Von sechs Katseye-Mitgliedern schaffen es nur vier in Köln auf die Bühne. Aber die sind gut genug.
Katseye in der Lanxess-ArenaWeltweit erfolgreichste Girl-Group in Köln – Junge Fans rasten aus

Katseye performen auf ihrer The-Wildworld-Tour
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„Eyelighter“ nennt sich der offizielle Leuchtstab der Girl-Group Katseye. Eine Plexiglaskugel mit Katzenaugen-Emblem und weißem Griff, die während der Konzerte der Band in wechselnden Farben, aber zentral gesteuert, erstrahlt. Von den LED-Wänden hinter der noch leeren Bühne in der Lanxess-Arena erinnern die vier heute Abend auftretenden Katseye-Damen ihre Fans geschäftstüchtig daran, sich doch zuerst ihren Eyelighter zu besorgen.
Erwerben kann man ihn an den über den Rundgang der Arena verteilten Merch-Ständen. Allein auf dem Weg zu den Plätzen passieren wir vier solcher Stände. Alle vier sind von Fantrauben umlagert. Die Halle ist wegen des großen Andrangs nur in einer Richtung zu umkreisen. Draußen reichen die Schlangen bis unten zur KVB‑Station. Das blinkende Plastikding kostet rund 70 Euro, die Batterien muss man selbst mitbringen.
Hartes Casting-Programm als Netflix-Serie
Im südkoreanischen Pop ist das seit rund 20 Jahren Usus, dass jede Gruppe ihren eigenen Lightstick verkauft, mit dessen Hilfe die jeweiligen Fans dann ihre Begeisterung in Lichtspuren kanalisieren können. Aber Katseye, die derzeit erfolgreichste Girl-Group, steht streng genommen nur mit einem halben Bein im K-Pop-Universum.
Sie ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem amerikanischen Label Geffen Records – zu dem Künstler von Aerosmith über Olivia Rodrigo, bis Neil Young gehören – und der südkoreanischen Hitfabrik Hybe Corporation. Schon das harte Casting-Programm wurde in der Netflix-Reality-Serie „The Debut: Dream Academy“ verwertet, sodass sich die sechs auserwählten jungen Frauen, deren Wurzeln von Seoul bis Zürich reichen, bereits mit ihrer ersten Single „Debut“ auf eine treue Anhängerschaft verlassen konnten.
Das war vor zwei Jahren. Ausgerechnet jetzt, auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Erfolges, zeigen sich die ersten Auflösungs- und Abnutzungserscheinungen: Zwei Katsey-Mitglieder haben aus physischen und psychischen Erschöpfungsgründen eine Auszeit genommen, seit Februar dieses Jahres die im schweizerischen Kanton Luzern aufgewachsene Manon Bannermann und nun auch die New Yorkerin Sophia Laforteza.
Das verbliebene Quartett aus Daniela, Lara, Megan und Yoonchae schultert die Last der hohen Erwartungen jedoch scheinbar mühelos. Bindet die Blicke in der ausverkauften Arena ohne weiteren Schnickschnack, allein mithilfe einer spärlich eingesetzten Tanztruppe. Ober- und Unterbühne bleiben leer, das neonbunte Umfeld schaffen allein LED-Schirme, verwandeln das Setting in die Schlüsselorte der modernen Welt: das Rechenzentrum und den 24-Stunden-Shop.
Katsey tragen ebenso farbenfrohe Bikinikostüme, Katy-Perry-Style, später dekonstruierte, strategisch freigelegte Business-Klamotten. Ihre Songs sind auf Krawall und maximale Eingängigkeit gebürstet, maßgeschnitten auf ihre optimale Tiktok-Verwertbarkeit. Das macht, man kann es nicht anders sagen, großen Spaß, angefangen mit ihrem aktuellen Hit „Hootie Frutti“, der Trend-Lebensmittel wie Matcha-Grüntee und japanische Mochi-Reiskuchen zu sexuellen Metaphern auflädt.
Die zweite Nummer, „Internet Girl“, flirtet sogar noch offensichtlicher mit warenförmigen Anhäufungen allerlei Unsinns: „Eat Zucchini“, rufen die Fanscharen ihnen entgegen. Der LED-Schirm zitiert abstürzende Windows-Programme anno 2000: Das Internet und die unter dem Begriff „Brainrot“ zusammengefasste Hirnerweichung durch den Überkonsum seiner Inhalte, sie sind für diese jüngste Generation an Konzertgängern Nostalgiematerial. Das seltsame Gewurstel, bevor man einfach Chat-GPT fragte.
„I’m the shit“, rufen zwei achtjährige Mädchen aus
Sie sind schon sehr jung, diese Fans. Hinter uns schreien sich zwei höchstens achtjährige Mädchen die Seele aus dem Leib, quietschen mit ihren Micky-Maus-Stimmen „I’m the shit“, eine Zeile aus dem frühen Katseye-Hit „Gnarly“. Turbokapitalismus beiseite: Kann es nicht der weiteren Entwicklung nur förderlich sein, wenn Aufwachsende sich dermaßen abgeholt und in ihrem Sosein bestätigt fühlen, dass sie mit größter Freude „Ich bin der Hammer“ ins Arenarund rufen?
Später pickt dann Daniela Avanzini, US-Amerikanerin mit Wurzeln in Kuba und Venezuela, eine Zwölfjährige aus der Masse, als „Gabriela“ des Abends – und selbstredend beherrscht diese die Choreografie des gleichnamigen Hits perfekt. Den kann man sich als Hybrid aus Dolly Partons „Jolene“ und Madonnas „La Isla Bonita“ vorstellen. Katseye hängen noch dazu eine Flamenco-Tanzeinlage dran, zu viel ist gerade genug.
„Animal“ erinnert an Britney Spears Millenniums-Hit „Toxic“, „I’m Pretty“ leiht sich coldplaysche Euphorie aus. Katseye benutzen Pop als Krimskramsladen. Lara Rajagopalan, Tochter tamilischer US-Immigranten, hat als einzige sogar einen selbstverfassten Song im Gepäck: „Unloveu“. Es geht, natürlich, um die erste Herzensbrecherei. Den singt sie jetzt koloraturenreich am Stehklavier, fährt dann auf der Hebebühne ihren Trockeneis-umwaberten Bandkolleginnen entgegen.
Gefeiert wird die globale Solidarität unter den Geschlechtsgenossinnen, gelobt werden die süßen, die schüchternen, die glamourösen, aber eben auch die „mean girls“. Für sie alle leuchten die Stäbe, strahlt das Popglück. Die Batterien laden sich so fast von selbst auf.
