Autorin Husch Josten erzählt in unserer Serie „Mein Kulturmonat“ von ihrem ambivalenten Verhältnis zur Kulturstadt Köln und gibt persönliche Tipps für den August.
Husch Josten über Köln„Zwischen Großmannssucht und Abgesang“

Die Autorin Husch Josten im Innenhof des Kolumba Kunstmuseum
Copyright: Thomas Banneyer
In meiner Kindheit sind wir – meine drei älteren Geschwister und ich – jeden Samstag mit meinem Vater aus dem Kölner Süden in die Innenstadt gefahren. Das waren die Gottseidank-Ruhestunden für meine Mutter. Wir haben immer ein anderes Museum besucht, sind immer in den Dom oder eine romanische Kirche gegangen. Und anschließend gab’s Kuchen im Café Reichard – damals noch in roten Samtstühlen.
Das ist meine Heranführung an die Kölner Kultur gewesen. Ich wurde einfach mitgenommen. Und weil ich danach ins Spielwarengeschäft Feldhaus wollte, habe ich alles brav mitgemacht. Ich habe das schön gefunden und viel gelernt in dieser Zeit. Ich glaube, auch deswegen liebe ich den Dom und die romanischen Kirchen Kölns – und zwar alle. Aber am allerliebsten habe ich Maria-Lyskirchen, weil es die kleinste und bescheidenste Kirche ist, und auf der anderen Seite, als Gegenpol, St. Gereon mit diesem beeindruckenden Dekagon. Diese beiden Kirchen verkörpern für mich Köln: das Bescheidene und das Kühne, Aufstrebende.
Sinnbildlich für Köln: Das Kolumba-Museum
Genauso sinnbildlich für Köln ist für mich Kolumba. Es ist ein herausragendes Museum, das nichts erklärt, sondern dich entdecken lässt. Das mag ich an Kolumba so gerne – neben der Architektur natürlich, aufgebaut auf römischen Ruinen, gotischen Trümmern und ganz viel Weltkriegs-Schutt. Das Gebäude will nicht prahlen, sondern verwandeln, verbinden: die Menschen und die Geschichte. Von der Antike bis in die Gegenwart, alles auf einem Raum, vielschichtig. Mich beeindruckt dieser Ort, weil er nicht laut sein will, sondern sich mit großer Eleganz und Offenheit einfügt.
Auch das Römisch-Germanische Museum ist einer meiner Lieblingsorte. Dass es jetzt im Belgischen Haus untergebracht ist, empfinde ich gar nicht als Notlösung. Nicht nur, weil das Belgische Haus sehr schön ist. Ich finde auch diese Konzentration auf wenige Stücke gut.
Natürlich fand ich auch die Kusama-Ausstellung beeindruckend, wer nicht? Sie ist Weltklasse und fängt die vielen Facetten der Künstlerin eindrücklich ein. Toll für Köln, wie viele Menschen da kommen – auch wenn es an manchen Stellen ins Museum Ludwig reinregnet, wie ich gesehen habe, als ich in der Ausstellung war. Da muss etwas passieren, denn das 50 Jahre alte Museum ist ein Aushängeschild der Stadt, zeigt unter der Leitung von Yilmaz Dziewior mitreißende, eindrucksvolle Ausstellungen.
Trotz dieser Highlights – den kulturellen Niedergang der Stadt kann man nicht leugnen. Vor allem nicht, wenn man wie ich in den 1980er-Jahren hier großgeworden ist. Köln galt damals als Kulturmetropole, auch international. Und die Galerien, die Musik-, die Kunstszene – das alles ist so natürlich nicht mehr da. Aber dieser Niedergang misst nur die Fallhöhe – nicht die Gegenwart. Und ich finde, dass Köln sehr lebendig ist. Auch wenn es keine Weltstadt ist und daher auch nicht über vergleichbare Budgets verfügt: Köln ist interessant, was eine ehrliche und schöne Eigenschaft ist. Ich mag es ohnehin nicht, wenn Köln versucht, sich so großzureden. In aller Liebe: Wir sind und wir werden keine Weltstadt. Auch nicht, wenn wir es beschwören und besingen. Noch nicht mal, wenn wir Karneval feiern. Und ich feiere leidenschaftlich gerne Karneval!
Einerseits ist da eben dieser hehre Anspruch, weltbedeutend zu sein. Doch dann tut die Kölner Kulturpolitik sehr viel dafür, an Bedeutung zu verlieren
Die Kölner Kulturpolitik verstehe ich oft nicht: Einerseits ist da eben dieser hehre Anspruch, weltbedeutend zu sein. Doch dann tut man sehr viel dafür, an Bedeutung zu verlieren. Eine gute Kulturpolitik erfordert Mut und Sichtbarkeit. Wenn man zum Beispiel die Riesenchance hat, im Depot 2 des Carlswerks ein Tanztheater anzusiedeln, aus Köln eine Stadt für modernen Tanz zu machen, und die einfach nicht nutzt und die Räume stattdessen an ein Musical vermietet… Da sacke ich innerlich zusammen, wenn ich so was lese und denke: Das kann doch nicht wahr sein! Das wäre eine vortreffliche Chance für neuen Schwung gewesen.
