Am 3. November wäre Dieter Wellershoff 100 Jahre alt geworden. Im Band „Vom Leben berührt“ erinnert sich Peter Henning an den guten Freund.
Vom Schützengraben zur MeisterprosaEin Blick auf das Wirken und Leben des Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff

ARCHIV - 06.10.2015, Nordrhein-Westfalen, Köln: Der Schriftsteller Dieter Wellershoff in seiner Wohnung. Er starb im Alter von 92 Jahren in Köln. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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„Wäre mehr möglich gewesen?“, fragte sich Dieter Wellershoff ausgerechnet angesichts seiner imposanten neunbändigen Werkausgabe. Man liest dies in Peter Hennings schmalem Buch „Vom Leben berührt“ – einfühlsame Erinnerungen an den Kölner Schriftsteller, der am 3. November 1925 in Neuss geboren wurde. Sein junger Kollege lernte ihn im März 2013 kennen, als er vom 34 Jahre älteren ein Urteil über seinen Roman „Ein deutscher Sommer“ erbat.
Nach einer 70-minütigen Lektion in dichterischer Akribie kam die Erlösung: „Sie haben ein großartiges Buch geschrieben!“, konstatierte jener Mann, für den Skepsis stets der Wetzstein seiner Prosa war. Mit dieser Begegnung begann eine rund fünfjährige Freundschaft bis zu Wellershoffs Tod.
Henning („Die Chronik des verpassten Glücks“, „Bis du wieder gehst“) erzählt von langen Gesprächen in der Südstadtwohnung des Böll-Preisträgers oder auf dessen Lieblingsbank im nahen Römerpark. Und lässt trotz der Kürze des gemeinsamen Wegs auf 100 Seiten Werk und Persönlichkeit dieses Ausnahme-Autors intensiv leuchten.
Verletzung im Zweiten Weltkrieg
Dem nicht einmal 20-jährigen Soldaten zerfetzten 1944 zwei Granatsplitter im litauischen Schützengraben das rechte Knie, und das zufällige Davonkommen verlieh ihm „eine anhaltende Euphorie für das konkrete Leben“.
Neben Albert Camus“ Existenzphilosophie faszinierte ihn damals auch Samuel Becketts absurdes Theater. Wobei Wellershoff stets seinem eigenen Kompass folgte und später sagte: „Literatur als etwas ,Höheres' – das war für mich immer eine spießige Idee.“
Auch Zusteller politischer Botschaften wollte er nie sein. „Das menschliche Leben, das, was Menschen mit ihrem Körper, ihrem Geist, ihrer Seele, ihren Ängsten und Wünschen machen – das ist das eigentlich Spannende, das es zu erzählen gibt.“
Ein Meister messerscharfer Sätze
Seine Figuren sah er als „vom Blitz Gestreifte“. Irgendwo unterwegs sind sie aus dem Takt geraten, der fatal auf Mammon programmierte Ulrich Vogtmann in „Der Sieger nimmt alles“ oder der Mörder Klaus Jung in „Die Schönheit des Schimpansen“.
Vor dem Schritt in die freie Schriftstellerei – ziemlich kühn für den verheirateten Vater dreier Kinder – arbeitete der junge Dieter Wellershoff als Lektor bei seinem lebenslangen Hausverlag Kiepenheuer & Witsch.
Er betreute neben Nicolas Born etwa auch Heinrich Böll. Warum, so fragt Henning, wurde er trotz eigener hervorragender Romane und Erzählungen nie mit ihm oder Günter Grass und Martin Walser in einem Atemzug genannt?
Fan von Frank Sinatras „My Way“
Nun, vielen galt der Meister messerscharfer Sätze als schroffer Monolith, der nicht zufällig Sinatras Song „My Way“ sehr mochte. „Manchmal habe ich mich in der Literaturwelt ziemlich allein gefühlt“, gestand er einmal im Rundschau-Interview. Doch dann brachte „Der Liebeswunsch“ dem schon 75-Jährigen einen überwältigenden Kritiker- und Publikumserfolg, der manche Durststrecken vergessen machte.
Und was da noch folgte! Der ebenfalls große Roman „Der Himmel ist kein Ort“ über einen (ver)zweifelnden Pfarrer – und zudem noch ein Ausflug in die Kunstwelt: „Was die Bilder erzählen“. Besonders geistesverwandt fühlte sich der Autor darin Adolph von Menzel, von dem er „die Universalität und Realitätskompetenz gegenständlicher Malerei“ bewiesen sah.
Passion für Schmetterlinge
Der lupenscharfen Analyse des gefährdeten Individuums blieb auch Wellershoffs letzter Erzählband „Im Dickicht des Lebens“ treu, den Henning initiiert hatte. Letzterer erlebte seinen Mentor als immer neugierigen Zeitgenossen, den er sogar ein wenig mit seiner Passion für Schmetterlinge infizierte.
Den Krebstod seines jüngeren Bruders hatte Dieter Wellershoff unpathetisch-anrührend schon 1991 in „Blick auf einen fernen Berg“ beschrieben. Als 88-Jähriger setzte er sich dann im Hörbuch „Ans Ende kommen“ mit dem eigenen Altern auseinander. Mochte ihm die Alzheimer-Erkrankung zuletzt auch die gewohnte Klarheit trüben, so blieb er doch er selbst: „Ich lebe inzwischen ein bisschen an mir vorbei, um meine körperlichen Defizite nicht dauernd wahrnehmen zu müssen.“
Schonungsloser Realist
Am 15. Juni 2018 ist Dieter Wellershoff im Alter von 92 Jahren gestorben. Und Peter Henning hat ihn vollkommen verstanden, wenn er gerade im Verzicht seines Freundes auf „seichte Lebenshilfe“ so etwas wie Trost sieht. Schließlich bleibt dieser schonungslose Realist gerade für seinen kristallklaren Blick auf die Tatsachen des Daseins in Erinnerung.
Peter Henning: Vom Leben berührt. Erinnerungen an Dieter Wellershoff. Kiepenheuer & Witsch, 100 S., 16 Euro.
