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Uraufführung am Schauspiel KölnRat mal, wer zum Opferfest kommt!

3 min
opferfest premiere

Selbstbewusst: Die Puppen (hier geführt von Magda Lena Schlott, l., und Anna Menzel) greifen ins Geschehen ein. Foto: Thomas Aurin

Köln – Das Theater ist ein wunderbar geschützter Raum, in dem sich herrlich agieren lässt. Beim (coronageschuldeten) Spiel draußen vor der Tür des Depots ist das nochmal eine ganz andere Sache: Da muss man sich gegen das Stimmengewirr von der Außengastronomie behaupten, gegen vorbeifahrende Autos, gegen Flugzeuge, die doch in recht hoher Taktung über Köln-Mülheim hinwegfliegen. Damit kann man rechnen, sich dagegen wappnen. Und so sind die lauten Flugzeuge auch Teil des Textes von Ibrahim Amirs Stück „Opferfest“, das am Freitag seine Uraufführung feierte.

Womit aber niemand rechnen kann, sind Passanten, die den ungewohnten Geräuschen hinter dem Hügel im Carlsgarten nachgehen. (Obacht! Folgende Beobachtung ist aus der eurozentristischen Sicht des bio-deutschen Rezensenten geschildert!) Während sich Benjamin Höppner als Rashid und Alexander Angeletta als Walid ein Wortgefecht zum Thema Schlachten liefern, aus dem das Wortpaar „halal – haram“ hervorsticht, taucht ein älterer türkischer Herr auf.

Die unsichtbare vierte Wand

Er nähert sich nicht nur interessiert der Szene, sondern durchschreitet die unsichtbare vierte Wand, um beschwichtigend auf die Streithähne einzuwirken. Bis er bemerkt, dass sie Theater machen, verschmitzt lächelt und von dannen spaziert, begleitet vom Szenenapplaus des Premierenpublikums.

Ein Rest Irritation bleibt, denn er hätte gut eine Figur in Amirs Stück sein können, ein Verwandter der syrischen Familie, die in einem Vorort Wiens das islamische Opferfest begehen will. Anlass des Feiertages ist eine Geschichte, die sich auch im Alten Testament findet: Ibrahim/Abraham wird von Gott auf die Probe gestellt, ob er bereit ist, seinen Sohn Ismael/Isaak zu opfern.

Familie und Verwandtschaft kommen zusammen

Und ähnlich wie beim christlichen Weihnachtsfest kommen Familie und Verwandtschaft zusammen. Es wird gegessen, geredet und gestritten. Reibungspunkte gibt es reichlich: Walid hat den Koran für sich entdeckt, sein Bruder Hasan (Thomas Müller) ist zwar mit seinem kleinen Sohn Mohamad, aber ohne Gattin angereist. Vater Rashid und Mutter Sara (Lola Klamroth) rätseln über die Gründe.

Den größten Clou schleift Tochter Ranya (Kristin Steffen) im Schlepptau ins familiäre Gefecht: ihren Freund Max (Janek Maudrich) – eine Konstellation, die an „Rat mal, wer zum Essen kommt“ erinnert, in dessen Verfilmung sich Spencer Tracy und Katherine Hepburn mit der Idee von Sidney Portier als Schwiegersohn auseinandersetzen müssen.

Löst diverse Reaktionen aus

Während des „Opferfestes“ löst der vegane Ethnologiestudent ähnlich diverse Reaktionen aus wie der schwarze Arzt im San Francisco der 1960er Jahre. So wie überraschende Neuzugänge in praktisch allen Familien, so dass sich auf dieser boulevardesken Ebene leicht andocken und unbeschwert (mit-)lachen lässt.

Doch jenseits des Theaters am Dom zieht Ibrahim Amir in seiner vierten Arbeit fürs Kölner Schauspiel (nach „Heimwärts“, „Habe die Ehre“ und „Stirb, bevor du stirbst“) noch weitere Stränge ein: Rentner-Nachbar Jörg (hinter einer Gummimaske: Yuri Englert), dessen Nazi-Vater nach dem Zweiten Weltkrieg nach Syrien floh, grantelt sich durchs Geschehen. mal kommentierend, mal provozierend, mal agitierend.

Kinder verkörpert durch Puppen

Und dann sind da drei Halbwüchsige und das Baby Mohamad, verkörpert durch Puppen von Hagen Tilp, wie sie in jeder Sostmann-Inszenierung eine Rolle spielen. Im „Opferfest“ sind sie Kommentatoren, lenken die handelnden Person, korrigieren sie und sinnieren etwa über die Tatsache, dass hier eine syrische Flüchtlingsfamilie von Ensemblemitgliedern eines deutschen Schauspielhauses dargestellt wird. Eine Frage, die aber nicht weiter verfolgt wird, da in eine schlüssige Antwort der Aspekt mit einfließen müsste, wer dann noch Italiener bei Shakespeare oder Franzosen bei Schiller spielen dürfte.

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