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Kölner ChorkonzertKlangschön und am Schluss ergreifend

2 min
Menschen gehen in die Kölner Philharmonie.

Der Eingang zur Kölner Philharmonie

Nico Köhs dirigiert Michael Tippetts Antiterror-Oratorium „A Child of Our Time“ mit großer Chorbesetzung in der Kölner Philharmonie.

„A Child of Our Time“ – das ist für den englischen Komponisten Michael Tippett der Jude Herschel Grynszpan, der, getrennt von seiner Familie, 1938 im Pariser Exil den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath erschoss. Dieser Mord war für die Nazis der Vorwand für Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in den Novemberpogromen. Michael Tippett schildert in diesem gut einstündigen Werk, was Ausgrenzung und Verfolgung bedeuten, und verbindet das ganz konkret – wenn auch in anonymisierter Form – mit der Figur des Attentäters. Tippett ist aber weit davon entfernt, das Attentat zu rechtfertigen: „Auch er ist verstoßen, sein Menschsein zerbrochen…“, singt der Basssolist am Schluss zu dumpfen Horn- und Posaunentönen.

Nico Köhs und Anna Goeke-Paganetti haben großartige Arbeit geleistet

In der Anlage des Werkes ließ sich Tippett sicher von Händel und Bach inspirieren. Es gibt wie in den Passionen Gewaltschilderungen des Terrors, der hier als Person erscheint: „Burn down their houses!“ als Fuge in präzise schneidenden Tonfolgen. Es gibt Erzählpassagen ähnlich denen des Evangelisten, und es gibt Choräle – bei Tippett Spirituals –, die man alle wiedererkennt, auch wenn sie in seine gemäßigt moderne Tonsprache gekleidet sind. Gesungen wurden sie in der von Nico Köhs geleiteten Sonntagvormittag-Aufführung in der Philharmonie vom Philharmonischen Chor Köln und dem Rodenkirchener Kammer-Chor. Das war klangschön und am Schluss auch ergreifend, wenn das Stück in insistierender Artikulation der Chöre („I want to cross over into camp-ground“) und darüber liegenden Vokalisen der vier Solisten förmlich verstummt.

Köhs und Anna Goeke-Paganetti (die den Rodenkirchener Chor einstudiert hat, aber am Sonntag erst zum Beifall auf dem Podium erschien) haben großartige Arbeit geleistet. Tippetts bekanntestes Werk erklang ohne falsches Pathos. „Ist Böse denn gut? Ist Vernunft unwahr?“, klang wie ein Aufschrei, aber verhalten und fragend. Tippetts Zeitzeugenschaft – das Werk ist zwischen 1939 und 1941 entstanden – ist unüberhörbar, aber seine Botschaft ist nicht resignativ. „Es ist Frühling“, singen die Chöre am Schluss.

Eingeleitet wurde das Konzert mit Schumanns „Requiem für Mignon“. Die zarten Klänge, die dieses an gebrochenem Herzen gestorbene Kind verklären, hätten sich nicht mitgeteilt, wenn nicht das Vokalensemble Onzemble Coeln die Solopartien (anstelle von Solistinnen) gesungen hätte. Diese ehemaligen Sängerinnen des Mädchenchores am Kölner Dom, die unten beim Orchester anstatt auf der Chorempore Platz nahmen, gaben dem Ganzen eine besonders aparte Note. Ein verlässlicher Begleiter, durchaus mit markantem Ausdrucksgehalt bei Tippett, war der aus dem Neuen Rheinischen Kammerorchester Köln und dem Rodenkirchener Kammer-Orchester zu einem Großensemble angewachsene Klangkörper aus Profis und Amateuren.