Köln – Wie sich die Zeiten ändern. „1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist, zu verbieten“, schreibt Caroline Fourest. Doch heute wolle jene „Generation Beleidigt“, die ihrer Streitschrift den Titel gibt, alles mit Bannfluch versehen, was sie „verletzt“. Das können die ins Netz gestellten Bilder einer amerikanischen Mutter sein, die es wagte, ihrer Tochter eine Geburtstagsfeier im japanischen Stil auszurichten. Oder ein jamaikanisches Gericht des Starkochs Jamie Oliver sowie Modezitate fremder Kulturen.
Die Anklage lautet stets: „kulturelle Aneignung“. Die gibt es zwar durchaus, wenn sich etwa Kolonialstaaten auf fragwürdige Weise Kunstschätze aus der Dritten Welt verschaffen oder Disney aus Merchandisinggründen („König der Löwen“) Markenrechte für den populären afrikanischen Spruch „Hakuna Matata“ beansprucht.
Aggressive Abschottung
Die französische Autorin und Filmemacherin aber zielt auf einen identitären Rigorismus. Mit diesem verbieten unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, von Muslimen über Afroamerikaner bis zu Transsexuellen, jedem „Außenseiter“, sich ihren Themen, Künsten oder Symbolen überhaupt nur zu nähern.
Katy Perry zeigt auf einem Foto blonde Cornrowzöpfe und muss sich untertänigst bei Amerikas schwarzer Community entschuldigen. Diese neuen Kulturkämpfe betreffen keine Zivilisationsbrüche wie Genozide oder Genitalverstümmelung an Mädchen, sondern Petitessen wie einen „gestohlenen“ Haarschnitt.
Machtergreifung einer „Sprach- und Gedankenpolizei“
Fourest, die als lesbische Feministin keineswegs auf Seiten der erzkonservativen Rechten steht, sieht diesen vermeintlichen Antirassismus als Machtergreifung einer „Sprach- und Gedankenpolizei“, der es nicht um ein mitfühlendes Nebeneinander von Kulturen, sondern um Abschottung geht. So scharf die Französin auch analysiert und argumentiert – ihr Buch besticht vor allem mit den vielsagenden Beispielen. So nahm die weiße Malerin Dana Schulz 2017 das Foto vom offenen Sarg eines 1955 in Mississippi gelynchten schwarzen Jungen zum Vorbild ihres Gemäldes „Open Casket“. Ihre gute Absicht, auf die immer noch schwärende Wunde des Rassismus in Amerika zu zeigen, half ihr auf der Whitney Biennale nicht. Die schwarze Aktivistin Hannah Black forderte, das Gemälde nicht nur zu entfernen, sondern zu zerstören.
Auch das multikulturelle Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine geriet ins Visier identitärer Radikalität. Als der Frankokanadier Robert Lepage in „Kanata“ die Geschichte der Vertreibung der indigenen Bevölkerung Amerikas zeigen wollte, beharrten heutige Vertreter der Unterdrückten darauf, diese Figuren selbst zu spielen. Mnouchkine blieb hart und das Stück in Kanada unaufgeführt.
Im Bestreben der Betroffenen, sich selbst auf der Bühne zu verkörpern, sieht Fourest „eine Offerte, die den Geist des Theaters vernichtet, das allen Menschen erlaubt, in alle erdenklichen Rollen zu schlüpfen, ohne sich einem DNA-Test zu unterziehen“. Doch das Diktat der Identitären hat längst Hollywood erreicht. So verzichtete Scarlett Johansson nach Transgender-Protesten auf die Rolle einer Frau, die im Film „Rub and Tug“ zum Mann wird.
Die Autorin staunt darüber, dass die linken Identitären nicht etwa Rechtsradikale als Gegner sehen, denen sie letztlich in die Karten spielten. Und Fourest sieht die vo allem an amerikanischen Hochschulen blühende Opferkultur als Brandbeschleuniger der neuen Inquisition. Statt Universitäten als Hort geistiger Freiheit zu sehen, erwarten viele Studierende heute „Trigger-Warnungen“ vor womöglich verstörenden Stoffen wie Ovids „Metamorphosen“ oder verlangen „Safe Rooms“, in denen sich von „Mikro-Aggressionen“ erholen können.
Mit Sorge sieht Caroline Fourest, wie auch akademische Eliten vor Ideologien wie der von Robin DiAngelo resignieren: „Ein weißer Mann, der abstreitet, rassistisch zu sein, ist es unwiderlegbar.“ Solche Dogmen veranlassen die Französin zur Gegenfrage: „Wie lange wird man diese Einschüchterung tolerieren? Ist denn nicht klar, auf welchen Weg sie führt?“ Nach diesem klugen, trotz allem Zorn besonnenen Buch schon.
Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse. Edition Tiamat, 144 S., 18 Euro
