Interview

Sandra Hüller
„So etwas wie Faschismus fängt ganz klein an“

Lesezeit 8 Minuten
dpatopbilder - 12.02.2024, USA, Beverly Hills: Sandra Hüller posiert für ein Porträt während des «Nominees Luncheon» im Beverly Hilton Hotel.

Die Schauspielerin Sandra Hüller

Ein Gespräch mit Sandra Hüller über ihren neuen Film „The Zone of Interest“, den internationalen Erfolg und die Oscar-Nominierung.

Erleben Sie die Zeit der Oscar-Nominierungen als Druck oder Freude?

Es gibt dabei mehrere Ebenen. Es ist mir sehr bewusst, dass das alles Zuschreibungen sind, das Wenigste hat mit mir zu tun. Ich bewerte sie nicht, es ist das Recht der Leute, sich irgendetwas vorzustellen. Ich habe nur nichts damit zu tun, weder im positiven noch im negativen Sinne. Die Erwartungen haben nichts mit mir zu tun, ich kann nichts mehr machen. Ich habe nur in der Hand, wie ich darauf reagiere und damit umgehe. Mit meinem Privatleben hat das im Grunde gar nichts zu tun. Ich fühle mich genauso wie vorher auch. Alles andere spielt sich außerhalb ab. Es gibt ein paar Grenzüberschreitungen der Presse, die ich sehr ärgerlich finde. Aber auch dagegen kann ich nichts machen, mir sind die Hände gebunden. Ich kann mich nur damit abfinden.

Es gibt Leute, die an Ihrer Stelle vor Freude herumspringen würden.

Das habe ich auch gemacht, aber das kann ich ja nicht jeden Tag tun. Ich habe mich gefreut, als ich das erfahren habe. Sehr sogar. Man kann aber nicht jeden Tag mit diesem Gefühl herumlaufen.

Schlägt Ihr Herz für einen der beiden Filme stärker?

Dadurch, dass beide Filme extreme Teamprojekte sind, ist das jetzt alles genau richtig. Ich glaube nicht, dass ich mich beschweren kann, was die momentane Anerkennung für die eine oder andere Seite betrifft.

Zu „The Zone of Interest“. Was hat es mit Ihnen gemacht, Hedwig Höß zu spielen?

Ich muss sagen, dass ich mich in diese Figur persönlich nicht so richtig involviert habe, weil es nicht darum ging, biografisch zu erzählen. Das war nicht unser Ansinnen. Wir wollten tatsächlich dieses Phänomen beleuchten oder uns fragen, wie es eigentlich möglich ist, so zu leben. Was das mit uns zu tun hat und ob wir das nicht - im übertragenen Sinne - auch machen. Und die Frage, ob Faschismus vorbei ist oder ob er nicht die ganze Zeit da war und man aktiv daran arbeiten muss, dass er nicht gewinnt. Es gibt diesen Teil im Menschen, der Sachen vereinfacht haben, immer an der Spitze von allem und besser als alle anderen sein will. Es soll keine Störungen geben und alles muss möglichst bequem sein. Darum ging es uns, gar nicht so sehr um diese Frau. Die ist mir relativ egal.

Ist es wahr, dass Sie die Rolle zuerst nicht spielen wollten?

Mich hat es einfach nicht interessiert, einen faschistisch denkenden Menschen zu verkörpern. Die Arbeit des Schauspielenden hat auch immer damit zu tun, Dinge verstehen zu wollen, empathisch zu sein und vielleicht sogar das Handeln eines Schuldigen nachvollziehbar zu machen. Hier habe ich zunächst kein richtiges Motiv gesehen. Es gibt für mich keinen nachvollziehbaren Grund, warum man so handelt und ich will das auch nicht verstehen. Es ist eine Entscheidung, die diese Leute treffen: Sie nehmen für ihr eigenes schönes Leben den Tod von Millionen Leuten in Kauf oder lösen und führen ihn sogar aus. Das ist indiskutabel.

