Steigende Kosten, Kürzungen im Kultursektor, der Aufstieg autoritärer Kräfte: Die europäische Jazz-Branche beriet in den vergangenen Tagen über Wege, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen.
Eine Branche in der KriseEuropean Jazz Network berät in Köln über die eigene Zukunft

V.l.n.r.: Moderator Virgo Sillamaa spricht mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, Shabnam Parvaresh, Daniel Zimmermann und Eric Birath über die derzeitige Lage in der Jazz-Branche.
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„Die neue Realität ist, dass sich unsere Branche in der Krise befindet“, konstatiert das European Jazz Network (EJN) im Vorwort zum Programm der European Jazz Conference. 440 Fachgäste aus 38 Ländern trafen sich in Köln und damit erstmals in Deutschland, um unter dem Motto „Who We Are, What We Stand For“, zu Deutsch „Wer wir sind, wofür wir stehen“, über die Zukunft des Jazz sowie die Rolle seiner Akteurinnen und Akteure zu diskutieren. Wie andere nischige Kunstsparten muss auch die Jazz-Szene kämpfen. Darum, „mit den steigenden Kosten fertig zu werden, angesichts sich wandelnder kultureller Prioritäten den Kopf über Wasser zu halten“, darum, „das Publikum zu binden und trotz alledem optimistisch zu bleiben.“
Hinzu komme der besorgniserregende, weltweite Aufstieg autoritärer und nationalistischer Kräfte, stellte der britische Jazzmusiker Alexander Hawkins bei seiner Keynote fest. „Wir alle hier im Raum werden wahrscheinlich die Auswirkungen dieses politischen Klimas auf unterschiedliche Weise zu spüren bekommen: drastische Mittelkürzungen – sofern wir überhaupt zu den Organisationen zählen, die das Glück haben, Fördermittel zu erhalten. Und womöglich auch Kürzungen beim Personal – sofern wir das Glück haben, überhaupt über Personal zu verfügen.“
Das Haus muss sich vom Wespennest wegbewegen
Sich aber dieser politischen Entwicklung konfrontativ entgegenzustellen, halte er nicht für zielführend, meinte Hawkins. Dafür seien Organisationen wie das EJN zu wenig potent und die Kunst letztendlich zu unbedeutend. Vielmehr plädierte er dafür, sich zu emanzipieren: „Wenn ich einen Wespenstich von einem Nest in meinem Haus habe, will ich ihn behandeln, um den Schmerz zu lindern. Noch grundlegender ist jedoch, dass ich eigentlich entweder das Nest aus meinem Haus entfernen muss, oder – so unwahrscheinlich das klingen mag – mein Haus aus der Nähe des Nests wegbewegen muss.“
Es wäre großartig, wenn die Mitglieder der Branche einen gesellschaftlichen Kontext außerhalb der ökonomischen Norm schaffen könnten, in dem sich alle Konzerte und verwandten Aktivitäten ohne externe Geldspritzen selbst finanzierten, sagte Hawkins. Ziel müsse es sein, dass die Branche in all ihrem Handeln – sei es bei der Programmgestaltung oder in der Art und Weise, wie man miteinander kommuniziere – ein Beispiel für eine gerechte Gemeinschaft darstelle. So könne Chancengleichheit oder unabhängiges, kritisches Denken vorgelebt werden.
Die „Monheim Triennale“ als mahnendes Beispiel
Was es für die Kultur bedeuten kann, wenn sich der politische Wind dreht, wusste Daniel Zimmermann, bis zum vergangenen Jahr Bürgermeister von Monheim, zu berichten. Seit den Kommunalwahlen im September 2025 gebe es eine neue Mehrheit im Rathaus, die sich gegen eine Fortführung der „Monheim Triennale“, ein internationales Festival der Musikavantgarde, in ihrer bisherigen Form gestellt habe. Diese Entscheidung sei nicht auf politischen Extremismus zurückzuführen; das Ratsbündnis besteht aus CDU, SPD, Grünen und der FDP. „Das hat mit mangelndem Interesse an Kultur zu tun, und damit, dass diese Mehrheit deren Relevanz nicht anerkennt.“
Auch konkrete Ansätze, um das Überleben von Jazz-Festivals oder -Clubs zu sichern, wurden auf dem Branchentreffen diskutiert. Wie Çağıl Özdemir, Mitgründerin des türkischen „Bozcaada Jazz Festival“, berichtete, tragen strategische Partner dort die eigenen Logistikkosten. Eric Birath, Direktor des Stockholm Jazz Festivals, erzählte, dass er sein erstes Festival ohne Förderung und Ticketverkauf nur über Bierverkauf finanziert habe. Daniel Radtke vom Warschauer Jazz-Club „Pardon, To Tu“ riet dazu, ganz klein anzufangen und organisch zu wachsen. „Man muss einen Weg finden, Vertrauen aufzubauen. Dadurch baut man Loyalität auf, und dadurch entstehen Gemeinschaften.“ Er tue das, indem er sich bei jedem Gast persönlich für den Besuch bedanke.
