Der Pianist tourt derzeit mit allen Beethoven-Sonaten durch NRW. Für seinen Auftritt in der Philharmonie verzichtete er auf die bekanntesten Werke. Das Publikum war dennoch begeistert.
Igor Levit in KönSonaten, die vorbeiziehen wie Landschaften im ICE

Zählt zu den führenden Beethoven-Interpreten unserer Zeit: der Pianist Igor Levit
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Vor sechs Jahren hat die Covid-Pandemie der Musikwelt den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens gründlich verhagelt. Eine neue Chance zu tönenden Festivitäten bietet der 200. Todestag des Meisters, der im kommenden März auf dem Kalender steht. Igor Levit tourt aus diesem Anlass gerade mit sämtlichen 32 Beethoven-Sonaten durch Nordrhein-Westfalen, verteilt auf acht Konzerte in sieben Städten. Nach dem Auftakt in Essen machte er mit dem Projekt nun auch in der Kölner Philharmonie Station.
Die absoluten Bestseller hatte Levit hier nicht im Gepäck. Er spielte in Köln weder die „Mondschein“- noch die „Waldstein“-Sonate; auch über „Pathétique“ und „Appassionata“ darf man sich woanders freuen. Immerhin war „Les Adieux“ dabei, die einzige vom Komponisten selbst mit einem konkreten Programm versehene Sonate. Und mit op. 7 in Es-Dur bot Levit das früheste Beispiel einer großen, ins Konzertante und Sinfonische ausgreifenden Beethoven-Sonate.
Drei Sonaten, die von den Kollegen wie vom Publikum deutlich geringer geschätzt werden
Zwischen diese Eckpfeiler hatte der Berliner Starpianist und kommentarfreudige Zeitgenosse drei Stücke platziert, die von den Kollegen wie vom Publikum deutlich geringer geschätzt werden: die beiden leichtgewichtigen, spielfreudigen Sonaten op. 14 (in E- und G-Dur) sowie die silbrige, anmutige Fis-Dur-Sonate op. 78.
Auf silbrige Anmut mochte sich Levit hier aber keineswegs beschränken. Er verschmähte zwar nicht völlig den handschmeichelnden Effekt der Schwarze-Tasten-Tonart, nutzte auch phasenweise das linke Pedal, was den Klavierton mit einem schimmernden Pastellschleier überzog. Aber aus dieser leicht verhangenen Klangwelt brach er doch immer wieder in eine durch Dissonanzlust und starke Akzente geschärfte Rhetorik aus.
Levit fasst den Notentext nicht als geheiligte Überlieferung auf
Den zweiten Satz spielte Levit sehr rasch, ging fast ein wenig atemlos über die sprechenden Pausen des Themas hinweg. Eine gewisse nervöse Unrast ist ja bekanntermaßen Teil seines künstlerischen Naturells. Das bildet sich auch in einer eigenwilligen Gestik ab, die immer wieder Gebärden des Zweifels und der Abwehr erkennen lässt. An Satzenden lässt er die Hände zuweilen vom Klavier abprallen, als sei es eine heiße Herdplatte. Noch auf dem Podium, so scheint es, steht Levit in lebhafter Auseinandersetzung mit dem Notentext, den er nicht als geheiligte Überlieferung, sondern als beständigen Stein des Anstoßes auffasst.
Unnötig zu sagen, dass er auch der vermeintlichen Harmlosigkeit der beiden Sonaten op. 14 misstraut. Levit zog auch hier das Tempo mächtig an, was nicht nur den Charakter der Stücke ins angespitzt Virtuose verlagerte, sondern auch die Wahrnehmung ihrer Strukturen veränderte – wie eine Landschaft, die man im ICE vorbeiziehen sieht.
Kein routiniertes Abspulen
Das führte aber keineswegs zu routiniertem Abspulen, zu technisch versiertem Leerlauf, im Gegenteil: Levit spielte jeden Takt, jede Note mit starker innerer Anspannung, als lauere da ständig etwas Unerwartetes, Unberechenbares im Verborgenen. Und irgendwie, auch wenn man all diese ikonischen Stücke wieder und wieder gehört hat, ist das ja auch so.
Die „Les Adieux“-Sonate, das berühmteste Werk des Programms, bot in dieser Hinsicht vielleicht die wenigsten Überraschungen – bis auf den langsamen Mittelsatz, bei dessen Hauptthema Levit die Achtelnoten der linken Hand so konsequent absetzte, dass eine Atmosphäre äußerster Vereinsamung und Trostlosigkeit entstand.
Der begeistert aufgenommene Abend endete mit Mendelssohns „Lied ohne Worte“ E-Dur op. 30/3 – eine einzige Seite Musik, entwaffnend in ihrer puren, schlichten Poesie. Da war es endlich mal ganz still im Saal, was der Pianist zuvor auch durch freundlich-humorvolle Hinweise nicht erwirken konnte. Allerdings hat die Philharmonie in dieser Hinsicht schon ganz andere Abende erlebt. Und die Erkältungssaison beginnt ja erst.