Hedwig wohnt in einer kleinen Einfamilienhaus-Idylle mit schicken Sachen, sie gießt die Blümchen und macht den Pool schick. Die Schüsse und das Schreien hört sie nicht.

Genau. Und düngt mit der Asche der Leichen die Blumen, so wie es eben auch war. Es ist keine neue Erkenntnis von Jonathan Glazer oder uns, dass wir alle für unsere eigene Bequemlichkeit sehr viel Leid anderer Leute in Kauf nehmen. Bei dieser Arbeit ist es mir aber nochmal extrem bewusst geworden. Ich habe eine andere Aufmerksamkeit für die Verantwortung für den Umgang mit diesem Thema bekommen. Auch für die Verantwortung, meine eigene Stimme in dieser Hinsicht stärker zu nutzen, als ich es vorher getan habe. Die Kleidung, die wir tragen, ist von Menschen genäht und verschifft, die mit dem Bruchteil dessen auskommen müssen, womit wir hier leben. Wir beuten Menschen und Tiere jeden Tag aus, um uns zu ernähren. Darüber muss man eigentlich gar nicht reden. Das findet jeden Tag und überall statt. Wir akzeptieren Tote an den Außengrenzen Europas.

Die meisten Menschen verdrängen im Alltag vieles, um überhaupt weiterleben zu können. Welche Schutzmechanismen haben Sie vor diesen bedrückenden Wahrheiten entwickelt?

Eigentlich keine. Mich bedrückt das auch sehr, das kann ich offen zugeben. Die scheinbare Unlösbarkeit der Konflikte, in denen wir uns gerade befinden, macht mich sehr verzweifelt. So etwas wie Faschismus fängt ganz klein an, wie Antifaschismus eben auch. Das faire Miteinander hat in erster Linie auch mit unseren unmittelbaren Beziehungen zu tun, in unseren Familien. Und vor allem mit der Arbeit an uns selbst, mit dem sich selbst ins Gesicht schauen, mit dem mit sich selbst ins Gericht gehen, über sich lernen, wachsen, die eigenen Impulse kennen, Gefühlsmanagement - all diese Sachen. Dass Menschen nicht mehr bei jedem Ding, das im Straßenverkehr falsch läuft, dem anderen gleich mit Tod drohen. Das sind die Dinge, mit denen wir im Moment täglich umgehen. Das ist vermeintlich ganz klein. Es ist aber etwas, womit wir uns schon sehr abgefunden haben. Wir leben damit. Es geht um diese Art von Aufmerksamkeit: Wo halte ich bestimmte Dinge für selbstverständlich, die das gar nicht sind? Wo könnte ich mich bei bestimmten Themen stärker engagieren? Wo kann ich öfter mal intervenieren, gerade auch bei Diskussionen in der Familie, wenn es um die AfD und Co. geht? Was lässt man in der WhatsApp-Gruppe durchgehen oder sagt man dann doch mal was? Das wird als gegeben hingenommen. Warum können wir uns nicht mehr treffen, warum können wir uns nicht mehr persönlich darüber unterhalten?

Der Ton in der Gesellschaft wird rauer, Politiker und Journalisten werden regelmäßig beleidigt. Ist das in Ihrer Branche mittlerweile auch so?

In dem Moment, wo man sich politisch äußert und etwas in die Welt hineingibt, rechnet man natürlich schon damit, dass irgendwas zurückkommen kann. Wenn ich offen spreche, dann spreche ich automatisch Leute an. Die haben auch das Recht, sich zu äußern. Natürlich vertraue ich darauf, dass sie das in einem Rahmen tun, der angemessen ist. Bis jetzt ist das so. Aber wie sich das entwickelt, weiß ich natürlich nicht.

Corinna Harfouch, die übrigens wie Sie in Suhl geboren wurde, hat die Rolle der Magda Goebbels in „Der Untergang“ sehr belastet. Können Sie Rollen wie diese nach dem Drehtag einfach abschütteln?

