allerlei asymmetrischen Vor-, Auf- und Anbauten“. Es handelt sich um den verlassenen Sitz der Rolex Deutschland GmbH – ein Haus, das man eigentlich gar nicht bauen durfte, aber nicht abgerissen werden darf, bis es nun wohl auch nicht reanimiert wird, weil die Firma längst weggezogen ist.

In Köln hängt alles miteinander zusammen

In kurzen Kapiteln flaniert der unglaublich gut informierte Beobachter, jederzeit einen kölschen Spruch parat, durch Ecken und Enden der Stadt und entwickelt mit spöttischem Unterton eine Art Broken-Windows-Variante für Köln: Vermüllung, idiotische Murals, Pyrotechnik im Stadion, 35-seitige Regelhefte für Barrierefreiheit, didaktische Street-Art und und und. Da verliert man als Kölner wie Nicht- oder Anti-Kölner leicht den Faden. Bis man wieder am Rolex-Haus angekommen ist.

Denn, ganz elegisch: „In Köln hängt alles miteinander zusammen. Man will nur mal eben einen kleinen überstehenden Faden entfernen und zieht daran und zieht kräftiger und noch kräftiger. Und dann merkt man, der Faden ist tatsächlich ein kleines Haar auf dem Schwanz eines gigantischen Monsters, das da gut getarnt und unauffällig schläft – und dem man tunlichst kein Härchen krümmen sollte. Denn wenn es erst einmal aufwacht …“. Am Ende zeigt sich: Köln ist auch nur eine Variante der deutschen Misere, nur dass hier bessere Laune herrscht.


Am Donnerstag, 15. Oktober, ist Navid Kermani um 20 Uhr bei der lit.Cologne Spezial im Tanzbrunnen zu Gast, wo er mit Henning Krautmacher über Wohl und Wehe der Stadt sprechen und sein neues Buch „Köln. E Jeföhl“ vorstellen wird. Tickets sind für 35 Euro erhältlich.