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Ein Abend mit Navid KermaniDie Welt als Theater der Grausamkeit

4 min
Ein Mann gestikuliert mit seinen Händen. Ein anderer Mann sitzt links daneben und hört zu.

Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani sprach mit Chefkorrespondent Joachim Frank über Literatur und die Weltpolitik.

Der Kölner Publizist sprach bei einer Lesung im Neven DuMont Haus unter anderem über die humanitäre Katastrophe im Sudan. 

Der ideale Titel seines Romans „Sommer 24“ sei für ihn eigentlich „Theater der Grausamkeit“ gewesen, verriet Navid Kermani am Donnerstagabend in der voll besetzten Workstage des Neven DuMont Hauses. Er war zu Gast, um mit Chefkorrespondent Joachim Frank unter anderem über seine jüngste Reise in den Sudan und sein Anfang des Jahres erschienenes Buch zu sprechen. Darin geht es um erlebte Traumata. Der französische Dramatiker Antonin Artaud, auf den sich Kermani mit dem Wunsch-Titel bezieht, wollte durch seine radikale Form des Theaters, tief sitzende, verdrängte Ängste beim Publikum hervorrufen, um damit eine Art Katharsis zu erreichen.

Bei seinem Verlag, berichtete Kermani, habe dieser Titel „keine fünf Minuten Bestand gehabt“. Und doch erschließt sich durch den Hinweis präziser, worum es dem Autor geht. Traumata sind derart schwerwiegende psychische Wunden, dass die natürlichen Bewältigungsmechanismen des Gehirns überfordert werden. „Unsere Wirklichkeitserfahrung“, stellte Kermani fest, „ist eine ständige Überforderung, die wir nur bestehen, indem wir verdrängen.“ Ansonsten könne man „kaum noch gerade durch den Tag gehen“.

Wenn aus Verdrängen ein Verbrechen wird

Auf eine bestimmte Weise sei Verdrängen also menschlich, ab einer bestimmten Ebene werde es aber zum Verbrechen. Das betreffe insbesondere das Verdrängen der eigenen Verantwortung: „Im Sudan spielt sich die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart ab. Ein fürchterlicher Krieg, den man nicht Bürgerkrieg nennen kann, weil sich zwei Milizen bekämpfen. Und der kommt in unserer Berichterstattung und in unserer Politik nicht vor. Nicht ein einziger europäischer Außenminister ist seit Ausbruch dieses Krieges in die Region gereist.“

Für Kermani wird dieser Akt des Verdrängens deshalb zum Verbrechen, weil Europa seine Verstrickungen in den Sudan-Konflikt ausblendet: „Denn was finanziert diesen Krieg? Das Gold. Wo ist denn dieses Gold? Es ist in europäischen Tresoren. Man kennt die Firmen, die es einführen. Man kennt die Firmen, die es in unsere Bank bringen.“ Schon vor dem Krieg habe das Gold 70 Prozent der Exporte aus dem Sudan ausgemacht. Dieses werde zu 98 Prozent in die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert – „unser wichtigster Handelspartner in der Region. Dort wird es eingeschmolzen, landet in der Schweiz und kommt zu uns. Es geht nicht nach Russland, es geht auch nicht nach Amerika. Es kommt hauptsächlich zu uns.“

Das Grauen des Sudan-Krieges und wirtschaftliche Interessen

Welche Auswirkungen dieser Krieg hat, schilderte Kermani schonungslos: „Die RSF-Miliz stellt alles in den Schatten, was andere Verbrecher auf der Welt gegenwärtig tun. Allein in Al-Faschir sind im Oktober innerhalb von zwei, drei Tagen mehr Menschen massakriert worden als während des gesamten Gaza-Krieges: 70.000 Menschen.“ Kein Genozid sei so gut dokumentiert. Es sei unstrittig, dass die Vereinigten Arabischen Emirate die RSF-Miliz mit Waffen über Flughäfen im Tschad und in Ostlibyen beliefern. „Auch dem Auswärtigen Amt ist das vollkommen bekannt.“ Trotzdem gebe es keine mediale Aufmerksamkeit, trotzdem interveniere niemand.

Der Grund? „Weil die Vereinigten Arabischen Emirate in unsere Konzerne investiert haben, weil sie eine sehr starke Lobby haben, weil sie bezahlte Influencer haben, weil sie die Champions League mehr oder weniger kontrollieren. Das Champions-League-Finale ist eines zwischen Katar und den Emiraten.“ Kermani spielte damit auf die Sponsoren der Finalisten Paris Saint-Germain und FC Arsenal an: Der Club aus der französischen Hauptstadt gehört dem katarischen Staatsfonds. Der Londoner Fußballverein wird von der in Dubai ansässigen staatlichen Fluggesellschaft „Emirates“ gesponsert. Sie hält die Namensrechte des Stadions, außerdem wird in Dubai eine „Arsenal Soccer School“ betrieben.

Kermani: Die Emirate sind sehr auf ihr Image bedacht

Gerade wegen dieser wirtschaftlichen Verbindungen müsse die Lage eigentlich gar nicht so aussichtslos sein, meinte Kermani: Anders als Länder wie der Iran oder Israel, die letztendlich nicht interessiere, was die Welt über sie denke, seien die Emirate sehr auf ihr Image bedacht. „Deshalb geben sie auch Milliarden dafür aus.“ Ein großes, beim Champions-League-Finale gezeigtes Banner mit der Aufschrift „Stop Genocide“ würde den Machthabern in den Vereinigten Arabischen Emiraten wehtun, war sich der Schriftsteller sicher.

Er hoffe, durch seine Publikationen einen Beitrag zu leisten, um über den Krieg im Sudan aufzuklären. Die öffentliche Empörung müsse aber viel größere Dimensionen annehmen. Nachdem 2003 der Konflikt im westsudanesischen Darfur ausbrach, lenkten Prominente wie George Clooney den medialen Fokus auf die dortige humanitäre Krise. „Jetzt kann man sagen, das haben die vielleicht für ihre eigene Publicity gemacht. Egal! Glaube ich erstens nicht, zweitens sind sie hingeflogen und haben die Welt aufmerksam gemacht“, sagte Kermani. Jeder, der über diesen Krieg berichte, hoffe, dass dadurch die nötige Beachtung entstehe, „damit endlich, endlich das Morden aufhört“.

Mitte Juni erscheine seine Reportage, deretwegen er den Sudan bereist hat, in der „Süddeutschen Zeitung“. Für die Finanzierung sei er sehr dankbar, betonte Kermani, denn eine solche Reportagereise mache sich „überhaupt nicht bezahlt“. Ihm sei gesagt worden, er habe deshalb besonders viel Platz in dem Heft, weil bei dem Thema ohnehin keine Aussicht auf den Verkauf von Anzeigen bestehe.