Während der ganzen Drehzeit war das, wo wir uns befinden, immer präsent. Auch unsere Herkunft oder die Geschichte, mit der wir alle leben. Ich bin aber nicht abends als Hedwig Höß ins Bett gegangen. Die Arbeit hatte sehr viel mit Kostümen und Maske zu tun und sehr viel mit diesem Haus. Das übergeordnete Bewusstsein dessen, was man da tut, war immer da. Nach Abschluss der Dreharbeiten gab es auch nichts abzulegen. Wie gesagt, ich bin nie richtig in diese Rolle reingegangen. Ich habe mich eher als Element in diesem Film wahrgenommen und keine psychologische Arbeit mit dieser Figur gemacht oder versucht, irgendeine Art von Empathie oder Verständnis zu finden. Ich habe mich nicht in irgendeiner Art und Weise emotional involviert.

Sie haben sich im Grunde als Instrument in diesem Film bewegt?

In gewisser Weise ist diese Art zu denken oder sie zu formulieren gefährlich, denn genau so haben die sich auch gesehen. Aber ich glaube, dass dieser Versuchsaufbau, den Jonathan Glazer hier gemacht hat, ein bisschen anders ist als das System, in dem diese Leute damals gelebt haben. Keiner wollte während der Arbeit am Film, dass irgendjemand irgendein Verständnis für irgendjemanden aufbringt. Es ging tatsächlich um eine Beobachtung dieses Lebens, die so neutral wie möglich stattfindet. Mit einer Geräuschkulisse, die zeigt, dass es nicht zu ignorieren war, was da passiert. Trotzdem haben sie das gemacht. Mich sprechen immer wieder Leute an und sagen, dass sie sehr über sich selbst und ihr eigenes Verhalten zur Welt nachgedacht hätten, über ihre eigene Ignoranz. Es werden offenbar Verbindungen zu den Zuschauenden geknüpft, die ich sehr interessant finde.

War es in gewisser Weise eine mutige Entscheidung, diese Rolle anzunehmen?

Nein, ich fand das nicht mutig. Es hat nichts Heroisches. Ich fand das irgendwann notwendig. Die Frage, ob ich das machen möchte, hat mich sehr lange beschäftigt. Ich habe vorher auch mit Corinna geredet, die diese Erfahrung mit Magda Goebbels gemacht hat. Ich habe auch mit meiner Familie darüber gesprochen, was es bedeuten würde, wenn man so etwas macht. Ich habe es mir wirklich ganz genau überlegt. Die Auseinandersetzung, die wir mit Jonathan Glazer, Christian Friedel und den Produzenten geführt haben, war klug und vorsichtig. Alle waren sich des Risikos, dass sie da eingehen, so bewusst, dass ich schließlich davon überzeugt war, dass es irgendwie zu schaffen ist. Es ist eben nicht die hundertste Gewaltwiederholung. Es wird stärker über die Auswirkungen oder über den Ursprung dieser Dinge nachgedacht, als über die Tat selbst, die Filme immer wieder zeigen und die so immer wieder inkarniert wird. Letztlich sind es fast schon „Romantisierungen“ dieser Zeit, fast schon patiniert und sehr in der Vergangenheit. Es sind alte Bilder, am besten in Sepia oder Schwarz-Weiß. Stattdessen sollte „The Zone of Interest“ so modern wie möglich sein, mit den modernsten Kameras und dem klarsten Licht. Alles passiert am helllichten Tag. Das hat mir eingeleuchtet.

Um auf die Oscars zurückzukommen: Bereiten Sie für den Fall der Fälle eine Dankesrede vor oder machen Sie das spontan?

Das habe ich noch nicht entschieden. Ich muss immer kurz vorher schauen, wie sicher ich mich fühle.

Darf man den Daumen drücken?

Das können Sie gerne machen. Aber Sie dürfen dann nicht schreiben: Sie ging leer aus. Denn ich fühle mich jetzt schon sehr geehrt.

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