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Frisch und unverbraucht mit satten 80„Hackney Diamonds“ hat alles, was ein gutes Rolling-Stones-Album braucht

3 min
Die drei Bandmitglieder stehen Arm in Arm. Im Hintergrund sind Fans und Fotografen zu sehen.

Nun ein Trio: Ron Wood, Mick Jagger und Keith Richards. Der 2021 verstorbene Charlie Watts spielt aber noch Drums auf zwei der neuen Stücke: „Mess it up“ und „Live by the sword“.

Auch wenn man diese Art von Songs schon gefühlte hundertmal von ihnen gehört hat, die neuen Nummern klingen frisch und unverbraucht.

One, two, one-two-three und los geht's! 48 Minuten später ist klar: „Hackney Diamonds“ (Polydor/Universal), das neue Album der Rolling Stones, das am 20. Oktober erscheint, ist eine feine Sache. Klar, hier wird nicht das Rock'n'Roll-Rad neuerfunden, aber die Steine kommen noch einmal gehörig ins Rollen. Keine Minute klingt danach, dass da ein 80- und ein bald 80-Jähriger das musikalische Zepter schwingen.

Versatzstücke wie das Gitarrensolo in „Live by the sword“, die Genres der Lieder – all das ist sattsam bekannt, wo Stones draufsteht, sind auch die Stones drin. Die 1962 gegründete Combo poliert ihren Markenkern und bringt ihn noch ein weiteres Mal auf Hochglanz.

Die Spannung entsteht durch die Art, wie Mick Jagger und Keith Richards neue Varianten des hinlänglich Bekannten finden. Denn auch wenn man diese Art von Songs schon gefühlte hundertmal von ihnen gehört hat, die neuen Nummern klingen frisch und unverbraucht. Sicherlich auch durch die Arbeit mit Produzent Andrew Watt, dessen Tätigkeitsfeld von Justin Bieber bis Ozzy Osbourne reicht.

Jagger und Lady Gaga liefern sich kraftvoll beseeltes Duell

Die ersten beiden Singles, „Angry“ und „Sweet sounds of heaven“ entfalten ihre Wirkung im Rahmen der insgesamt elf Lieder der Platte: Ersteres als knackiger Auftakt, Letzteres als wunderbar ausufernde Rock-Hymne, in der sich die Stimmen von Jagger und Lady Gaga ein kraftvoll beseeltes Duell liefern. Der Text dazu ist weit entfernt von einem altersmilden Blick auf die Liebe: „Vom Regen deiner himmlischen Liebe getränkt zu werden“, solches Flehen erwartet man von pathetischen Jung-Poeten.

„Depending on you“ ist ein von Akustikgitarren getragenes Midtempostück, in dem Jagger gleichermaßen einschmeichelnd und fordernd zugleich einer Verflossenen hinterher ruft, er sei „zu jung zum Sterben, aber zu alt, um zu verlieren“. „Dreamy skies“ wildert in Country-Gefilden, „Whole wide world“ besticht durch seinen melodischen, zum Mitsingen einladenden Refrain. „Mess it up“ ähnelt nicht nur im Titel der 1981er Single „Start me up“, sondern ist auch getragen von einem heute leicht nostalgischen Disco-Unterton, den Stones seinerzeit bemühten – und den man heute unter Retro verbuchen kann.

Richtig heraus sticht „Bite off my head“: Fast in Punkmanier werden hier die Worte rausgerotzt, jung und ungestüm, als gelte es, bloß keine Gefangenen zu machen. Man sieht vor dem geistigen Auge, Jagger über die Bühne wirbeln.

Kurz vor Schluss ändert sich die Betriebstemperatur, wenn Keith Richards in „Tell me straight“ zum Mikrofon greift. Es wird verklärter – vielleicht altersgerechter? Wobei die Stones und vor allem Showmann Jagger mit ihrer Attitüde gut älter, aber niemals peinlich wurden. „Hackney Diamonds“ ist der Beweis.