Französisches Schlemmen, spanische Billigparadiese, kölsche Kneipen: einige Höhepunkte des Film Festival Cologne.
Film Festival CologneDas große Fressen beginnt am Donnerstag

Woody Harrelson und Kristen Stewart in „Full Phil“. Der Film läuft auf dem Film Festival Cologne.
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Die Kölner Ringe liegen zwar weiterhin nicht am Strand, aber im Filmpalast darf man trotzdem von der französischen Riviera träumen. Gleich mehrere Favoriten der Filmfestspiele von Cannes haben dieses Jahr den Weg auf das Film Festival Cologne gefunden, wobei einem, wenn man nach Cristian Mungius Palmengewinner „Fjord“ wieder ins Freie tritt, selbst die Kölner Wirklichkeit paradiesisch anmuten kann. Mungiu, einst Teil des aus dem Grau geborenen rumänischen Kinowunders, hat sein Heimatland verlassen, um das Unglück in Norwegen zu suchen. Es hat ihn mit offenen Armen empfangen.
Dabei beginnt die Geschichte von „Fjord“ verheißungsvoll: Eine religiöse Familie kommt aus Rumänien in einen norwegischen Küstenort, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Die Eltern sind liebevolle Menschen, die vielleicht etwas altertümlichen Erziehungsmethoden anhängen – was das genau heißt, lässt Mungiu bis zum Ende offen. Als die älteste Tochter mit einem blauen Fleck auffällt, werden die Eltern des Kindesmissbrauchs verdächtigt und ihre fünf Kinder auf Pflegefamilien verteilt.
Mit „Fjord“ ist der Gewinner von Cannes zu sehen
Vor wem die Kinder geschützt werden müssen, bleibt meisterhaft in der Balance: Die Eltern und der Sozialstaat erscheinen gleichermaßen übergriffig, ohne dass man einer Seite dabei böse Absichten unterstellen könnte. Alle meinen es gut, und genau deshalb entfaltet sich das Drama so unerbittlich wie die von Mungiu als späte Rache des osteuropäischen Kommunismus vorgeführte Wohlfahrtsbürokratie. Am Ende bleibt die tröstliche Erkenntnis: Rumänien ist überall, und solange das so bleibt, lebt das Wunder fort.
An prominenten Werken fehlt es auch in diesem Jahr nicht beim Film Festival Cologne, und mit Andrei Swjaginzew präsentiert Festivalleiterin Martina Richter erneut einen anerkannten Hauptpreisträger. Aber das wichtigste Kölner Filmereignis, vorwiegend finanziert von Stadt, Land und Film- und Medienstiftung, bleibt sich auch in weniger lobenswerter Hinsicht treu: Die eingeflogenen Preisträger geben vor Ort zwar einen „Artist Talk“, sind jedoch lediglich mit ihrem aktuellen Werk präsent. Eine filmhistorische Würdigung sieht anders aus. Swjaginzew wird dies vermutlich ebenso verschmerzen können wie Ingrid Caven, die den International Actors Award erhält, und Christophe Honoré, der mit dem Preis des Filmmagazins „Hollywood Reporter“ ausgezeichnet wird.
Über das „Nicht Fisch, nicht Fleisch“-Konzept des Festivals, das sich nicht entscheiden kann, ob es ein Publikumsfestival oder ein Branchentreff sein will, und weiterhin Fernsehproduktionen unter die Filmausbeute mischt, wurde an dieser Stelle ebenfalls schon so oft geklagt, dass man es bei einem Seufzer bewenden lassen könnte. In Köln muss man schließlich auch in anderen Bereichen für das dankbar sein, was einem geboten wird.

Szene aus „Minotaurus“ von Andrei Swjaginzew. Der russische Regisseur erhält den Filmpreis Köln.
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Wie Mungiu ist Andrei Swjaginzew nicht für postsowjetische Wohlfühlfilme bekannt. Seine Hiob-Geschichte „Leviathan“ führte in ein Russland, in dem der korrupte Staat jeden aufrechten Mann zugrunde richtet – eine heldenhafte Figur, die man in „Minotaurus“, in Cannes mit dem Großen Jurypreis geehrt, vergeblich sucht. Der Film spielt am Beginn der „Spezialoperation“ und vermengt das Chaos der Mobilisierung mit einem Eifersuchtsdrama im Industriellenmilieu: Ein Mann wird ermordet, andere werden in den sicheren Tod geschickt – und niemand darf erwarten, dass jemand dafür zur Verantwortung gezogen wird.
