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InselbegabungNeue Romane von Dörte Hansen und Marianna Kurtto

3 min

Ein freigelegtes Bug auf dem Wattenmeer.

„Man sollte meinen, dass ein Mensch das Weite sucht, wenn er auf einer Insel aufgewachsen ist. Aber keine Not scheint jemals groß genug zu sein, um einen Inselmenschen auf das Festland zu vertreiben.“ Die Mitglieder der Familie Sander treibt es höchstens mal aufs Meer hinaus, aber letztlich landen sie doch alle wieder auf dem Eiland irgendwo in der Nordsee.

Nachdem sie in ihren Erfolgsromanen „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ das Dorf erkundet hat, widmet sich Dörte Hansen in ihrem neuen Bestseller „Zur See“ dem vom Meer umschlossenen Mikrokosmos. Und dabei bedient sie sich einer Sprache, deren Rhythmus sich dieser Form zu leben angepasst hat. Sätze schlagen wie die kabbelige See ans Ufer, formt sich nicht zu eleganten Wellen – nüchtern-norddeutsch mit der Schönheit des Kurzangebundenen.

Geschichte von dunkelgrauen Wolken beschattet

Denn Hansens Menschen sprechen nicht miteinander, Taten folgen keine Erklärungen, und sie gehen ihnen schon gar nicht voraus. „Man sieht sie in der Küche sitzen wie ein Bilderrätsel, und sie denken gar nicht daran, es aufzulösen“, heißt es über Hanne und Jens Sander, als er nach Jahren der Trennung plötzlich wieder ins gemeinsame Haus gezogen ist. Die Kinder Henrik, Eske und Ryckmer gehen zwar längst eigene, höchst verschlungene Wege, hängen aber immer noch am familiären mit Salz und Schuld gefüllten Tropf.

Autorin Dörte Hansen („Zur See“).

Hansen, die selbst auf der Insel Husum geboren wurde, entwirft eine Geschichte von dunkelgrauen Wolken beschattet. Man erwartet bei jedem Umblättern auf eine neue Seite, auf ein Verbrechen, eine grausame Tat, auf blutbefleckte Hände zu stoßen, die einen Kommissar auf die Tagesordnung rufen. Bis man realisiert, dass sich die Dramen schon vor Jahrzehnten abgespielt haben – und es für Außenstehende nichts mehr aufzudecken gibt. Wurde der Übeltäter zur Verantwortung gezogen? Egal, es müssen so oder so alle mit dem Resultat leben, ein Urteilsspruch würde nichts mehr kitten können.

Ganz andere Töne bei Finnin Marianna Kurtto

Ganz andere Töne schlägt die Finnin Marianna Kurtto an: Ihr „Tristania“ liegt auf der anderen Seite der Erdhalbkugel – doch die Menschen hadern in der in den frühen 1960er Jahren angesiedelten Handlung genauso wie bei Hansen mit ihrem Dasein, um letztlich erst davon loszukommen, als ein Vulkanausbruch ihrer Existenz in der Einöde des Ozeans jegliche Grundlage entzieht.

Autorin Marianna Kurtto („Tristania“).

Auch Kurtto schafft mit Lars einen Protagonisten, den es in die Ferne zieht. Zwar scheint er in England zunächst sein Glück an der Seite einer neuen Frau gefunden zu haben, doch der Gefühlsrausch wandelt sich bald in mit Schuldgefühlen getränktes Heimweh: Blut ist immer dicker als jedes Liebeselixier.

Übersetzung leistet hervorragende Dienste

So groß die Parallelen im Handeln und Denken, so anders verwendet die finnische Autorin Sprache. Ihrer Lust am Formulieren, ihrer Liebe zum Ausloten der Möglichkeiten, die Worten innewohnen, merkt man an, dass sie vor ihrem Romandebüt „Tristania“ Gedichte veröffentlichte. Hier wird der Leser mit Schönheit geradezu überschüttet, Stefan Mosters Übersetzung aus dem finnischen Original leistet hervorragende Dienste.

„Würden die Wellen etwas fühlen, würden sie sich wundern, wenn sie auf die Insel träfen. Würden sie etwas fühlen, hätten sie vor der Insel so viel Angst, dass sie erstarrten, und es gäbe kein Wasser mehr“, heißt es in den allerersten Zeilen. Die Sprachgewalt, die auf den nächsten 300 Seiten folgt, lässt in Ehrfurcht vor so viel Eleganz und Erfindungsreichtum erschaudern.

Dörte Hansen: Zur See. Roman, Penguin Verlag, 256 S., 24 Euro

Marianna Kurtto: Tristania. Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Verlag, 304 S., 24 Euro.