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Eröffnung von Schauspiel und Oper„Fuckin’ feiern Köln!“ – Mit Chilly Gonzales auf dem Offenbachplatz

4 min
Musiker Chilly Gonzales

Musiker Chilly Gonzales 

Ein widerspenstiger Chilly Gonzales, ein gerührter Architekt: Eindrücke von der Offenbachplatz-Eröffnung in Köln am Wochenende.

Als die damalige Schauspiel-Intendantin Karin Beier 2012 symbolisch den Geist des Theaters aus dem Schauspiel trug, als die Menschen Kerzen haltend die Häuser am Offenbachplatz verließen, da seien ihm beinahe die Tränen gekommen, erzählt der Architekt Remigiusz Otrzonsek in der Kölner Oper: „Denn wenn Sie einmal ein Haus in diesem Zustand ohne Menschen gesehen haben, merken Sie, dann hat Architektur eigentlich gar keine Bedeutung mehr.“ Jetzt, 14 Jahre später, bekommt sie diese endlich zurück.

Ein hochemotionaler Moment für viele Besucherinnen und Besucher am wiedereröffneten Offenbachplatz, oder eher viele kleine Momente. Zurück im neu bestuhlten Parkett des Schauspielhauses, aus dessen Erfrischungsraum auf den kleinen Dirk-Bach-Platz und vom Bühnenraum der Oper aus auf die geschwungenen Balkone des Zuschauerraums blickend. Oder zwei Stockwerke darunter die wunderschöne neue Kinderoper entdeckend, ein echtes Schmuckkästchen. Überraschung, Ärger, Freude, Erleichterung – die Grenzen zwischen den Gefühlen verschwammen.

Am Ende bleibt die beste Empfehlung, der Aufforderung der US-amerikanischen Jazz- und Experimentalmusikerin Moor Mother zu folgen: „Positive Vibes only!“, ruft die von der kleinen Bühne aus dem Publikum zu. Chilly Gonzales formuliert es ein paar Stunden später auf dem großen Platz drastischer: „Fuckin’ feiern Köln!“ Der Klavierstar und Wahlkölner tritt am Samstagabend als Höhepunkt des Open-Air-Programms vor der Oper auf, zuvor hat hier unter anderem das Moka Efti Orchestra, bekannt aus der TV-Serie „Babylon Berlin“, bessere Zwanzigerjahre heraufbeschworen.

Zahlreiche Bürger machen sich ein Bild vom Opernsaal im fertig renovierten Opernhaus am Offenbachplatz um während eines Festes mit offener Tür einen Blick ins Innere werfen zu können.

Zahlreiche Bürger machen sich ein Bild vom Opernsaal im fertig renovierten Opernhaus am Offenbachplatz um während eines Festes mit offener Tür einen Blick ins Innere werfen zu können.

Gonzales unterhält prächtig, löckt dabei aber auch immer wieder konsequent wider den Stachel. Etwa, indem er den Rapper Chefket auf die Bühne bittet, der im vergangenen Herbst von einer Berliner Veranstaltung des Kölner Satirikers Jan Böhmermann ausgeladen wurde, aufgrund von Antisemitismusvorwürfen. Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer hatte zuvor ein Foto des Rappers im Palästina-Trikot verbreitet. „Plötzlich“, so Chefket in Köln, „ging es darum, wann Menschlichkeit politisch wird.“

„Minimum“, der Song, den er zusammen mit dem kanadischen Pianisten über den Skandal geschrieben hat, beleuchtet die diffuse Gemengelage durchaus differenziert (endete aber undifferenziert mit einem „Free Palestine“-Ausruf). Chilly Gonzales wiederum bearbeitet für seinen eigenen Protestsong „Fuck Wagner“ die Pauke, wettert mit deutlichen Worten gegen den antisemitisch-geifernden Komponisten, nicht jedoch gegen dessen musikalisches Werk: Nebenan wird gerade ein „Ring“-Zyklus produziert.

Vor dem Opernhaus stehen derweil die Bürger selbst am späten Samstagabend noch Schlange, um das lang ersehnte Ergebnis zu betrachten, und am Sonntag trotzen sie tapfer dem Regen. Während im benachbarten Schauspielhaus eine Technik-Show in Dauerschleife die verheißungsvollen Möglichkeiten der neuen Bühne demonstriert, scheint es in der Oper auch eine Woche vor der ersten Premiere noch zu klemmen: Die angekündigte Vorführung der Bühnentechnik müsse leider ausfallen, heißt es am Sonntag zu Beginn der Führung, was mit einem trockenen „Willkommen in Köln“ quittiert wird.

Die Katastrophe der letzten Jahre sitzt allen noch im Nacken, doch an diesem Wochenende nehmen es die Kölnerinnen und Kölner mit Humor, sie sind fest entschlossen, ihre neue alte Oper zu feiern: „Du atmest hier wirklich die 50er Jahre ein!“, bringt es eine Besucherin auf den Punkt, während sie staunend im Teppichfoyer steht. Und es stimmt: Dieser Raum zieht einen einfach in den Bann, mit seinen großen Glasfronten, dem hellblauen Teppichboden, zartgelben Wänden und der nachtblauen Decke, von der die funkelnden Glasleuchten hängen, ohne einen darunter klein fühlen zu lassen. Festlichkeit, aber ohne Prunk.

Und vor allem: Oper und Theater für alle. Mitten in der Stadt, wo sie hingehören. Das ist, was Wilhelm Riphahn vor rund 70 Jahren mit diesem Bau zum Ausdruck bringen wollte, und wofür er auch heute wieder stehen soll. In nur zwei Jahren – die Bauzeit sorgte beim Publikum für herzhaftes Lachen – hatte Riphahn ihn buchstäblich aus den Trümmern der zerstörten Altstadt erbaut. Umso schöner ist es zu sehen, wie die Menschen die Architektur und den Platz jetzt wieder für sich entdecken – manche, die sie nur als Mythos hinter dem Bauzaun kannten, zum ersten Mal überhaupt.

Und trotzdem: Ein belebter Platz, ein offenes Gebäude machen noch lange keine offene Kulturstätte. Wo etwa sind an diesem beschwingten Wochenende die jungen Menschen, wo sind die Migra-Kids? Wenn diese Oper und dieses Theater wirklich für alle da sein wollen, dann muss ihr Anspruch sein, auch die Jugendlichen abzuholen, die einen Block weiter neben den Opern-Passagen eine fast noch längere Schlange, als die vor der Oper bilden – zur Eröffnung eines Imbiss-Ladens.