Oper und Theater werden in Köln dringend gebraucht. Aber nicht als Orte bildungsbürgerlicher Selbstbespiegelung.
Eröffnung der BühnenWir sollten die Kultur nicht am falschen Maßstab messen

Ein Blick auf die Nicht-mehr-Baustelle der Oper Köln am Offenbachplatz.
Copyright: IMAGO/Panama Pictures
Erinnern Sie sich noch an den Shitstorm, den Timothée Chalamet erntete, als er vor ein paar Monaten Ballett und Oper als Künste bezeichnete, für die sich eigentlich niemand mehr interessiere? Binnen weniger Tage stieg der junge Filmstar vom Oscar-Favoriten zur billigen Pointe ab. Wahrscheinlich war er selbst erstaunt, ob der Heftigkeit der Gegenreaktionen. Es war doch nur so Beifall heischend dahingesagt.
Ähnlich starke Abwehrreaktionen würde ich mir wünschen, wenn das nächste Mal das Sanierungsdesaster am Offenbachplatz dazu benutzt wird, den gesellschaftlichen Wert von Theater und Oper infragezustellen. Als ließe sich der in Euro bemessen. Als existiere dieser Wert nur in Gegenrechnung zu anderen Haushaltsposten.
Dabei gehören Theater- und Opernvorstellungen zu den letzten kollektiven Live-Erfahrungen in unserer digitalen Welt, verlangen Konzentration und Sammlung statt Zersplitterung und Verhackstücken. Jeder streamt für sich, die Bühne spielt für alle: Statt an unseren Endgeräten zu vereinzeln, finden wir uns hier zusammen, teilen uns einen einzigen Raum. Reihen Körper an Körper, Kopf an Kopf. Kennen uns nicht und sind doch Nachbarn, die zur selben Zeit dasselbe erleben. Dieselbe nicht reproduzierbare Energie, dieselbe Bereitschaft zur Flüchtigkeit, zum Fehlerhaften. Wo alles festgehalten, abgespeichert und nachbearbeitet werden kann, bietet das Theater etwas Einmaliges, Unwiederholbares.
Kinder erschließen sich spielend die Welt, Erwachsenen geht das nicht anders
Gemeinsam schaffen wir so einen Reflexionsraum, in dem die Stadt über sich selbst nachdenken kann. In dem sie sich spürt. Welche andere Kunstform als die Oper kann Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Bühnenbild zu Momenten größter emotionaler Wucht verbinden? Warum genau sollte das elitär sein?
Kinder erschließen sich spielend die Welt, Erwachsenen geht das aber nicht anders. Die Menschen auf der Bühne stellen unsere Empathiefähigkeit auf die Probe, schulen Sprachgefühl und Ausdrucksfähigkeit diesseits und jenseits der Rampe. Sie reizen unseren Möglichkeitssinn, zeigen uns fremde Lebenswelten auf und eröffnen neue Perspektiven in festgefahrenen Debatten.
Bestenfalls, versteht sich. Aber ich habe noch nie einen Mitarbeitenden der Bühnen – ob Techniker, Opernsänger oder Schauspielregisseur – kennengelernt, der nicht alles dafür gegeben hätte, diese hehren Ziele zu erreichen.
Und wenn es mal nicht klappt, was soll’s? Scheitern ist eben auch eine Möglichkeit, und das Allertörichste, was man als Zuschauerin oder Zuschauer in dieser ersten Spielzeit am Offenbachplatz tun kann, ist, jede Vorstellung an den völlig aus dem Ruder gelaufenen Kosten der Sanierung zu messen.
Im Grunde sollte die Unesco die deutschsprachige Bühnenlandschaft zum immateriellen Kulturerbe ernennen, denn eine solche gibt es in dieser Dichte kein zweites Mal auf der Welt. Darauf darf man stolz sein. Ausruhen sollte man sich darauf nicht.
Eine Bühne ist kein Biotop, nichts Selbstverständliches. Ein gewisser Rechtfertigungszwang ist durchaus angebracht. Allerdings nicht als Existenzfrage, sondern im Sinne permanenter Veränderung. Theater sind keine musealen Archive, sie tradieren klassische Stoffe, halten sie lebendig, indem sie diese ständig neu interpretieren und befragen, sie in heutige Kontexte übersetzen. Und dabei auch das eigene Selbstverständnis auf seine Zeittauglichkeit abklopfen. Denn als Orte bildungsbürgerlicher Selbstbespiegelung sind die städtischen Bühnen tatsächlich Schrumpfmasse. Sie müssen für alle Gesellschaftsschichten da sein und das muss sich auch zeigen. Daran vor allem sollten wir den Offenbachplatz in Zukunft messen: wie offen er wirklich ist.