Oder wenn mit der Heckenschere die ganzen freien, unabhängigen Theater gekürzt werden, statt zu schauen: Wo können wir Kooperationen fördern? Können wir irgendwie anders helfen als mit Geld, neue Lösungen finden, bürgerschaftliches Engagement für diese wichtige Szene mobilisieren? Wie können wir kreativ für unsere Kreativen werden? Vor vielen Entscheidungen stehe ich wirklich ratlos.
Ambivalentes Verhältnis zur Kulturstadt Köln
Was mich in der Kulturpolitik am meisten erstaunt und auch betrübt, ist, dass in Köln nie jemand Verantwortung übernimmt. Alle lieben Köln, aber niemand liebt es mehr als seinen Posten. Es gibt keine oder keinen, die oder der sich hinstellt und sagt: So, das machen wir jetzt, und ich bin dafür zuständig. Oder: Ja, wir haben es verbockt, und ich war zuständig. Wie bei der Misere um die Sanierung von Oper und Schauspiel. Ich freue mich wirklich auf die Eröffnung und habe mir jetzt auch wieder ein Abo zugelegt. Aber, liebe Zeit!, was hat das gedauert und gekostet! Im Carlswerk hatte ich viele Jahre ein Abo – zusammen mit Freunden. Aber irgendwann wurde es uns allen zu viel mit den Endlos-Aufführungen. Es gab einen Moment, in dem wir uns alle angeguckt und gesagt haben: Wir wollen das nicht mehr, wir haben die Message schon nach den ersten zwei Stunden verstanden. Deswegen bin ich sehr gespannt, was jetzt auf mich zukommt.
Ich habe also ein ambivalentes Verhältnis zur Kulturstadt Köln, in der ich in einer kulturbegeisterten Familie groß geworden bin. Meine Eltern waren auch große Büchersammler und Leser. Und so gehörte zu unserem samstäglichen Rundgang immer auch eine Buchhandlung – damals die Marzellus-Buchhandlung, die es längst nicht mehr gibt. Zwar ist Köln keine besondere Autorenstadt mit dieser Vielzahl von Autoren und Autorinnen wie Berlin. Aber Köln ist eine tolle Literaturstadt. Und ja: Mit einem super Publikum. Wie besonders das ist, merke ich immer, wenn ich auf Lesereisen quer durch Deutschland oder die Schweiz unterwegs bin. Und das ist nicht einfach so dahingeschleimt: Es macht hier wirklich besonderen Spaß, die Menschen sind offen, sind dabei. Dann gibt es hier ein wunderbar engagiertes Literaturhaus, die großartige lit.Cologne und herausragende Buchhandlungen: Bittner in der Albertusstraße, die Buchhandlung Goltsteinstraße in Bayenthal, die Lengfeld’sche, die Buchhandlung Neusser Straße in Nippes, der Junkersdorfer Buchladen. Ich könnte immer so weitermachen … Es gab mal eine Werbekampagne von Diogenes: „Ohne meinen Buchhändler wäre mein Leben sinnlos.“ Davon bin ich fest überzeugt. Wenn wir ein buntes Stadtbild wollen, müssen wir auch selbst etwas dafür tun, dass uns solche Läden nicht abhandenkommen.
Insgesamt wünsche ich mir einen realistischeren Blick auf Köln, irgendwo zwischen Großmannssucht und Abgesang. Wie gesagt: Köln ist keine Weltstadt, aber Köln ist spannend. Und das meine ich ernst und nicht höflich im Sinne von „nun ja, fad“. Zwar sind viele große Galerien abgewandert, dafür gibt’s tolle neue: Zum Beispiel die Galerie Braunsfelder. Einer meiner Lieblingsorte in Ehrenfeld mit wechselnden, super kuratierten Ausstellungen. Regelmäßig neue, junge, überraschende Künstlerinnen und Künstler und dazu eine großartige Kunst- und Jazzbibliothek. Das hätte ich fast vergessen. Ich bin Jazz-Fan und oute mich unbedingt als Fan der WDR Big Band. Aber auch des Pfandhauses, Stadtgartens, King Georgs und des Lofts. In Köln gibt es so viele außergewöhnliche Orte, die dieses Metropolen-Dasein gar nicht zu beschwören versuchen – sondern die einfach da sind und unglaublich gute Dinge machen.
Aufgezeichnet von Kerstin Meier
Husch Jostens Tipps für den August
Galerie Braunsfelder: Galerie-Hotspot in Ehrenfeld: „Private Index“ Einzelausstellung von Sofia Silva. Bis 16. August. Geisselstraße 87, Ehrenfeld.
Kulturbunker Köln-Mülheim: Mülheim literarisch, Geschichten aus dem Veedel: Maryam Aras und Selim Özdogan, Lesung aus Texten über Köln-Mülheim, 30. August, 18.00 Uhr.
St. Maria Lyskirchen: Einzigartige Wand- und Gewölbemalereien: Kirchenführung, 10. August 2026, 16.00 Uhr.
Husch Josten wurde 1969 in Köln geboren. Sie studierte Geschichte und Staatsrecht in ihrer Heimatstadt und in Paris, wo sie auch als Journalistin volontierte. 2011 erschien ihr Romandebüt „In Sachen Joseph“, zuletzt 2024 der Roman „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“ (Berlin Verlag).