Keine Serie im deutschen Fernsehen läuft so lange wie der "Tatort": Am 29. November 1970 flimmerte "Taxi nach Leipzig" über den Bildschirm, mit Walter Richter als Kommissar Trimmel. Gunther Witte (81) hat den "Tatort" erfunden und die Reihe bis 1998 innerhalb der ARD koordiniert. Mit ihm sprach Dominik Pieper.
Herr Witte, wie wurden Sie zum "Tatort"-Erfinder?
Das war 1969. Mein Vorgesetzter, der damalige WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach, lud mich und meinen Kollegen Peter Märthesheimer zu einem Spaziergang durch den Kölner Stadtwald ein. Märthesheimer bekam dabei den Auftrag, eine Familienserie zu entwickeln, und ich sollte eine Krimiserie machen. Es ging darum, der wachsenden Konkurrenz durch das ZDF etwas entgegenzusetzen. Dabei hatte ich nicht einmal einen besonderen Bezug zu Krimis.
Wie sind Sie dann auf die Serie gekommen?
Ich erinnerte mich an eine dokumentarische Radiosendung, die es in den 50er Jahren beim RIAS gab: "Es geschah in Berlin". Das war so ein bisschen Vorbild. Dann kam mir der Gedanke, die föderale Struktur der ARD zu nutzen: Jede einzelne Sendeanstalt sollte einen Kommissar einbringen, der in den jeweiligen Filmen im Mittelpunkt stehen sollte.
Dann sollten die Krimis regional angesiedelt sein, und sie sollten Plattform für realistische und gesellschaftlich relevante Geschichten sein. Mehr Regeln brauchte es nicht.

Gunther Witte (81) stammt aus Riga. Er wuchs in Berlin auf und studierte Germanistik und Theaterwissenschaften.
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Wie kam die Idee bei der ARD an?
Als ich sie das erste Mal den Fernsehspiel-Vertretern der ARD vorstellte, herrschte fast eisiges Schweigen. Ich dachte: Das war's. Zwei Sitzungen später sollte ich das Ganze aber noch einmal vortragen. Diesmal war die Begeisterung so groß, dass wir nicht schnell genug beginnen konnten. Das Problem war: Wir hatten kaum Vorbereitungszeit und mussten nehmen, was wir kriegen konnten. Einige Sender haben 1970 einfach vorliegende oder gerade geplante Filme ins Rennen geschickt - die teilweise gar nicht ins Schema passten. Der erste "Tatort" vom Süddeutschen Rundfunk war ein Dokumentarfilm über das Mannheimer Rotlichtviertel mit nur wenigen Kommissar-Szenen. Der NDR verfilmte gerade Romane von Friedhelm Werremeier und hatte "Taxi nach Leipzig" fertig, das wurde die erste Folge. Beim WDR erklärten wir eine neue Serie mit dem Zollfahnder Kressin zum "Tatort". Die Figur war alles andere als realistisch, die Geschichten spielten teilweise im Ausland - insofern verstießen wir gegen die eigenen Regeln. Rückblickend war es gut so, denn der Kressin war ein Riesenerfolg, und mit Sieghardt Rupp hatten wir einen tollen Schauspieler.
Wie sieht es heute aus? Werden Ihre goldenen "Tatort"-Regeln beherzigt?
Das meine ich schon. Der "Tatort" hat sich immer wieder von selbst erneuert, und er erzählt mehr denn je gesellschaftlich relevante Themen. Es wird ja immer wieder kritisiert, es gebe inzwischen zu viele Kommissare und zu viele Schauplätze. Finde ich gar nicht! Diese Vielfalt bereichert den "Tatort".
Wer ist unter den aktuellen Kommissaren Ihr Favorit?
Die Münsteraner gefallen mir sehr gut, obwohl - oder gerade weil - sie mehr Krimikomödien machen. Auch die Filme mit Ulrich Tukur sind großartig, die fallen ja auch aus dem Rahmen. Der "Tatort" ist als Format so stark, dass er so etwas aushält. Mein Lieblingskommissar ist aber nach wie vor Schimanski, und das wird auch so bleiben.
Gab es auch Phasen, in denen man ans Ende der "Tatort"-Reihe dachte?
Eigentlich nicht. Wobei man schon sagen muss, dass ab Ende der 90er Jahre die Einschaltquoten ganz schön abgefallen sind. Aber das hat sich erstaunlicherweise ja wieder umgekehrt. Damals waren es vielleicht sechs Millionen Zuschauer pro Folge, heute sind es oft mehr als zehn Millionen.
Wie erklären Sie sich das?
Ich weiß es nicht. Haben Sie eine Idee?
Vielleicht hat der "Tatort" verstärkt jüngere Zuschauer gewonnen?
Das glaube ich nicht, der "Tatort" hatte immer viele junge Zuschauer. Auch das Public Viewing, das gemeinsame "Tatort"-Gucken in Kneipen, gab es schon früher. Es ist schon ein Phänomen.
Haben Sie die 1000. Folge schon vorab gesehen?
Ja, bei der Premiere in Hamburg. Es war eine schöne Idee, den Titel des allerersten "Tatorts" noch einmal zu nehmen - "Taxi nach Leipzig". Dass zwei Kommissare aus unterschiedlichen Regionen zusammen in Todesangst stecken - das gab es allerdings noch nie. Auch das ist eine Abweichung von den Regeln, aber das wird unseren Jubiläums-"Tatort" sicher nicht beeinträchtigen.
Zur Person
Gunther Witte (81) stammt aus Riga. Er wuchs in Berlin auf und studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. 1963 kam er als Redakteur und Dramaturg zur Abteilung Fernsehspiel des WDR in Köln, die er ab 1979 leitete. Er erfand und koordinierte bis zu seinem Ruhestand 1998 die "Tatort"-Reihe. Witte lebt in Berlin. (pd)
