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Hera Linds Roman über Tamar Dreifuss„Das ist jetzt meine Verantwortung“

8 min

Hera Lind in ihrem Arbeitszimmer

Frau Lind, Sie erzählen in Ihrem neuen Roman „Erhobenen Hauptes“ die Geschichte von Jetta Schapiro und deren Tochter Tamar Dreifuss. Tamar hat bis zu ihrem Tod vor einem Jahr in Köln gelebt und als Holocaust-Überlebende über die Verbrechen der NS-Diktatur gesprochen. Wie kam der Kontakt zustande?

Vor ungefähr zehn Jahren bekam ich das kleine Büchlein „Sag niemals, das ist dein letzter Weg“, das Jetta Schapiro über ihre Geschichte auf Jiddisch geschrieben und ihre Tochter Tamar ins Deutsche übersetzt hat, zugesandt. Ich vertiefte mich darin und war sehr beeindruckt, gerade von Jetta als starker Mutter. Das hat mich als Mutter sehr abgeholt. In meiner Begeisterung habe ich sofort ein Treffen vereinbart.

Wie war Ihr erster Eindruck von Tamar Dreifuss?

Tamar, Vertreter meines Verlages, und ich saßen beim Mittagessen. Zwischen uns stimmte die Chemie sofort. Tamar Dreifuss hatte nämlich einen wunderbaren Humor. Ich war erst sehr nervös, einer Holocaust-Überlebenden zu begegnen, und hatte großen Respekt. Sie hat mir sofort sämtliche Scheu genommen. Als wir zufällig beide beim Händewaschen im Waschraum waren, haben wir gesagt: Wir machen das. Inzwischen hatten sich aber die Verlagsmitarbeiter unterhalten und entschieden: Wir müssen leider ablehnen. Die Marke Hera Lind ist noch zu sehr mit heiterer Frauenliteratur à la „Das Superweib“ in den Köpfen der Menschen verankert. Ich weiß noch, wie ich Frau Dreifuss damals vor dem Restaurant verabschiedet habe. Wir hatten beide Tränen in den Augen.

Wie kam es dann doch zu der Zusammenarbeit?

Im ernsten Fach war ich damals noch neu, ich hatte fünf Tatsachenromane geschrieben. Ich vergleiche das so: Ich war ja lange mit Herzblut Sängerin. Es gibt das leichte Fach für die junge Koloratursängerin, und es gibt irgendwann das schwere Fach, in das man wechselt, wenn man eine gewisse stimmliche und persönliche Reife erlangt hat. Die schwere Verdi- oder Wagner-Partie. Und so war es auch mit mir. Es hat eine lange Reifezeit gebraucht und weitere 20 Tatsachenromane, die durchaus auch sehr ernsten Inhalts sind. Die haben mich viel gelehrt über die europäische Geschichte und darüber, was Menschen wirklich ertragen und aushalten können.

Ich sagte: Frau Dreifuss, wollen Sie immer noch, dass ich Ihre Geschichte aufschreibe? Und ihre Antwort war: Auf diesen Anruf habe ich zehn Jahre gewartet
Hera Lind

Und deshalb sind Sie es zehn Jahre später doch angegangen?

Vor zwei Jahren schob ich meinen kleinen Enkel die Aachener Straße hinauf, und ich sah viele Litfaßsäulen. Es brauchte mehrere, bis ich wusste, wer diese Frau darauf war. Es war Tamar Dreifuss. Es ging darum, dass sie Teile des Ghettos in Vilnius in Hennef nachgebaut haben. Ich blieb stehen und las das. Diese nimmermüde Frau, die inzwischen Mitte 80 war, führte Schulklassen durch dieses nachgebaute Ghetto. Sie hat ja auch ein Kinderbuch über ihre Geschichte geschrieben, in dem sie selbst als Kleinkind vorkommt. Ich weiß noch, dass ich das Enkelkind ablieferte und als Nächstes mit großem Herzklopfen zum Handy griff und Tamar Dreifuss anrief. Sie ging sofort dran. Ich sagte: Frau Dreifuss, wollen Sie immer noch, dass ich Ihre Geschichte aufschreibe? Und ihre Antwort war: Auf diesen Anruf habe ich zehn Jahre gewartet.

Und dann haben Sie sich noch einmal getroffen?

Wir haben uns noch am selben Nachmittag getroffen, und diesmal war ich so weit. Es war dann auch höchste Zeit, weil Frau Dreifuss schon gesundheitlich angeschlagen war. Ein Wochenende später war die ganze Familie von Tamar Dreifuss bei uns in Salzburg, und der Verlag war auch da. Diesmal war es der richtige Zeitpunkt. Dann ging es über den Winter vor zwei Jahren wirklich los, und ich habe das Buch in einem Rutsch geschrieben.

