Das Morden im Hohen Norden liegt in der Gunst der Leserschaft immer noch ganz weit vorn, wie aktuelle Krimis und Thriller aus Island, Schweden, Finnland, Dänemark und Grönland sowie von den Nördlichen Hebriden zeigen.
Eiskalte KillerDiese Krimis aus dem Hohen Norden versprechen Spannung

Auch im eisigen Grönland wird gemordet.
Copyright: picture alliance/dpa
Reykjavik/Island
Ein toter Isländer in einem österreichischen Skihotel. Ein Mann, der unschuldig im Gefängnis gesessen hat für einen Mord, der sich nach Jahrzehnten als Unfall entpuppen könnte. Der Polizist, der damals in die nicht ganz sauberen Ermittlungen verwickelt war, ist jetzt verschwunden. Der frühere Mitbesitzer einer Wäscherei wird tot aufgefunden. Last but not least, ein schrottreifer Lada, dessen Besitzer hoffen, ihn an die Besatzung eines russischen Trawlers zu verkaufen, der im Hafen von Reykjavik liegt.
Nach den ersten Seiten fragt man sich, wie Arnaldur Indriđasson diese Geschichten in „Zerbrochene Stille“ verknüpfen und wie sein pensionierter Kommissar Konráđ sich aus diesem Schlamassel herausmanövrieren wird und schon ist man mittendrin in einer Geschichte, die vorangetrieben wird von Geschehnissen während des Kalten Kriegs und die bis in die Gegenwart hineinstrahlen. Und fast nebenbei gibt es einen weiteren Puzzlestein aus Konrads tragischer Familiengeschichte.
Arnaldur Indriđasson: „Zerbrochene Stille“. Lübbe, 368 S., 14 Euro.
Inussuk/Grönland
Für jemanden, der gerade bei einem Einsatz schwer verletzt wurde und nun an Krücken gehen muss, ist es sicher die beste Wahl in ein gottverlassenes Nest weit weg von der Hauptstadt Nuuk zu ziehen. Aber der frühpensionierte David Maratse zieht es durch und stolpert dabei über einen Vermisstenfall: Die Tochter der im Ort geborenen Premierministerin ist verschwunden und wird so Teil eines Wahlkampfes, in dem ethnische Identität eine entscheidende Rolle spielt.
Christoffer Petersen entführt an einen unwirtlichen Ort, an dem „Sieben Gräber für den Winter“ vorsorglich ausgehoben werden, damit mögliche Leichen nicht bis zum Frühjahr auf ihre Beerdigung warten müssen.
Christoffer Petersen: „Sieben Gräber für den Winter“. Kampa, 256 S., 18,90 Euro.
Kopenhagen/Dänemark
Eigentlich sollte Privatdetektivin Liv Jensen im Haus einen Klienten ein Sicherheitssystem installieren – zu einem sagbar ungünstigen Zeitpunkt: Sie wird Ohrenzeugin, wie der ältere Mann getötet wird. Ihre Suche nach dem Mörder führt sie 40 Jahre zurück in die berühmt-berüchtigte Freistadt Christiania, ein Viertel in Kopenhagen, in dem die Menschen versuchen, alternative Lebensformen zu verwirklichen. Liv muss feststellen, dass sie dabei manchmal auch über Leichen gehen.
Katrine Engberg beendet mit „Schwelbrand - Die Narben der Wahrheit“ ihre Reihe um die junge, leicht chaotische, aber sympathische Privatermittlerin Liv, gönnt ihr aber zumindest in Sachen Liebe ein Happy End.
Katrine Engberg: „Schwelbrand - Die Narben der Wahrheit“. Piper, 448 S., 18 Euro
Pori/Finnland
Eine verstörende Mordserie erschüttert Pori, eine Stadt im Südwesten Finnlands: Ein Unbekannter bringt Obdachlose dazu, sich selber mit Benzin zu übergießen und in Brand zu setzen. In der Szene der Menschen, die auf der Straße leben, spricht sich schnell der Name herum, mit dem er sich vorstellt: der „Erlöser“. Gleichzeitig machen Jugendliche immer wieder Jagd auf diese schutzlosen Mitglieder der Gesellschaft.
Beidem versucht Kriminaloberkommissar Jari Paloviita Herr zu werden, dabei hat er auch ein persönliches Interesse: Antti, mit dem er seit der Kindheit befreundet war, ist auch irgendwann auf der Straße gelandet. Mit einem ganz anderen Problem muss sich Jaris Chefin herumschlagen: Weil ihr Sohn auf kriminelle Abwege geraten ist, wird sie von einem Bandenboss erpresst.
„Was wir nicht sehen wollen“ nennt Arttu Tuominen den mittlerweile fünften Band seiner River-Delta-Reihe, den man dankenswerterweise ohne Vorwissen lesen kann: Schnörkellos und ohne viele Mätzchen widmet der Finne sich wichtigen aktuellen Themen unserer Gesellschaft.
Arttu Tuominen: „Was wir nicht sehen wollen“. Lübbe, 384 S., 18 Euro.
Åre/Schweden
Jahrelang war Viveca Sten nur auf die Insel Sandhamn im Stockholmer Schärengarten als Schauplatz für ihre Krimis abonniert. Nun schickt sie seit einiger Zeit Hanna Ahlander ins Ermittlungsrennen: Die toughe junge Frau ist nach Trennung und Suspendierung aus der schwedischen Hauptstadt ins beliebte Skigebiet Åre geflüchtet und hat mehr oder weniger zufällig bei der dortigen Polizei angeheuert.
In ihrem mittlerweile vierten Fall „Lügennebel“ steht eine Gruppe mehr oder minder verwöhnter Teenager im Mittelpunkt: Sie wollen eigentlich nur ein ausgelassenes Wochenende in einem protzigen Ferienhaus verbringen, das den Eltern von einem aus der Clique gehört. Doch nach der ersten Nacht liegt eines der Mädchen vor der Tür tot im Schnee.
Auf jeder Seite von „Lügennebel“ merkt man: Hier ist eine Profi-Autorin am Werk - der man doch ein strengeres Lektorat gewünscht hätte, das die eine oder andere Wiederholung, aber auch ein paar Unklarheiten hätte ausmerzen können.
Viveca Sten: „Lügennebel - Ein Fall für Hannah Ahlander“. dtv, 528 S., 22 Euro.
Nördliche Hebriden/Schottland
Die (fiktive) Insel Eilean Eadar gehört zu den Nördlichen Hebriden und ist 350 Kilometer Luftlinie von Glasgow entfernt, irgendwo vor der westschottischen Küste auf dem Weg nach Island. Und statt wie bislang 207 hat sie jetzt nur noch 206 Bewohner, nachdem ein junger Mann tot vor dem Leuchtturm gefunden wird.
Die beiden Festlandspolizisten George (eigentlich Georgina) Lennox und Richard Stewart sollen nun eine Antwort auf die Frage finden: Ist er gesprungen oder wurde er gestoßen? Auf der kargen Insel treffen sie auf Menschen, die fast sektengleich ihrem katholischen Priester hörig sind und gleichzeitig vor-christlichen Mythen und Bräuchen Platz in ihrem bescheidenen Leben einräumen.
Vielleicht arbeitet Laura McCluskey für „Wolfskälte“ mit ein paar Klischees zu viel. Aber die komponiert sie zu einem spannenden Krimi an einem Ort, von dem man sich beim Lesen fragt: Möchte ich ihn besuchen oder lieber nicht?
Laura McCluskey: „Wolfskälte“. Lübbe, 449 S., 18 Euro.
