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Jürgen Flimm im Interview„Für meine Generation ist Corona keine ungewohnte Erfahrung“

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Jürgen Flimm

  1. Jürgen Flimm (79) war von 1979 bis 1985 Intendant des Kölner Schauspielhauses.
  2. Nun kehrt der in Gießen geborene Theatermann mit „Don Karlos“ erstmals als Regisseur in die Stadt zurück, in der er aufwuchs.
  3. Vor der Premiere (18.12.) sprach er mit Hartmut Wilmes.

KölnAls Sie uns im Mai 1985 Ihr Abschiedsinterview gaben, sagten Sie: „Ich mache das noch ein paar Jahre, dann ist Schluss mit der Intendanterei.“ Es sind ganz schön viele Jahre geworden…Jürgen Flimm: Ja (lacht), immer wenn ich an einer Stelle müde wurde, kam so ein schickes Angebot, dass ich mir sagte: Das musst du noch machen. Dann folgten nach 15 Jahren Thalia-Theater vier tolle Jahre Ruhrtriennale, dann Salzburg, auch nur vier Jahre und dann acht glückliche Jahre an der Berliner Staatsoper mit Daniel Barenboim.

Da gab es keine Zeit für eine Arbeit in Köln…

Nein, privat war ich allerdings noch oft hier, und auch jetzt gerade werden viele Erinnerungen wach, mehr schöne als böse.

Welches ist die stärkste an Ihre Intendanz hier?

Wie unbefangen wir hier in die Stadt hinein gestartet sind, die Fenster und Türen aufgemacht haben und etwa im besetzten Stollwerck gespielt haben. All diese Projekte außerhalb des Gängigen, die waren faszinierend, auch „Theater der Welt“ 1981 mit Jérome Savary und allen Balletten von Pina Bausch – da haben wir die Stadt schön umgekrempelt.

Und wie ist es jetzt zu Ihrem „Comeback“ in Köln gekommen?

Stefan Bachmann, den ich schon lange kenne und gut leiden mag, hat mich gefragt. Und als es dann zeitlich klappte, haben wir zusammen „Don Karlos“ gefunden.

Ein sehr komplexes Stück…

..ja, ein Schiller-Stück eben, in dem er die politische mit der privaten Debatte verknüpft. Wir haben möglichst viele Girlanden, die Schiller da hineingestrickt hat, herausgenommen. Das Stück ist jetzt rasant geworden, konzentriert sich auf Philipp, den Sohn, die Frau. Ich finde den Karlos eine tolle Figur, ein ganz junger Kerl, der gegen die Generation seines Vaters keinen Fuß auf den Boden bekommt. Das kommt mir wahnsinnig bekannt vor.

Wie ja auch das Arbeiten im Interimsquartier, das sie in Berlin erlebt haben.

Aber vor allem bei der Ruhrtriennale. Das Depot hier ist ein typischer Ruhrtriennalenraum, und das gefällt mir sehr.

Ihr bildmächtiges Theater hat sich immer kraftvoll ans Publikum gewandt, das nun in Corona-Zeiten nicht im Saal sein darf.

Ich sehe Corona als Naturkatastrophe. Die wird noch dauern, aber ist irgendwann vorbei. Für meine Generation, die im Krieg mit Hunger und Kälte aufwachsen musste, ist Corona doch keine ungewohnte Erfahrung. Die Toten sind natürlich auch furchtbar. Aber wir haben zu essen, wir haben es warm - es ist nur dieses Stückchen Stoff vor der Nase. Und ein bisschen Disziplin kann auch nicht schaden, wir halten ja auch an der roten Ampel. Und wir können Theater machen und unseren Beruf ausüben. Das ist ein Zeichen: Wir sind da und können sofort wieder starten.

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Wo stehen Sie in dieser uralten Spannung zwischen Werktreue und der Freiheit der Regie?

Natürlich ist da zuerst einmal der Text. Aber dann schaut man doch, wie viel Gegenwart man da hineinkriegt. Wir sind doch die gegenwärtigste Kunst überhaupt, müssen also die Vorlage aufknacken und sehen, wie etwa so ein Satz wie „Geben Sie Gedankenfreiheit“ zustande kommt.

Es gibt ja durchaus despotische Regisseure, zählen Sie dazu?

Nein, ich kann den Schauspielern nicht etwas aufs Auge drücken, was sie ablehnen, aber dann 30 Mal spielen und das Publikum trotzdem begeistern sollen. Da ist es besser, wenn etwas Anderes im Disput mit den Schauspielern entsteht.

Aber das Klischee der „rheinischen Frohnatur“ nervt Sie auch ein bisschen, oder?

Die rheinische Frohnatur kann man nur verstehen, wenn man weiß, was Aschermittwoch ist. Beide existieren nicht ohne einander.

Wie sind Sie eigentlich vom Schauspiel- auch zum Opernregisseur gekommen?

Weil ich in Köln aufgewachsen bin und so die ganze Entwicklung der Neuen Musik mitbekommen habe. Ich zitiere nun im „Karlos“ ganz kurz den „Gesang der Jünglinge“ von Stockhausen. Das war das Schlüsselerlebnis. Mein Freund war Johannes Fritsch, ein Schüler von Bernd Alois Zimmermann, den ich dann wie auch Stockhausen kennengelernt habe. Meine allererste Oper, die ich inszeniert habe, war Luigi Nonos „Al gran sole carico d‘amore“. Später kam die Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt, mit dem ich viele Dinge aus der alten Musik gemeinsam gemacht habe.

Was geht Ihnen leichter von der Hand, Musik- oder Sprechtheater?

Kann ich gar nicht sagen. In der Musik stehen Dynamik, Rhythmus und Zeit fest. Im Schauspiel kann ich den „Hamlet“ in zwei oder sieben Stunden spielen. Dafür muss ich Rhythmus und Dynamik erst noch erfinden. Mozart ist schon ein toller Regieassistent. Das macht es leichter, aber auch schwerer, weil einen der Komponist ganz schön an die Kandare nimmt. Umgekehrt ist es auch nicht schlecht, wenn bei der Probe der Kollege Shakespeare neben einem sitzt…

Was war denn die schönste Station in ihrer Laufbahn?

Berlin war toll…

… obwohl manche befürchtet hatten, die Alpha-Tiere Flimm und Barenboim würden einander arg ins Gehege kommen.

Dazu sind die Alpha-Tiere viel zu klug. Wir sind dick befreundet, das war ein Geschenk, am Ende eines langen Theaterlebens so einen Tusch zu haben. Köln war schön, weil wir so unglaublich jung und frech waren. Am Thalia habe ich mich sehr wohl gefühlt, und Salzburg hat mir als Regisseur viel gegeben. Aber Intendant in Salzburg – da bin ich geflohen vor zu vielen Intrigen.

Und nun doch noch mal Köln.

Ich fühle mich hier sehr wohl, und die sollten mit dem Stefan ruhig noch ein bisschen verlängern. Der macht das sehr gut, und der Markt ist ja nicht überschwemmt von guten Leuten.