Wie haben Sie jenseits der Erinnerungen von Tamars Mutter recherchiert? Sie selbst war ja damals ein Kleinkind.

Natürlich habe ich alles an Sekundärliteratur gelesen, was es gab, und im Internet recherchiert. Das war ein schmerzlicher Prozess. Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass Vilnius im Grunde das Zuckerstückchen zwischen zwei Großmächten war. Zuerst war die Sowjetunion die Großmacht, die schon alle Besitztümer verstaatlicht und die jüdische Bevölkerung aus ihren Häusern verjagt hatte. Und dann kamen ab Juni 1941 quasi Cholera und Pest zusammen, nämlich die Nationalsozialisten. Sie begannen sofort, in den Wäldern von Ponar, wohin ausgerechnet diese Familie vertrieben worden war, täglich tausende jüdische Menschen im Wald zu erschießen. Das ist unfassbar, wenn man sich als Mutter überlegt, dass da das dreijährige Kind in der Baracke saß, der junge Vater sich in einer Kartoffelkiste verstecken musste und die Mutter einfach nur versucht hat, das Kind abzulenken von dem unsagbaren Grauen.

Haben Sie manchmal gedacht, dass der Stoff zu hart ist, um ihn in einem Roman zu erzählen?

Ich habe mehrmals gedacht: Soll ich das sein lassen? Ich wollte es abschalten wie einen Film, der einem zu heftig wird. Ich musste auch Pausen machen. Aber ich habe gedacht, das ist jetzt meine Verantwortung. Wenn eines der letzten überlebenden Holocaust-Opfer mich fragt und zehn Jahre wartet, dass ich es mache, kann ich nicht sagen: Das ist mir jetzt aber zu anstrengend. Ich mute es mir zu, und ich mute es auch meinen Leserinnen und Lesern zu.

Ich habe mehrmals gedacht: Soll ich das sein lassen? Ich wollte es abschalten wie einen Film, der einem zu heftig wird. Ich musste auch Pausen machen
Hera Lind

Hatten Sie noch im Hinterkopf, dass der Verlag damals gesagt hatte, das sei kein Hera-Lind-Stoff?

Ja, erst recht, nachdem er ja vor zehn Jahren gesagt hatte: Lass es lieber. Ich habe auch Tamar gefragt: Warum ich? Da hat Tamar in ihrer entwaffnenden Art gesagt: „Wenn es eine kann, dann Hera Lind. Du hast einen riesigen Fan- und Leserinnenkreis. Und den möchte ich erreichen.“ Ich habe sehr gezweifelt und gehadert, aber ich habe die Zähne zusammengebissen. Sie hätte es ja in den zehn Jahren einem anderen Autor oder einer anderen Autorin geben können. Diese Verantwortung verpflichtete mich. Und dieser Gedanke war stärker als die Selbstzweifel. Und der Verlag stand diesmal wie eine geschlossene Wand hinter mir und hat mich bestärkt und gesagt: Jetzt bist du so weit, jetzt kannst du das.

Sie schreiben Ihre Tatsachen-Romane immer aus der Ich-Perspektive. Wie ist es Ihnen gelungen, sich in Jetta, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, einzufühlen und den richtigen Ton zu treffen?

Darüber habe ich mit Tamars Tochter Iris, also der Enkelin von Jetta gesprochen, die „Erhobenen Hauptes“  auch schon gelesen hat und damit sehr glücklich ist. Sie sagte: In dem schmalen Büchlein unserer Oma spüren wir deutlich, wie sie sich gefühlsmäßig distanziert. Sie beschreibt gewisse Situationen oft sehr sachlich, zum Beispiel die Szene, in der sie ausgepeitscht wird, nachdem sie zweimal versucht hat, aus dem Zug zu springen, der sie in das Lager bringen sollte. Sie bekam 25 Peitschenhiebe, wobei sie ohnmächtig zusammenbrach, während ihr fünfjähriges Kind dabei war.

Und das schildert sie distanziert?

Sie schreibt: Eine Frau, deren Kind schon mit vier Jahren sämtliche Hauptstädte Europas auswendig wusste, hat mir dann Bandagen mit Urin auf die Wunden gelegt. Da habe ich gespürt, sie verlässt diese entsetzliche emotionale Erinnerung, weil sie es nicht aushält beim Erzählen. Und das war dann meine Aufgabe: Sehr emotional in diese Ebene hineinzukriechen und ganz bewusst auch in der Ich-Form. Ich will die Leser ja nicht nur in ihren Köpfen erreichen, das tun ja viele Dokumentationen über den Holocaust, sondern ich will sie in ihren Herzen erreichen.

