Abo

Ein 3sat-Film fragtWas hat uns Goethes Geniestreich "Faust" noch zu sagen?

Lesezeit 3 Minuten

Der "Faust" ist ein Wahnsinnswerk. Das ist wirklich nicht übertrieben. Der Wahnsinn addiert sich auf 12 000 Verse. 50 Jahre hat der Autor Johann Wolfgang von Goethe an seinem Stück gearbeitet, mindestens acht Stunden dauert es, die beiden Teile des Dramas aufzuführen. Das Stück sprengt alle Dimensionen von Raum und Zeit und fasziniert die Menschen bis heute. Oder etwa nicht?

Ralf Dörwangs Film "Wahnsinnswerke Faust. Was hat uns Goethes Geniestreich heute noch zu sagen?", der am Samstag, 11. Februar, 21.35 Uhr, in 3sat zu sehen ist, ergründet den Klassiker, präsentiert prägende Inszenierungen zwischen 1933 (Max Reinhardt) und 2014 (Martin Kusej), spricht mit Künstlern wie der Autorin Thea Dorn, der Schauspielerin Bibiana Beglau und dem Rapper Alligatoah. Auch der Regisseur Nicolas Stemann kommt zu Wort, der 2011 am Hamburger Thalia Theater einen Maßstäbe setzenden, achtstündigen "Faust" inszeniert hat. Auch Leute wie du und ich werden zu "Faust" vernommen. Ein Schornsteinfeger stellt fest: "Eigentlich ist er ja ganz cool, der Faust."

Theaterregisseur Stemann wurde in einer Berliner Nacht von der 3sat-Kamera aufgenommen und gebeten, die Geschichte des Stückes in einem Satz zu erzählen. Stemann: "Ein frustrierter Gelehrter in der Midlife-Crisis fällt die Entscheidung, ab jetzt ein Arschloch zu werden, und in der Folge geht er in 'ne Kneipe, nimmt Drogen und verführt das Nachbarsmädchen, geht auf 'ne Superparty - daraus entwickelt Goethe das Drama der Moderne."

Nachsatz des Regisseurs: "Das muss man erst mal hinkriegen." Themen wie die Suche nach einer erfüllten Existenz, Leben als einzige Party behandelt Goethe nach Stemanns Einschätzung. Für ihn ist Goethes Faust eine rastlose, widersprüchliche Figur: ein Getriebener, erfüllt von dem Gefühl, nie anzukommen. Sein unersättlicher Hunger nach immer mehr Wissen findet für Bibiana Beglau eine Entsprechung in unserer durchdigitalisierten Informationsgesellschaft mit ihren gewaltigen Datenfluten.

Thea Dorn hält Faust für den Prototyp des modernen, ewig unzufriedenen Menschen, ein Grenzüberschreiter, der sie zu ihrem Roman "Die Unglückseligen" (2016) inspiriert hat. Fausts Gier, sagt sie, "ist unersättlich.

Er geht über Leichen." Bibiana Beglau, die am Münchner Residenztheater den Mephisto verkörpert, stimmt Dorns Urteil zu: "Faust ist ein Menschenfresser." Ein Opfer der Sucht Fausts nach Selbstverwirklichung ist Margarete, besser bekannt als Gretchen. Faust, der nach Einnahme eines Zaubertranks "Helenen in jedem Weibe" sieht, verführt, schwängert und verlässt Gretchen.

Ihr Schicksal scheint ihm gleichgültig. Die Frau, die sündigt, weil sie liebt, die Mutter und Kind tötet und im Gefängnis landet, müsste ihn eigentlich verabscheuen. Doch Gretchen liebt, und sei es auch ohne Chance auf Gegenliebe. Ihr Monolog am Spinnrad ("Meine Ruh' ist hin / Mein Herz ist schwer") drückt in nur 40 Versen alles aus, was man über die Liebe wissen muss. Traurig, aber wahr: Fürs Gretchen hat niemand in Ralf Dörwangs Film ein freundliches Wort übrig.

"Wahnsinnswerke: Faust. Was hat uns Goethes Geniestreich heute noch zu sagen?" ist am Samstag, 11. Februar, 21.35 Uhr, in 3sat zu sehen.

Rundschau abonnieren