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Interview mit Kölner Chef des Bühnenvereins„Der männliche Geniekult hat ausgespielt“

4 min
Marc Grandmontagne

Marc Grandmontagne glaubt, dass die vielfach geforderte Frauenquote an den Bühnen wohl unvermeidlich ist.

  1. Marc Grandmontagne ist Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins (Köln).
  2. Marc Grandmontagne glaubt, dass die vielfach geforderte Frauenquote an den Bühnen wohl unvermeidlich ist.
  3. Grandmontagne spricht mit uns über dieses und weitere drängende Probleme an den Theatern

Was sind Ihre dringendsten Themen in Nürnberg?

Es gibt eine Fülle von Themen. Uns beschäftigt etwa das Problem der politischen Polarisierung, vor allem die rechtspopulistischen Strömungen im Osten. Ich war gerade in Gera, wo AfD-Politiker nun auch in den Aufsichtsräten der Bühnen sitzen. Das ist etwas Neues.

Versuchen diese Politiker, nur deutsche Stücke in den Spielplänen zu dulden?

Zur Person

Marc Grandmontagne, geboren 1976, ist studierter Jurist und Politikwissenschaftler. Er war von 2007 bis 2010 Leiter des Büros der Geschäftsführung der RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas GmbH, dann Programmleiter der Stiftung Mercator in Essen. Von 2013 bis 2016 war er Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. in Bonn. Seit 2017 ist Grandmontagne Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins. (EB)

Es gibt solche Töne, entsprechend zur DNA der Partei mit ihren kulturfeindlichen Tendenzen, was man auch im Wahlprogramm nachlesen kann. Aber es ist nicht damit getan, jeden AfD-Wähler zu verteufeln. So missbilligenswert ich das Profil der Partei auch finde, der Frust der Bevölkerung, der dieser Politik Auftrieb gibt, muss hinterfragt werden. Wobei wir uns als Theater und Orchester darum bemühen müssen, dass die Gräben in der Gesellschaft nicht noch weiter vertieft werden.

Was treibt Sie noch um?

Der Fachkräftemangel. Wir haben heute schon an vielen Theatern die Schwierigkeit, adäquates technisches und administratives Personal zu finden. Da müssen wir fragen, was wir selbst zur Lösung beitragen können und wie wir mit Partnern wie der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft oder der Interessengemeinschaft der Veranstaltungswirtschaft eine gemeinsame Strategie verfolgen können.

Ein weiteres Problemfeld ist ja Geschlechtergerechtigkeit.

Wir haben uns selbst verpflichtet, unsere Gremien in absehbarer Zeit paritätisch zu besetzen, aber auch die Häuser arbeiten daran, Konsequenzen aus der berechtigten Debatte zu ziehen: mehr Regisseurinnen zu verpflichten, mehr Stücke von Autorinnen zu spielen und weibliche Rollen zu stärken.

Mehr als 70 Prozent der Produktionen an deutschen Stadttheatern werden von Männern inszeniert. Wären Sie da für eine Frauenquote?

Einerseits bin ich kein Fan der Quote, ich verstehe aber, dass sie von vielen Seiten gefordert wird und vermutlich nötig ist. Denn die freiwilligen Veränderungen, auf die man lange gesetzt hat, sind nicht eingetreten. Die Selbstverpflichtung muss stärker werden, wobei ich glaube, dass die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt auch und vor allem an familienunfreundlichen Strukturen liegt. Und hier ist die Politik gefordert, das schaffen die Betriebe nicht allein.

Zudem geht es in Nürnberg ja auch um die Folgen der MeToo-Debatte...

Wir haben 2018 einen Verhaltenskodex formuliert und die Vertrauensstelle Themis mit ins Leben gerufen, an die sich Opfer von sexuellen Übergriffen und Gewalt wenden können. Da gibt es noch keine konkreten Zahlen, aber wir wissen, dass die Stelle gut angenommen wird.

Am Kölner Schauspiel wurde ja vor rund einem Jahr nach Mobbingvorwürfen eine Mediatorin eingesetzt, in Berlin gab es harsche Kritik an der Amtsführung von Daniel Barenboim. Sind Sie mit ähnlichen Vorgängen jetzt generell stärker konfrontiert?

Ich weiß nicht, wer sich bei Themis meldet, das ist vertraulich. Aber Fehler aus der Vergangenheit, wie etwa den männlichen Geniekult, macht die neue Generation nicht mehr mit. Die Theater und Orchester sind in vielen Jahren auch runtergespart worden, bestreiten trotzdem mehr Veranstaltungen. Und wenn zu viel Druck auf dem Kessel ist, platzt der irgendwann.

Was ist zu tun?

Unser Kodex soll helfen, den Umgang miteinander in den Häusern neu auszuhandeln. Den tobenden Regisseur auf der Bühne duldet man heute eben nicht mehr. Da muss auf Augenhöhe miteinander gesprochen werden.

Aber Spitzenleistungen lassen sich wohl kaum in völliger Harmonie erzielen. Ist man empfindlicher geworden?

Sachkritik kann immer hart sein, muss aber in vernünftigem Ton geäußert werden. Der andere Aspekt betrifft das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen für Machtspielchen – und das ist nicht akzeptabel. In der Folge von MeToo ist die Sensibilität für Grenzüberschreitungen insgesamt gestiegen, und das ist für das Miteinanderarbeiten durchaus hilfreich.

Köln hat mit Schauspielchef Stefan Bachmann um zwei Jahre bis 2023, dem mutmaßlichen Ende des Interims, verlängert. Ein sinnvoller Schritt?

Ja, das gibt der Stadt und dem Theater die notwendige Zeit, mit dem Schaden nach der Absage von Herrn von Maldeghem gut umzugehen.

Der Bühnenverein ist über Ihren Präsidenten Ulrich Khuon in die Gestaltung der Nachfolge involviert. Ist das Gewähr für ein gutes Ergebnis?

Wenn er als erfahrener Theatermann da gefragt wird, finde ich das sehr positiv, und wie ich ihn kenne, können wir ein gutes Ergebnis erwarten.

Eine Frage an den Theaterbesucher: Welches war Ihr persönliches Glanzlicht der letzten Zeit?

Für Köln ganz sicher „Die Soldaten“ im Staatenhaus.