„Minotaurus“ ist ein Film über die Komplizenschaft der russischen Funktionselite mit dem System Putin und wirkt, seinem Gegenstand nicht unähnlich, wie schleichendes Gift. Swjaginzew entwickelt die Handlung beinahe klischeehaft, bis die Beseitigung einer Leiche sie ins Groteske wendet. Danach ist alles anders und doch alles wie gehabt: Die Figuren sind gleichzeitig Gefangene und Profiteure ihres Unheils.
Ewiger Dank gebührt dem Festival dafür, dass es dem französischen Regisseur Quentin Dupieux die Treue hält, obwohl sich Meister- und Machwerke bei diesem Viel- und Billigfilmer ungefähr die Waage halten. Seine neueste Komödie, „Full Phil“, mit den Hollywoodstars Kristen Stewart und Woody Harrelson als Hauptdarstellern, reiht sich unter die Geniestreiche ein. Harrelson spielt einen Vater am Rande des Nervenzusammenbruchs, der sich mit seiner Tochter in einem Pariser Luxushotel versöhnen will – ein rührendes Unterfangen, das Dupieux mit der Wonne eines Mannes scheitern lässt, der für psychologisches Erzählen nichts als Unverständnis übrighat.
So viel wunderbaren Irrsinn würde man auch dem deutschen Kino wünschen
Der Weg zur familiären Katastrophe führt über lauter absurde Einfälle, unter denen die Idee, Stewart den gesamten Film über essen zu lassen, lediglich die aberwitzigste ist. Ohne Unterlass mampft sie vor sich hin, ohne dabei aufzuhören, ein Schönheitsidol zu sein. Die touristischen Attraktionen seines Schauplatzes handelt Dupieux mit einer Straßenschlacht ab, zu der Harrelson seelenruhig eine Zigarette raucht. Und weil das alles gerade mal für einen Kurzfilm reichte, drängelt sich immer wieder eine B-Film-Parodie in den Handlungslauf hinein, in der zwei verrückte Wissenschaftler ein Monster reanimieren, um es zu fragen, warum es nur die Köpfe seiner Opfer frisst.
So viel wunderbaren Irrsinn würde man manchmal auch dem deutschen Kino wünschen. Immerhin in Sichtweite Dupieux‘ bewegt sich Tom Schreiber in „Schöne Seelen“, einem in den 1990ern angesiedelten Aussteigerfilm. An der Costa Brava findet sich eine aufgekratzte Reihe von Exilanten des deutschen Alltags ein, mit Josef Hader als leutseligem Disco-Gott im Billigurlaubsparadies und Maya Unger als angelernter Fachkraft der Bierschlauchgastronomie. August Diehl hält den Laden als Tagelöhner Freddy zusammen, zunächst gut versteckt hinter einem debilen Dauergrinsen, das auf den ersten Blick verständlich macht, warum der Verleih den Film als „Trotteldrama“ bewirbt. Das Zielpublikum dürften die aus der Disco-Hölle Entflohenen sein.
Für die Kölner Misere braucht man nicht in die Vergangenheit zu reisen, die liegt auf der Straße oder versteckt sich hinter der Heimeligkeit der kölschen Kneipenkultur. In seiner „Ballade von Mittwoch auf Donnerstag“ schickt Christoph Otto ein scheinbar zusammengewürfeltes Ensemble durch die Nacht und in Kölner Kneipen, Bars und Shisha-Lounges. Es wird viel geredet und gestritten, gelärmt, gelallt und sich versöhnt – und vor allem reichlich gezecht. Das Drehbuch stammt von Jan Bonny und Jan Eichberg, die es verstehen, den Einheimischen in „Short Cuts“-Manier aufs Maul zu schauen, und die Kneipentour durchs deutsche Stimmungstief elegant auf viele Suffköpfe zu verteilen. Für das kölsche Publikum lohnt bereits das heitere Location-Raten den Besuch. Alle anderen werden sich vielleicht fragen, ob es eine gute Idee war, nüchtern ins Kino zu gehen.
Film Festival Cologne, Filmpalast, Filmhaus, 29. Oktober bis 5. November 2026
