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Imi Knoebel in KölnDer Sinn hinter dem außerirdischen Buchstabensalat

3 min
An einer Wand hängen Fantasiebuchstaben.

Ein Poem von Imi Knoebel in der Kölner Galerie Christian Lethert

Imi Knoebel probiert in der Kölner Galerie Lethert noch einmal etwas Neues und bringt geheimnisvolle Zeichen an die Wand.

Auch in der Kunstgeschichte gibt es Dinge, die zu bestimmten Zeiten nicht mehr schicklich sind. So warnte Joseph Beuys seine Schüler vor der gefühlsduseligen Malerei und sah den ersten Fehler schon darin, sich Leinwand und Keilrahmen zu kaufen. Im Raum 19 der Düsseldorfer Kunstakademie formierte sich der Widerstand und ging buchstäblich auf die Barrikaden: Die Beuys-Schüler Blinky Palermo und Imi Knoebel suchten nicht nur Anschluss an die abstrakte Farbfeldmalerei, bei Knoebel stapelten sich zudem die verpönten Arbeitsmaterialien. In seiner 1968 zum ersten Mal gezeigten Installation „Raum 19“ erinnern rohe Holzleisten, grobe Keile und Holzfaserplatten an diesen Protest und verwischen listig die Grenzen zwischen Skulptur und Malerei.

Aus der im Grunde banalen Einsicht, dass ein Gemälde kein Bild ist, das auf wunderbare Weise an der Wand schwebt, sondern ein aus handfesten Materialien gebautes Objekt, entwickelte Imi Knoebel eine lange, für einen Vertreter des Minimalismus erstaunlich abwechslungsreiche und vor allem erfolgreiche Karriere. Auch scheinbar Selbstverständliches wirkt nämlich neuartig, wenn man es auf die Spitze treibt und so überhaupt erst als Thema entdeckt. Wie bei seinem früh verstorbenen Weggefährten Palermo waren bei Knoebel abstrakte Gemälde immer auch ihr Gegenteil: konkrete Dinge zum Anfassen. Seit Jahrzehnten gehört der Düsseldorfer damit zu den rheinischen Klassikern der Kunst.

Seit einigen Jahren widmet sich Imi Knoebel Fantasiebuchstaben

Wo das Bild aufhört, und der Gegenstand beginnt, ist auch die entscheidende Frage in Knoebels Spätwerk, das jetzt in der Kölner Galerie Christian Lethert zu sehen ist. Seit einigen Jahren widmet sich Knoebel selbst entworfenen Zeichen, Ligaturen und Poemen, die meist aus rostigem Cortenstahl geschnitten wurden und manchmal aus betont nachlässig bemaltem Aluminium bestehen. Die Poeme laufen, in einzelne Worte zerteilt, wie kurze Gedichte oder Sinnsprüche über die Wand, ergeben aber keinen Sinn: Die Buchstaben sind, wie die für sich allein stehenden Zeichen und die zu kleinen Gruppen verbundenen Ligaturen, der reinen Fantasie entsprungen.

Vom Poem, das man nicht versteht, zum Bildgedicht, bei dem es im strengen Sinne nichts zu verstehen gibt, ist es nur ein kleiner, nicht allzu gewagter Gedankensprung – zumal für Knoebel, den schon immer interessierte, welchen Anteil seine Werkstoffe an unserer ästhetischen Erfahrung haben. Den Rest besorgt das menschliche Verlangen danach, Verständnislücken zu füllen: Ein grünes Zeichen erinnert entfernt an das mathematische „Pi“, ein anderes an einen Schal und die einzelnen Buchstaben an schmelzende asiatische Schriftzeichen. Vermutlich fällt hier jedem Besucher etwas anderes ein: Hieroglyphen, Graffiti, Drucktypen, Alien-Botschaften, Abfälle aus der Stahlproduktion.

Imi Knoebel dürfte das alles recht sein, solange nur niemand denkt, die Zeichen ließen sich als Code entschlüsseln und gäben ein Geheimnis preis. Denn dieses liegt offen zutage: Ein Bild ist so wenig lesbar, wie es sich von seinem Objektstatus trennen lässt.

„Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau?“ heißt eine berühmte Bilderserie von Barnett Newman, auf die Imi Knoebel vor mehr als 20 Jahren eine gemalte Antwort fand, indem er Newmans Spiel mit den Primärfarben einfach weiterdrehte und dem Ganzen einen genialen Titel gab: „Ich nicht“. Heute fürchtet Knoebel auch das eigene Erbe nicht, denn natürlich könnten sich treue Sammler fragen, ob der freundliche Buchstabensalat seiner Poeme nicht der Strenge seiner frühen Jahre widerspricht.

Verglichen mit den 250.000 Blättern, auf die Knoebel zwischen 1968 und 1973 freihändig schnurgerade Linien zeichnete, wirkt die Kölner Ausstellung beinahe frivol. Aber das galt bereits für die Glasfenster, die Knoebel für die Kathedrale von Reims schuf: ein aus roten, gelben und blauen Splittern zusammengesetzter, auf paradoxe Weise geheilter Bruch. Das Alter als Lockerungsübung, das ist wohl auch für Minimalisten eine versöhnliche Strategie.


Imi Knoebel, Galerie Christian Lethert, Antwerpener Str. 52, Köln, Mi.–Fr. 12–18 Uhr, Sa. nach Vereinbarung, bis 19. Juni 2026