Abo

Feuer im Hohen VennUmweltschutz auf Wiedervorlage

3 min
Ein Feuerwehrmann steht auf der verkohlten Erde eines Waldbrandes.

Ein Feuerwehrmann steht am Brandort im Naturschutzgebiet Hohes Venn.

Der Brand in Europas größtem Hochmoorgebiet verdeutlicht die verheerenden Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur. Dabei schreibt das Hohe Venn seine eigene Geschichte fort.

Es sind Aufnahmen, die an Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs im Nebel erinnern. Die Erde ist schwarz von Asche, einzelne verkohlte Bäume sind noch als solche zu erkennen, haben ihre Standfestigkeit aber verloren. Nur ist es kein Nebel, der sich über das Hohe Venn gelegt hat, sondern Rauch, wurde die Landschaft nicht durch Artilleriebeschuss entstellt, sondern durch das Feuer, das vor einer Woche in Europas größtem Hochmoorgebiet ausbrach.

Wie Biologe Tobias Ceulemans von der Universität Antwerpen in der flämischen Zeitung „Nieuwsblad“ erklärte, dürfe dieses eigentlich nicht gut brennen. Doch in dem Naturschutzgebiet sei der Großteil des Moores ausgetrocknet und somit sehr leicht entzündlich. Der Grund: Die vielen Fichtenplantagen. „Die können auf nassem Boden nicht wachsen, weshalb das Gebiet seit Anfang des vorigen Jahrhunderts systematisch entwässert wurde.“

Rausch schwebt über einen verkohlten Boden, auf dem es gebrannt hat.

Rausch schwebt über dem schwelenden Boden des Hohen Venns.

Die Torfschichten reichen hier mehrere Meter tief in den Boden, sind über Jahrtausende herangewachsen. Jetzt ist die zu Torf gewordene Vergangenheit des Hohen Venns der Brennstoff. Es hat seine ignorante Behandlung archiviert. Der Brand ist die konsequente Fortschreibung seiner Geschichte, die nicht determiniert zu sein braucht, die sich aber in einer Unvermeidlichkeit entwickelt, wenn nach bestimmten Entscheidungen nicht oder zu spät interveniert wird.

Die zu Torf gewordene Vergangenheit ist jetzt der Brennstoff

Geschichte wiederholt sich nicht, wie es heißt, aber sie wirkt nach. Sie prägt unsere Gegenwart, sie prägt unsere Zukunft. Und Archive geben ihr Wissen nicht von selbst preis. Wer die Vergangenheit mit ihren Irrtümern und Fehlentscheidungen verstehen will, muss sie geduldig befragen. Das Klimaarchiv des Hohen Venn ist dafür ein Sinnbild. Im Torf hat sich die Vorgeschichte des Brandes Schicht für Schicht eingeschrieben. Ebenso subkutan ist die Gewissheit in das gesellschaftliche Gedächtnis eingesickert, dass die früher noch abstrakt anmutenden Folgen des ausbleibenden Umweltschutzes nun allmählich real werden. Herausgebildet hat sich daraus aber keine effektive Reaktion, sondern eine Art aufgeklärtes falsches Bewusstsein. Denn auf den Schreck über ein plötzliches, angsteinflößendes Ereignis folgt fast zwangsläufig sein Nachlassen. Entspannung setzt ein, ein tiefes Aufatmen, Erschöpfung. Die Gewissheit bleibt unter diesem Zustand bestehen.

Wie lange es dauern wird, bis die Feuerwehr den Brand im Hohen Venn unter Kontrolle hat, ist bislang nicht absehbar. Ebenso wenig das genaue Ausmaß der Zerstörung. Wenn es so weit ist, wird die mediale Aufmerksamkeit verschwinden, es wird Ruhe einkehren. Das Moor wird in Teilen so aussehen wie ein Ödland aus der Endzeit. Eine Million Euro pro zehn Hektar, sagte Ceulemans, brauche es für eine gründliche Renaturierung. „Und im Hohen Venn müssen Tausende Hektar wiederhergestellt werden, um zu verhindern, dass noch einmal solch enorme Brände entstehen.“ Das ist der Preis für die Entwässerung, für die Ausnutzung. Und er wird steigen, je länger er nicht bezahlt wird. Die Quittung liegt im Archiv unter der Erde. Wiedervorlage im nächsten Sommer.