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Frank GoosenMenschen am Tresen

2 min

Frank Goosen.

Frank Goosen erzählt in seinem neuen Roman "Lovely Rita" liebevoll von den Menschen, die einen Ruhrpott-Tresen bevölkern.

Bei den Beatles ist „Lovely Rita“ eine Politesse, der Paul McCartney verfallen ist. Die Namensvetterin und Titelheldin in Frank Goosens neuem Roman führt eine Kneipe, mitten im tiefsten Ruhrpott, wo über die Jahre der Kohlenstaub die Lungen erobert hat, die Herzen auf der Zunge getragen und die Sorgen mit Pils und Korn heruntergespült werden. Ein paar Tage, bevor in Rita Urbaniaks „Haus Himmelreich“ zum letzten Mal aus dem Zapfhahn die Tulpen gefüllt werden sollen, taucht der Erzähler auf, im Gepäck den Auftrag eines hippen Großstadt-Magazins, einen Artikel über die Traditionskneipe zu schreiben.

„Alles, was passiert ist und was nicht passiert ist, hat mit dem Kriech zu tun“, bekommt er immer wieder zu hören, von den Typen, die da Tag für Tag an der Theke campieren: vom Langen, dem Käpt’n oder Willy Trommer. Früher war noch einer dabei, den sie Elvis nannten und der nicht mehr lebt. Es gibt die langjährige Thekenkraft Gisela, eine Gräfin oder auch die Wacholder-Anni, die schweigend an dem besagten Schnaps nippt. „Es ist das reinste Kino hier, irgendwas zwischen Monty Python und Kaurismäki.“ Und es ist wirklich der Zweite Weltkrieg, der über Umwege dazu beitrug, dass Rita bei ihrem Onkel landete und nach dessen Tod den Laden weiterführte.

Porträt eines verschwindenden Biotops

Eigentlich waren nur zwei Jahre geplant, aber dann kam das Leben in Form ihrer unzuverlässigen älteren Schwester dazwischen: Rita musste sich plötzlich um deren uneheliche Tochter kümmern. All diese Geschichten werden dem Erzähler präsentiert, je nach dem von wem, muss er sich was dazudenken oder die eine oder andere Übertreibung abmildern. Zwischendurch darf er seiner Jugendliebe noch die Gefühle von damals gestehen. So kreiert Frank Goosen ein liebevolles Porträt eines Biotops, das mehr und mehr verschwindet, Stichwort Kneipensterben. Schon wenn man auf der ersten Seite das Hohe Lied liest, das hier auf ein gut gezapftes Pils gesungen wird, weiß man: Hier schreibt einer, der weiß, was und wo er gerne trinkt.

Doch immer wenn die Melancholie überhand zu nehmen droht, wird anständig gefrotzelt. Liebstes Opfer des Tresenteams: der Erzähler, der obwohl er „von hier wech kommt“, den Urinstinkt verloren hat, die Nuancen zwischen aufrichtiger Entrüstung und Verhohnepipelung zu erkennen. Und Goosen gönnt vor allem den drei Dauertrinkern solche furiosen verbalen Schlagabtausche, dass es sogar dem mit allen Wassern gewaschenen und mit Bioconditioner verfeinerten Comedian Farsi, ebenfalls ein Stammgast im Himmelreich, die Sprache verschlägt.