Ich will die Leser ja nicht nur in ihren Köpfen erreichen, das tun ja viele Dokumentationen über den Holocaust, sondern ich will sie in ihren Herzen erreichen
Har Lind

Rechtspopulismus und Antisemitismus nehmen zu, auch in Deutschland. Erwächst daraus eine noch größere Notwendigkeit, diese Geschichte zu erzählen?

Leider ist dieses Thema so aktuell wie lange nicht mehr. Es ist erschreckend. Da möchte ich, indem ich mich und meine Leserinnen und Leser in die Zeit versetze, ihre Herzen erreichen. Ich möchte beleuchten, was Hetze, Antisemitismus und Populismus schleichend bewirken können bei Menschen, die vielleicht mit ihrer eigenen Lebenssituation im Moment unzufrieden sind, und die dann auf jemanden hereinfallen, der sich mit Hass- und Hetzparolen laut schreiend durchsetzt. Ich möchte diese Parallele bewusst ziehen.

Es hat zehn Jahre gedauert, bis Sie das Buch schreiben konnten. Und leider ist Tamar Dreifuss im Oktober 2025 gestorben. Sie hat es noch gelesen, hat aber das fertige Buch nicht mehr in der Hand gehalten. Wie gehen Sie damit um?

Es ist ein großer Schmerz. Es hat mich wirklich sehr betroffen gemacht, fast so, als wäre eine eigene Verwandte gestorben. Es hat mich sehr geehrt, dass ihre Kinder mich zur Trauerfeier und auch zu der Jahresfeier eingeladen haben. Ich hatte das Gefühl, ich gehöre jetzt auch zur Familie. Gleichzeitig sehe ich Tamar vor mir - dieses heitere Gemüt, das sie sich bis zum Schluss erhalten hat, dieses Weglachen von Traurigkeit. Ich bin überzeugt, sie ist bei uns, und sie wird sich sehr freuen, dass wir, das wunderbare Trio Klangkunst, Iris und Raphael, Tamars Kinder und ich diese Veranstaltung machen - gerade in ihrer Stadt Köln. Sie hat immer gesagt: Israel ist meine Heimat und Deutschland ist meine Aufgabe. Diese Aufgabe führen wir in ihrem Namen weiter.

Sie haben lange in Köln gelebt. Wie fühlt es sich für Sie an, dass diese Buchpremiere hier stattfindet?

Ich habe 22 Jahre in Köln gelebt, hier Musik studiert und im Chor des Westdeutschen Rundfunks gesungen. Ich weiß noch, dass wir für den scheidenden Intendanten Friedrich Nowottny gesungen „Niemals geht man so ganz“ haben. Das war ohne mein Wissen auch mein letzter Einsatz, denn ich ging wieder in den Mutterschutz und ahnte nicht, dass ich nach dem vierten Kind nicht wiederkommen würde. Und danach folgten wirklich große Aufgaben: Eine eigene Fernsehshow im ZDF „Hera Lind und Leute“, dann „Herzblatt“, große Bucherfolge und Hunderte von Lesungen und Talkshows, und dann verließ ich Köln der Liebe wegen. Dieses „Niemals geht man so ganz“ werde ich sehr im Herzen haben, wenn ich mit Iris, Raphael und dem Trio Klangkunst auf der Bühne stehen werde in Köln.


Bestsellerautorin Hera Lind wird am Donnerstag, 12. November, 19 Uhr, in der Comedia Köln ihren Tatsachenroman „Erhobenen Hauptes“ präsentieren, der am Vortag im Heyne Verlag erscheint. Im Zentrum dieses besonderen Premierenabends steht die Entstehungsgeschichte eines Buchs um die beeindruckende Persönlichkeit Tamar Dreifuss und ihres außergewöhnlichen Lebens. Mit Dreifuss und ihren Kindern Iris Hagedorn und Raphael Dreifus sowie Hera Lind spricht die Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“, Anne Burgmer, über Erinnerungen, Familiengeschichte, Verlust, Überlebenswillen und die nachfolgenden Verantwortungsgenerationen. Musikalisch begleitet wird der Abend vom A-cappella- Gesangstrio Klangkunst.

Der Abend beginnt um 19 Uhr, Tickets gibt es hier unter diesem Link oder direkt bei Rausgegangen.de. Freie Platzwahl.